Far Cry 6

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Far Cry 6 Review

Viva la revolución!

Triple-A-Spiele sind in den vergangenen Jahren schwierig zu bewerten geworden. Die Videospielindustrie folgt immer mehr dem Trend, der auch die Film-Branche seit geraumer Zeit heimsucht und der mir persönlich absolut nicht zusagt – zumindest nicht in dem Ausmaß, in dem ich diesen eben vorfinde. Es geht im speziellen Fall der Videospiele um Fortsetzungen, deren Ziffer – oder manchmal auch schon Zahl – hinter dem Namen immer weiter ansteigt. Bekannte Marken lassen sich nun mal besser verkaufen und der Mensch ist eben auch ein Gewohnheitstier. Zwei Aspekte, denen ich nichts abgewinnen kann, aber damit in der Minderheit stehe. Mir wäre es lieber, Publisher würden mehr Mut und Ideen zu Neuem zeigen, als den alten Schinken nochmals aufzuwärmen, das Setting zu ändern und eine neue Zahl dahinterzuschreiben. Das Problem bei Ubisoft-Spielen geht aber noch ein Stück weiter und zieht sich quasi wie ein roter Faden durch das gesamte Portfolio. Da reden wir natürlich von der berühmt-berüchtigtem Ubisoft-Formel, die schon gut und gerne ihre 15 Jahre auf dem Buckel hat. Daher reden wir heute wohl nicht über Far Cry 6, sondern über Ubisoft-Spiel 25 … oder so.

Far Cry 6 versetzt euch jedenfalls auf die fiktiven Inselgruppen von Yara, einem von Antón Castillo (gespielt von Giancarlo Esposito) diktiertem Land. Dieser versucht seinem Sohn Diego seit einiger Zeit die Führung des Landes beizubringen, damit er eines Tages in seine Fußstapfen treten und das Land fortan regieren kann. Dieser ist aber alles andere als angetan von dieser Idee und versucht gar zu flüchten, um den Machenschaften seines Vaters zu entkommen. Bei diesem Fluchtversucht kreuzen sich auch erstmals die Wege von Antón und dem Protagonisten des Spiels, Dani, einem Guerilla-Soldaten dessen Geschlecht ihr eingangs festlegen könnt und welcher für den Erfolg der Revoltion am Ende den Ausschlag geben soll. Eure Aufgabe ist es nämlich, euch nicht nur der Revolution anzuschließen, sondern auch die drei konkurrierenden Gruppen auf den Inseln zu einem Konsens zu verleiten, um schlussendlich gemeinsam gegen das Regime anzukämpfen. Dabei bekommt ihr auch eigene Handlungsstränge vorgesetzt, die wenig miteinander zu tun haben und unterschiedlicher nicht sein könnten. Dabei werden sowohl ernste, als auch völlig absurd-ulkige und überzeichnete Töne angeschlagen, welche nicht immer so gut rüberkommen. Ich hatte definitiv mehr Gefallen an den ernsten Darstellungen, als an gezwungen lustigen Charakteren und Story-Aspekten, die oft auch gar nicht zum Thema des Spiels passten. Irgendwie erlebt man da eine Achterbahnfahrt der Gefühle, wo man manchmal nicht weiß, wie ob man lachen oder heulen soll. Da schießt sich Far Cry 6 wohl selbst ins Knie. Vielleicht werden andere Spieler aber auch Spaß daran finden – solche Eindrücke wirken auf viele Menschen – je nach Gefühlslage und Erwartungshaltung – eben anders. Für meinen Geschmack muss auch nicht jedes Spiel eine epische und Hollywood-reife Story erzählen, aber zumindest einen roten Faden sollte man schon vorfinden können.

Was das Gameplay anbelangt, so ist es der übliche Shooter, der wohl seine Momente hat und auch reichlich Abwechslung bietet. Das gilt sowohl in Bezug auf die Entscheidungsfreiheit der Vorgehensweise – sei es im Stil von Sam Fisher oder auch wie Leroy Jenkins: Rein ins Getümmel! –, als auch der Waffenvielfalt und dem Einfallsreichtum in puncto Mods für eure Waffen oder auch Amigos als Begleiter. Amigos sind tierische Freunde, die an eurer Seite kämpfen können, sich in den einzelnen Fähigkeiten unterscheiden und per Knopfdruck kommandiert werden können. Mods für eure Waffen könnt ihr hingegen an Werkbänken herstellen und in dafür vorgesehene Mod-Plätzen anbringen. Diese beeinflussen dann eure Schusskraft, die Effektivität gegen Panzerung oder ähnliche Aspekte. Diese gibt es übrigens nicht nur für Waffen, sondern auch für euer Vehikel. Apropos Vehikel: davon könnt ihr natürlich auch unterschiedliche Ausführungen in eure Gewalt bringen und im Einsatz nutzen oder auch waghalsige Manöver riskieren, wie beispielsweise einen Anflug mit einem Gleitschirm durchführen, um euch gleich in Szene zu setzen. Bevorzugt ihr lieber den Stealth-Ansatz, so ist wohl euer Smartphone euer bester Freund, mit welchem ihr das Gebiet bzw. die Festung ausspionieren könnt und so Eigenschaften wie beispielsweise die Schäche eurer Widersacher in Erfahrung bringt. Dieses wird auch genutzt, um euch weitere Informationen bzw. Fotos zu eurer Mission bereitzustellen und in Verbindung mit dem Auftraggeber zu bleiben. Far Cry 6 wäre aber wohl kein Far Cry, wenn nicht auch ganz abgedrehte Waffen mit von der Partie wären, wie beispielsweise der … nennen wir ihn einfach mal Multi-Rohr-Raketenwerfer, welcher mit austauschbaren Geschossen von eurem Rücken aus das Schlachtfeld bombardieren kann. Generell werdet ihr den ein oder anderen Moment vorfinden, der eine richtig gute Mission für euch parat hält, wobei es natürlich auch die üblichen Missionen gibt, die man sich hätte sparen können, welche aber die Spielzeit auf rund 30 Stunden strecken. Vor allem Missionen, bei denen viel geredet wird, man dem Charakter nachlaufen muss, dieser aber irgendwo stecken bleibt, weil die K.I. den nächsten freien Pfad nicht auf Anhieb finden kann. Das sorgt dann für Frust und Lacher gleichzeitig, ist aber ein langjährig bestehendes Problem in allen Ubisoft-Spielen der letzten Jahre und verschwendet einfach nur Zeit.

In eurem Camp, in welchem ihr seltsamerweise exklusiv per Thrid-Person-Kamera zu sehen seid, spielt sich auch einiges an Micromanagement ab. Hier habt ihr Zugang zu Missionen, in welchen ihr eure Rekruten entsendet und dann nur mehr per Auswahlverfahren eure Belohnung abräumt, wobei jeder Pfad auch seine Nachteile mit sich bringt. Beispielsweise verliert ihr einige Rekruten, sahnt aber bessere Belohnungen ab, wohingegen es auch sichere Pfade gibt, die keinen Verlust einbringen, aber auch nicht das beste Loot. Dann könnt ihr noch euer Netzwerk ausbauen, die dann als Schnellreisepunkte anzusteuern sind und als “Turm-Ersatz” fungieren. Ein Hahnenkampf im Stile von Street Fighter & Co. als seitlich scrollendes Beat ’em up ist ebenfalls vertreten. Böse Zungen mögen behaupten, dass Hahnenkämpfe nicht ganz so toll sind, aber immerhin handelt es sich hier um ein Spiel und man sollte das wohl mit ein wenig (schwarzem) Humor sehen. Für all jene, die dem aber doch abgeneigt sind, gibt es auch die Möglichkeit sich mit Freunden an diverse Missionen ranzuwagen, was aber nicht als vollwertiger Mehrspielermodus gesehen werden sollte. Dennoch bietet sich neben der Hauptgeschichte jede Menge Zeug an, das ihr in Angriff nehmen könnt und so bekommt ihr unterm Strich definitiv ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Mich persönlich stört es aber einfach, dass Ubisoft (und alle anderen Publisher) sich nicht mehr trauen, als Altbekanntes aufzuwärmen. Ich bezweifle zwar, dass man das Shooter-Genre noch in irgendeiner Form großartig revolutionieren kann, aber so bleibt es halt lediglich ein Shooter von vielen, von dem in einigen Jahren keiner mehr reden wird, weil er schlichtweg keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, wie beispielsweise ein Half Life 2, BioShock oder auch Call of Duty 4. Alle Far Cry Fans, die einfach mehr Far Cry haben möchten, werden hier definitiv fündig. Alle anderen, die das “nächste große Ding” suchen, aber eher nicht.


Wir bedanken uns beim Publisher für die Bereitstellung eines Testmusters. Bitte beachtet auch unsere Wertungs-Richtlinien, an denen wir uns orientieren.

The Good

  • Viel Spielzeit und Umfang für Far Cry Fans
  • Abwechslungsreicher Spielstil
  • Verrückte Ideen und Waffen

The Bad

  • Die Präsentation der Geschichte sucht den roten Faden
  • Keine wirklich prägnanten "Killerfeatures"
  • Die altbackene Ubisoft-Formel lässt das Spiel mutlos wirken
7

Written by: Michael Pölzl

Geschichten-aus-dem-Leben-Erzähler Wenn mein Handy läutet, lese ich zumeist Namen am Display, die mir schlaflose Nächte bereiten werden. Dieses Mal war es aber gar nicht mal so schlimm, denn es ging um ein Projekt, an dem viel Nostalgie hängt und zugleich ein Thema behandelt, welches genau meinen Nerv trifft: Videospiele! Meine Laufbahn in der Branche hat nun doch schon einige Jahre am Rücken und auch diesmal konnte ich nicht "Nein" sagen. Das Extraleben musste abermals eingeworfen werden und Continue wurde endlich Realität. Aber was mache ich hier eigentlich? Nunja, ich werde mein Auge auf alle technischen Dinge hier werfen und wohl auch das ein oder andere Mal über meine Geschichten aus dem Videospielleben erzählen. Und davon habe ich viele auf Lager, stay tuned! Ach und Leserpost ist natürlich immer willkommen: poelzl@continue-magazin.at