Zocken wie auf Wolke sieben?

Ihr seht sie auf Turnieren, im Live-Stream bei Twitch und auf großen LAN-Parties: Schreibtischstühle speziell auf „Gamer-Bedürfnisse“ zugeschnitten. Marketing-Gag oder Qualitätsprodukt? Ich habe recherchiert, Anbieter abgegrast und bei DXRacer zugeschlagen. Ob mich das Modell glücklich macht und ihr sowas auch braucht, klär ich obendrein!

Ein Zocker auf der Suche nach einem neuen Schreibtischstuhl wird unweigerlich über die Marken DXRacer, NEEDforSEAT und AKRacing stolpern. So geschehen bei mir: Mein alter, knarzender und quietschender, durchgesessener und auf einer Seite mehr nachgebener Sessel, wollte nach sieben Jahren in den wohlverdienten Ruhestand. Da auch Gamer nicht jünger werden und unsere Rücken sowieso mehr leiden als die anderer Menschen, plante ich um etwa 300 Euro einen Nachfolger zu suchen. Die Suchergebnisse waren von den Gaming-Stühlen zugepflastert. Die Meinungen hierzu gehen stark auseinander: Viele halten es für Ramsch zum Wucherpreis, andere schwören auf die Modelle und loben insbesondere den Sitzkomfort.

Nachdem ich den Preisvergleich, Herstellerseiten, Amazon und diverse Foren durchkämmte, Reviews las und fachsimpelte, wurde mir klar, dass die Produktvielfalt mich nahezu erschlägt, obwohl die Sessel dem gleichen Schema (ein auf Rollen gesetzter, sportlicher Autositz in feschen Farben) folgen. Ich habe über diese Thematik auch noch nie wirklich nachgedacht und überhaupt erst zwei Schreibtischstühle besessen, die über 14 Jahre lang zuverlässig funktionierten und die 200 Euro-Grenze nicht mal knapp streiften. Nutzer, die im Jahresrhythmus einen Sessel verschleißen, konnte ich daher nur mit ungläubigen Blicken missbilligen.

Aufgrund der gegebenen Informationen auf den Herstellerseiten, Reaktionszeit und Ausführlichkeit des Supports sowie einigen Reviewers, entschied ich meine Suche auf DXRacer zu beschränken. Hinzu kommt die Banalität, dass nur DXRacer neben Kunstleder ebenfalls eine größere Auswahl an Stoffbezügen anbietet.

IMG_1037

Das schlichteste Modell bei DXRacer: Einfarbig schwarz und ohne viel Gaming-Aufschrei.

Informieren, Messen, Informieren

DXRacer vertreibt in Europa sechs Modelle, die sich von der Größe als auch den Features unterscheiden. Bevor ihr euch alle Modelle und deren Variationen anschaut, würde ich mich erstmal selbst vermessen und den Blick auf diese praktische Übersicht richten – die Größen müssen allerdings nicht zwingend eingehalten werden, ein Freund von mir hat trotz 15 cm Überschuss auf der kleinen Formula Series genug Platz. Mit meinen 1,83 cm bei 68 kg blieben noch drei Modelle übrig, zwei davon übertrafen meine Budgetgrenze deutlich, daher hört meine einzige Option auf den Namen Racing Series.

Um wirklich sicher zu gehen, dass euch ein gewünschtes Modell passt (Hinfahren und Ausprobieren entfällt in 98% der Fälle), solltet ihr die Maße eures alten Sessels mit denen des potenziellen Nachfolgers und euren tatsächlichen Abmessungen vergleichen. Damit könnt ihr euch ein ungefähres Bild machen, ob das Kopfkissen auf der richtigen Höhe ist, die Oberschenkel genug Platz haben und die Beine nicht zu weit von der Sitzfläche hinausragen.

Ich war mir bei der Racing Series sehr sicher, da ich auf YouTube ein paar Reviewer mit ähnlicher Statur sah, die sehr zufrieden über den Sitzkomfort waren und perfekt reinpassten.

Hebel zum Glück: Höhe als auch Rückenlehne können in Sekundenschnelle angepasst werden.

Hebel zum Glück: Höhe als auch Rückenlehne können in Sekundenschnelle angepasst werden.

Features vs. Preis

Jedes Modell bietet unterschiedliche Versionen, so auch die Racing Series: Mit Stoffbezug oder Kunstleder, Fußkreuz aus Nylon oder Aluminium, 2-, 3- oder 4-Wege-Armlehnen, einfarbig, mehrfarbig oder im Design eures Lieblingsclans, unterschiedliche Rollengrößen und zwei Arten von Kippmechanismen.

Gemein haben alle Modelle einer Serie die Abmessungen, Polsterung und den Stahlrahmen. Danach entscheidet ihr nach eigenem Gusto, doch freie Wahl habt ihr nicht. DXRacer bietet verschieden ausgestattete Modelle innerhalb der Serie an. Die Features treffen also mal mehr, mal weniger aufeinander, es entsteht ein bunter Mix, der für die Kunden erst auf den zweiten, eher dritten Blick nachvollziehbar ist.

Meine „Auswahl“ wurde durch den Stoffbezug, da weniger schweißtreibend, auf zwei Modelle der Racing Series reduziert. Ich entschied mich für die günstigere Variante, das Modell hört auf die von DXRacer typisch kryptische Bezeichnung OH/RC01/N. Ein schlichter schwarzer Sessel ohne viel Gaming-Attitüde, ganz nach meinem Geschmack!

Die Nähte sind sauber verarbeitet, das Logo fein aufgestickt.

Die Nähte sind sauber verarbeitet, das Logo fein aufgestickt.

Hersteller oder Reseller?

Eine durchaus berechtigte Frage, denn auf beiden Seiten gibt es Pro und Cons. Auf der europäischen Website von DXRacer finden sich einige brandneue Modelle, die bei Resellern erst in einigen Wochen oder gar Monaten lieferbar sind. Wer sich also in ein solches Modell verguckt, kann nur dort ohne viel Geduld aufzubringen bestellen. Ebenfalls spricht für den Hersteller der direkte Support ohne Umwege über Dritte.

Für Reseller sprechen die etwas günstigeren Preise. Meist missen die Artikel auf den Reseller-Seiten allerdings die genaue Modell-Bezeichung, was das Auffinden des Wunschmodells zusätzlich erschwert. Mit den Beschreibungen und den Eigenschaften der Sessel hingegen, bin ich weder beim Hersteller, noch bei den Resellern wirklich zufrieden. Ich habe mich mithilfe der genauen Bezeichnung in Kombination mit dieser Übersicht der Features und Größen zurechtgefunden.

Mein Modell habe ich bei Alternate.at etwa 30€ günstiger als bei DXRacer gekauft.

Die Armlehnen sind höhenverstellbar, lassen sich drehen und haben eine sehr angenehme Oberfläche.

Die Armlehnen sind höhenverstellbar, lassen sich drehen und haben eine sehr angenehme Oberfläche.

Auspacken, Aufbauen, Aufsteigen

Geöffnet offenbart das 25 kg schwere Paket nur wenige Einzelteile, umso schneller und unkomplizierter ging der Aufbau von der Hand, das benötigte Werkzeug lag ebenso bei. Das Fußkreuz wird mit den Rollen versehen und die Hydraulik-Einheit aufgesteckt. Der Kippmechanismus wird an den Sitz geschraubt und anschließend auf das vorbereitete Fußkreuz gesetzt. Zum Schluss wird die Rückenlehne mit dem Sitz verschraubt, die Abdeckungen platziert und die beiden Kissen für Kopf und Lenden am Stuhl befestigt.

Während des Aufbaus fiel mir bereits die tolle Verarbeitungsqualität auf. Jedes Teil wirkt wertig, nichts ist schief angeschraubt oder etwa schon in Mitleidenschaft geraten, die Schrauben konnten ideal angezogen werden und die Rollen klackten mit einem Handgriff in das Fußkreuz. Obwohl jenes „nur“ aus Nylon, sprich Kunststoff, besteht, wirkt es sehr stabil und hart wie Aluminium. Die Plastikabdeckungen für die Rückenlehne erfüllen dank guter Optik ihren Zweck, die mitgelieferten Kissen sind fein bestickt.

IMG_1035

Wenig Einzelteile, schneller Aufbau: Schrauben anziehen und los geht’s!

Das eigentliche Herzstück des Sessels, Sitz und Rückenlehne, bringt ein gesundes Gewicht auf die Waage, die Nähte sind sauber verarbeitet. Der tolle Eindruck wurde durch die einfache Montage und die Passgenauigkeit der einzelnen Komponeten abgerundet.

Beim ersten Hinsetzen überraschte mich direkt das wertige Auffedern meines Gewichts, ganz ohne Knarzen oder Knacken, sowie die „Verschmelzung“ meines Körpers mit dem DXRacer Schreibtischstuhl. Anscheinend habe ich das für meine Größe ideale Modell ausgewählt, doch bis ich diese These unterstreiche, muss sich der Sessel erst im Alltag bewähren.

Nicht zu hart, nicht zu weich: Die liebe den gewählten Weg der Polsterung!

Nicht zu hart, nicht zu weich: Ich liebe die Polsterung!

Alltagsqualitäten

Angespannte CS:GO-Matches in aufrechter Sitzhaltung, kniffliges Rätseln mit Link in legerer Pose oder YouTube-Videos im fast liegenden Zustand mit den Armen hinter dem Kopf verschränkt schauen. Dank Hydraulik, verstellbarer Rückenlehne und Armlehnen flott und fast geräuschlos eingerichtet und sehr bequem, da die Polsterung nicht zu fest, aber auch nicht zu weich ist, als dass Rückenschmerzen aufkommen könnten.

Ein zusätzliches Schmankerl ist die flexible Ausrichtung der Kissen für Kopf und Lenden. Ersteres ist per Gummiband an den Aussparungen der Rückenlehne befestigt und kann so leicht verschoben werden, um nach Belieben Nacken oder Kopf zu stützen. Für mich hat sich dieses Feature in kürzester Zeit zu einem Must-Have entwickelt. Mit Letzterem tat ich mich schwerer: Das mir zunächst etwas zu dick erscheinende Lendenkissen wird mit zwei Stoffbändern an Rückenlehne und Sitzende befestigt und lässt sich dadurch in der Höhe verstellen. Nachdem ich die ersten Tage darauf komplett verzichtete und Rückenschmerzen erntete, gab ich dem Kissen eine Chance. Erst nach längerem Dauersitzen konnte ich mich damit zurecht finden, die Rückenschmerzen verschwanden und ohne fühl ich mich gar nicht mehr wohl in dem Sessel.

Ein von mir heiß erwartetes Feature sind die höhenverstellbaren Armlehnen. Endlich kann ich je nach Situation darauf verzichten, ohne dass sie sich unter dem Tisch verkanten, und genau an meine jeweilige Sitzpositon anpassen. Sie sind mit einer Art „Soft-Touch“-Kunstoff-Oberfläche gefertigt, die sich auch nach längerem Aufstützen sehr angenehm anfühlt. Die Drehfunktion erachte ich als sinnlos, da ich meine Arme niemals in solch wirren Winkel ablegen würde. Manchmal blicke ich zudem neidisch auf die 3- bzw. 4-Wege-Armlehnen, da in entspannter Position meine Ellbogen in der Luft schweben. Die Kombination aus Stoffbezug und diesen Armlehnen bietet DXRacer leider nicht an.

Der Sessel „arbeitet“ ruhig ohne nervige Geräusche. Auch beim Bewegen, Drehen und Rollen entsteht kein Klackern oder Schleifen.

Der Griff zum Stoffbezug anstatt einer Kunstlederoption hatte mehrere Gründe, die sich bislang auch positiv bemerkbar machten. Ich bin davon überzeugt, dass Stoff weitaus atmungsaktiver ist als es Kunstleder je sein könnte. Der Sessel erreicht zwar eine gewisse „Arbeitstemperatur“, die aber weit vom Schwitzen entfernt ist. Rücken, Po und Beine geben Hitze ab und kleben nicht an Körper und Kleidung und schon gar nicht am Sessel selbst. Hinzu kommt der günstigere Preis des Stoffbezugs, der mir in die Karten spielte sowie unser rauchfreier Haushalt. Wer qualmt sollte besser zum Kunstleder greifen, da hier weniger Gerüche einziehen und es schneller zu reinigen ist.

IMG_1061

Aufrecht, entspannt oder im Liegemodus: Der Sessel ist schnell hergerichtet und in jeder Lage bequem.

Fazit

Ich bin vom DXRacer OH/RC01/N begeistert: Trotz oder gerade wegen des höheren Kaufpreises offenbart er hohen Sitzkomfort in den unterschiedlichsten Positionen, die er schnell und leise ermöglicht. Die Verarbeitungsqualität ist hoch, der Zusammenbau einfach und nach den ersten drei Wochen sitzt es sich noch genauso gemütlich wie am ersten Tag. Das tolle Gesamtbild wird vom Lendenkissen geschmälert, mit dem ich erst nach einiger Zeit warm wurde.

Schade nur, dass man sich seinen Traumsessel noch(?) nicht selbst konfigurieren kann. Dann hätte ich zu meinem Maßen und Bedürfnissen besser geeignete Armlehnen ausgewählt.

Written by: Christoph Liedtke

Luftpolsterzerdrücker Vor über 20 Jahren entstand die Liebe zu Videospielen – SNES sei Dank. Es dauerte einige Zeit, bis ich auch der Hardware verfallen war. Nach Jahren der nerdigen Bildung mit diversen Spiele- und Technikmagazinen, entschloss ich mich 2012 erstmals über meine Passion zu schreiben. Es folgte ein Blog, ein Volontariat bei consol.AT sowie Gamers.at und derzeit schreibe ich als freier Redakteur für E-MEDIA. Um die Zeit neben Artikeln, Studium, Freundin und Hündin noch weiter zu dezimieren, entstand parallel unser Projekt namens CONTINUE, denn Videospiele und Technik dürfen niemals zu kurz kommen! Fragen, Anregungen, Feedback oder harsche Kritik bitte an: liedtke@continue-magazin.at Danke für’s Lesen und auf bald.