WWE 2K17 im Prüfring

Mit Paul Heymans Klient Brock Lesnar am Cover kehrt Sports Entertainment in die virtuelle Welt zurück – und wird dabei von der Realität eingeholt.

Gastbeitrag von Emanuel Liesinger

Wenn sich Muskelpakete zwischen umwickelten Stahlseilen gegenseitig weh tun, erfüllt das die Herzen vieler Wrestlingfans mit Freude. Doch es ist nicht nur die Action im Ring, die die Menschen in ihren Bann zieht, sondern auch der von WWE-Chairman Vince McMahon so gerne hervorgehobene Entertainment-Teil, in dem von professionellen Autoren erdachte Geschichten die Kämpfe verknüpfen und die Charaktere der einzelnen Wrestler geformt und verändert werden. Der japanische Entwickler Yuke’s ist seit der Jahrtausendwende für die Entwicklung der WWE-Lizenzspiele zuständig, doch vor allem mit dem Ausbau des Entertainment-Teils scheinen die Entwickler seit Jahren auf Probleme zu stoßen. Mit der neuen Promo-Engine wollen sie dieses Manko lösen, jedoch hätten die Entwickler vielleicht ganz von vorne Anfangen sollen.

WWE 2K17: Bubba Ray & AJ Styles

Die Spiele der WWE 2K-Reihe fielen in den letzten Jahren schon negativ durch ihre technische Umsetzung auf – und das hat sich bis heute nicht geändert. Das Spiel sieht aus als ob es auf der vorherigen Konsolengeneration laufen würde, und bei den Ladezeiten scheint es noch eine Generation weiter in die Vergangenheit gerutscht zu sein. Es sei gesagt, dass sich diese im Vergleich zu WWE 2K16 verbessert haben, doch wenn man eine Minute auf das Menü warten muss, mit dem man die zweiminütige Ladezeit des Matches starten darf, kann man nicht von einer wirksamen Verbesserung sprechen. Schon letztes Jahr wurden Rufe nach einem Wechsel auf eine technisch fortgeschrittenere Spielengine laut, doch Yuke’s scheinte die Ressourcen lieber in eine unfassbare Menge an Charakteren und die bereits erwähnte Promo-Engine zu stecken. Diese erlaubt es dem Spieler, bei Promos, also Interviews oder Gesprächsauftritten im Ring, aus jeweils vier möglichen Textpassagen zu wählen, und so selbst die Entwicklung des Charakters zu lenken. Spricht man beispielsweise über einen anderen Wrestler, beeinflusst das sowohl die Beziehung zu Diesem als auch, ob der eigene Charakter mehr Richtung Heel (Böse) oder Face (Gut) lehnt. Allerdings lässt sich oft durch die wenigen Worte, die im Auswahlmenü angezeigt werden, nicht vorher feststellen, welche der beiden Richtungen die gewählte Aussage nehmen wird. Dazu kommt, dass die teilweise doch recht langen Absätze nicht vertont wurden, und man so dem Charakter eine Zeit lang zusehen kann wie er den Mund zu Untertiteln bewegt, bis man die nächste Auswahl treffen darf. Das macht die Promo-Engine zu einer netten Idee, aber auch nicht mehr.

WWE 2K17: Finn Balor

Was allerdings sehr positiv auffällt, ist der Umfang, mit dem das Spiel vollgepackt wurde. 136 verschiedene Wrestler, 13 davon noch zusätzlich mit alternativen Versionen, sind bereits auf der Disc zu finden. Dabei wurde auch penibel darauf geachtet jeden einzelnen dieser Charaktere so originalgetreu wie möglich wiederzugeben. So sind Intromusik und Video, Ring Entrance und auch die Moves originalgetreu wiedergegeben, und wer die Welt von WWE im Fernsehen begutachten konnte und danach ein Match im Spiel startet, wird schnell merken, wie viel Mühe die Entwickler in die detailgenauigkeit der Animationen, Kameraperspektiven und Arenen gesteckt haben. Zusätzlich ist es möglich, sich mit einem mächtigen Editor eigene Wrestler inklusive deren Ring Entrance zu erstellen und sie sogar hochzuladen. Im kostenlosen Katalog fanden sich wenige Tage nach erscheinen schon unzählige nicht im Spiel enthaltenen Wrestler von TNA, NJPW, ROH, Evolve und anderen WWE-Konkurrenten, mit denen man seinen persönlichen Roster erweitern kann. Wem das noch nicht reichen sollte, kann zusätzlich zu den 33 im Spiel enthaltenen Ringumgebungen auch diese selbst erstellen oder neue herunterladen, selbiges gilt zum Beispiel auch für Championship-Gürtel. Diese selbst kreierten Wrestler eigenen sich perfekt für den MyCareer-Modus, welcher es dem Spieler erlaubt, die komplette Karriere eines Superstars nachzuspielen, von NXT bis zum Wrestlemania Main Eventer – und wer möchte kann dabei zum “Paul-Heyman-Guy” werden, für Heyman Missionen erfüllen und sich von der ECW-Legende in den Ring begleiten lassen.

WWE 2K17: Shinsuke Nakamura

Zwischen der Finalisierung der Inhalte eines Spiels und dem tatsächlichen Erscheinen nach Entwicklung und Debugging vergehen oft Monate, das wissen wir. Peinlich wird es allerdings, wenn ein Unternehmen sein Konzept stark überarbeitet, und drei Monate später ein Spiel veröffentlicht, welches dem alten Konzept folgt. Die Rede ist hier vom Brand Split, eine Aufteilung der einzelnen Wrestler auf die jeweiligen Marken RAW und SmackDown Live, welcher im Juli vollzogen wurde. Im Spiel wird SmackDown noch Donnerstags (statt inzwischen Dienstags) ausgestrahlt und die Stars steigen Markenübergreifend in den Ring. Mit dem Brand Split wurden auch einige Mitglieder von WWEs dritter Show, der Entwicklungsliga NXT, zu RAW bzw SmackDown befördert. Blöderweise trifft dies auch auf Finn Balor und Nia Jax zu, zwei der drei Stars mit denen die Take Two die NXT Collectors Edition von WWE 2K17 bewirbt – eine Limited Editon also, die schon bei Erscheinen nicht mehr aktuell ist. Das gerade entlassene Stars wie Alberto Del Rio und Stardust/Cody Rhodes sich im Spiel wiederfinden überrascht dann auch nicht mehr – kann aber genauso als Fanservice gesehen werden, da natürlich mehrere der enthaltenen Charaktere keine aktiven Wrestler mehr sind, die Namensrechte aber bei WWE liegen.

WWE 2K17: Brock & Seth

Ja, WWE 2K17 macht einen Sprung gegenüber der letztjährigen Ausgabe. Der MyCareer-Modus erlaubt kurzweiligen Spaß alleine, während der freie Modus durch massenhaft verschiedene Matches glänzt wie Triple Thread, Hell in a Cell, Royal Rumble oder diesmal sogar Backstage-Kämpfe, bei welchen man mit dem Gegner im Backstage-Bereich der Bühne kämpft und ihn beispielsweise durch den Schreibtisch von Triple H werfen kann – unter den Augen des D-Generation X-Mitgründers. Doch angesichts der technischen Umsetzung des Titels hätte man vielleicht die Hälfte des Inhalts opfern können – und selbst dann wäre noch eine schier unfassbare Menge an Content enthalten – um dessen Entwickler an die Portierung auf eine neue Engine ansetzen. Und bitte liebe Entwickler: nicht jeder Spieler hat bereits jahrelange Erfahrung mit Kampfspielen. Ist es so schwer, das Spiel mit einem sinnvollen Tutorial, also einem, das den Spieler mit etwas mehr Wissen versorgt als die nackten Basics, auszustatten? Anfänger verzweifeln sichtlich an der Steuerung, und während der Titel zwar viele Möglichkeiten im Ring bietet, herausfinden muss man 95% davon selbst. Beispielsweise erklärt das Tutorial wie man zuschlägt – aber nicht, dass man in verschiedenen Höhen, mit unterschiedlicher Kraft, Combos oder Griffen angreifen kann. Das Muss der Spieler selbst herausfinden – wenn er nicht vorher während einer der Ladezeiten eingeschlafen ist.

FAZIT

WWE 2K17 bietet Inhaltlich viel, ist technisch aber hoffnungslos veraltet. Schon 2K16 war teilweise eine Qual, und die Hoffnung, dass die Entwickler daran was ändern, lebte bis zuletzt. Stattdessen kümmerten sie sich aber offensichtlich lieber um den Inhalt, statt eine Neuentwicklung anzugehen, für die es längst an der Zeit ist. Auch das der in 2K16 sehr imposante 2K-Showcase-Modus gestrichen wurde, ist schade, der Ersatz durch MyCareer aber gut gewählt. WWE-Fans haben durch die Detailgenauigkeit und die vielen Modi garantiert ihre Freude mit diesem Titel, alle anderen sollten sich aber nicht zu viel erwarten.

WERTUNG: 7/10

Wir bedanken uns bei 2K für die Bereitstellung eines Testmusters.


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Written by: Michael Pölzl

Geschichten-aus-dem-Leben-Erzähler Wenn mein Handy läutet, lese ich zumeist Namen am Display, die mir schlaflose Nächte bereiten werden. Dieses Mal war es aber gar nicht mal so schlimm, denn es ging um ein Projekt, an dem viel Nostalgie hängt und zugleich ein Thema behandelt, welches genau meinen Nerv trifft: Videospiele! Meine Laufbahn in der Branche hat nun doch schon einige Jahre am Rücken und auch diesmal konnte ich nicht "Nein" sagen. Das Extraleben musste abermals eingeworfen werden und Continue wurde endlich Realität. Aber was mache ich hier eigentlich? Nunja, ich werde mein Auge auf alle technischen Dinge hier werfen und wohl auch das ein oder andere Mal über meine Geschichten aus dem Videospielleben erzählen. Und davon habe ich viele auf Lager, stay tuned! Ach und Leserpost ist natürlich immer willkommen: poelzl@continue-magazin.at