Die Versuchung des Bösen

Hearts of Stone, die erste Erweiterung für The Witcher 3: Wild Hunt und das Team hinter dem weißen Wolf ist da. Mit einer wendungsreichen Story und Shani, der schmerzlich vermissten Medizinerin, wollen die Polen nichts dem Zufall überlassen. Ob die Qualität dem Hauptspiel gleicht oder gar noch gesteigert werden kann, klärt mein fast spoilerfreier Test.

Dass die Entwickler von CD Projekt RED viele Dinge erfreulich anders angehen als der Rest der Branche ist uns bereits bekannt: The Witcher 3: Wild Hunt kam in der Standard Edition mit CD-Soundtrack daher, die Collector’s Edition bot Artbook-Porn erster Güte und die andauernden Patches zeigen, wie viel Liebe auch noch nach der Veröffentlichung in dieses Singleplayer-Vergnügen ohne Online-Komponente oder Mikrotransaktionen gesteckt wird. Mehr zu den kleinen, aber feinen Unterschieden erfahrt ihr hier.

Diesen branchenunüblichen, von Fans geliebten Weg führt Hearts of Stone fort: Die erste von zwei geplanten Erweiterungen (man wage es nicht von DLCs zu sprechen; darunter verstehen die Polen kleine und kostenlose Häppchen, von denen sie in den vergangen Monaten 16 Stück servierten) soll zum Preis von 10 Euro rund zehn Stunden lang unterhalten. Um eine Vorbestellung kam ich eh nicht herum und stürzte mich direkt zum Release in das neue Abenteuer. Also dann: auf die Plötze, fertig, los!

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Hearts of Stone trumpft mit brachialer Schönheit auf.

Geliebte Freiheiten

Doch halt, wie integriert sich der neue Content überhaupt? Einmal installiert, lassen uns die Entwickler die freie Wahl: Nicht nur bisherige Spielstände, die im normalen Modus einen hochgelevelten Geralt auf Stufe 30, für New-Game-Plus-Spieler Stufe 62 empfehlen, werden berücksichtigt, Hearts of Stone lässt sich auch direkt aus dem Menü starten. Dann geht’s auf Stufe 32 ins Gefecht, die Hauptstory von Wild Hunt bleibt euch dann allerdings verwehrt.

Ich lud meinen letzten Spielstand samt meisterlich gefertigter Bärenschul-Rüstung sowie -Schwerter, ein Hexer auf Stufe 37 und kaum mehr Unbekanntes vor mir. Prompt machte mich ein Hinweis auf das Addon und ein Eintrag im Questlog aufmerksam, es verschlägt mich zu einem Notizbrett unweit Novigrads, in ein kleines Dorf namens Sieben Katzen. Ein kurzer Blick auf die Karte macht deutlich: Hearts of Stone ist im Osten des Niemandsland angesiedelt und erweitert das Gebiet um einige Landstriche, kleinere Siedlungen und größere Dörfer.

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Im Osten viel Neues: Die Erweiterung macht’s dem Hauptspiel nach und bietet neben einer starken Hauptstory viele Nebenquests und sehenswerte Orte.

Fesselnde Quests

Den örtlichen Anschläger leergeräumt, geht’s im Galopp der Hauptquest folgend zum Anwesen eines Herrn Von Everec. Es würde sich jedoch nicht um ein Witcher-Spiel handeln, wenn ich schnur­stracks zum Ziel käme, ohne auf bedürftige Bürger, abtrünnige Soldaten oder Schrecken verbreitende Monster zu stoßen. Meiner Pflicht nachkommend, mehr oder minder mit Lob überhäuft, erfahre ich von weiteren Abenteuern, verliere mich in niedergeschriebenen Briefen und muss haarsträubende Entscheidungen treffen. Vieles mündet in weiteren Quests, die eigentliche Hauptstory vergesse ich bei dem Trubel komplett.

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Atmosphäre vom Feinsten: Eine Nebenquest zieht mich in das Innerne dieser Katakombe.

Das Niveau der Quests, sogar der zufälligen Events, ist wie im Hauptspiel erneut bewundernswert und fesselt mich mit Dialogen, Handlungssträngen und Charakteren gleichermaßen. Manches schwirrt Tage später in meinem Kopf, wie etwa folgender Auftrag: An einem Notizbrett der größten Siedlung der Erweiterung finde ich den Aushang eines Kräuterkundlers, der seinen Gehilfen vermisst, nachdem er ihn für Nachschub in den Wald geschickt hat. Schnell stoße ich auf seinen zerschepperten Wagen und eine Blutspur, die ich in ein nahes Dorf verfolge. Es wirkt verlassen, die Häuser verfallen bereits. In einem finde ich eine große Blutlache vor, aus dem Ausgang heraus vernehme ich plötzlich Stimmen, ein älteres Paar scheint im Dorf zu wohnen. Nachdem ich sie auf den Halbling anspreche, geben sie zu, ihn gesehen, aber wieder weggeschickt zu haben. Danach vernahmen sie Wolfsgeheul und sahen ihn nicht wieder. Das Blut im anderen Haus sei dem Schlachten geschuldet. Die Antworten klingen nicht wirklich plausibel, ihr Auftreten alles andere als glaubhaft, dennoch kann ich dem Ehepaar nichts beweisen. Noch nicht!

An dieser Stelle könnte ich zurück zum Kräuterkundler und die Quest abschließen oder noch ein wenig herumstöbern. Hinter dem Haus wird Geralt schließlich fündig, ein Verwesungsgeruch macht sich breit, der mich zu einer Bodenluke führt. Geöffnet und hinabgestiegen, finde ich mich in der Schlachtkammer des Ehepaars wieder. Dort befinden sich nicht nur geschlachtete Kaninchen und ein Käfig samt menschlichem Skelett, sondern ein blutiger Handabdruck und der bereits teilweise verwertete Leichnam des Halblings. Das Ehepaar mit diesen Beweisen konfrontiert, werde ich vor eine schwere Entscheidung gestellt: Schüchtere ich die beiden Alten ein oder bringe ich sie um? Letzteres offenbart das wahre Gesicht der Kannibalen: „Wenn ich mit dir fertig bin, mache ich Suppe aus dir“, waren ihre letzten Worte.

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Decisions, decisions: Vorerst einschüchtern oder direkt kaltmachen? Momente, in denen ich meine Hände vor’s Gesicht schlage und nach Antworten suche.

Landschaften und Bossgegner auf Witcher-Höchstniveau

Neben solchen Quests und der euch bewusst verschwiegenen, genial inszenierten, tragischen und gleichzeitig urkomischen Hauptstory, weiß Hearts of Stone auch mit anderen Aspekten zu glänzen. Dafür reicht ein kurzer Ritt durch die neuen Landstriche aus, alles wirkt noch ein wenig ausgefeilter und liebevoller gestaltet als im Hauptspiel. Funkelnde Bäche kreuzen sich unter Brücken in dichten Wäldern, steinernde Elfenruinen schießen episch aus dem Boden hervor und die Ausgestaltung der stattfindenden Hochzeit in Brunwich ist einer der schönsten Schauplätze, die ich je in einem Spiel sah.

Der neue Content fügt dem Bestiarium weitere Einträge hinzu, darunter etwa ekelerregende Spinnen und eine riesige Kröte. Mit letzterer zeigt CD Projekt RED, wie sie Bosskämpfe im Addon verbessert haben: Sie machen optisch nicht nur einen noch stimmigeren Eindruck, Spieler sind hinsichtlich des Gameplays nun mehr gefordert. Die goldene Formel (Ausweichen-Ausweichen-Schlagen) ist zwar weiterhin unantastbar, doch haben unsere Widersacher nun mehr auf dem Kasten. Der dicke, quakende Freund setzt Geralt mit seiner Zunge zu, verspritzt Gift, dreht sich mit irrer Geschwindigkeit und springt fort, sobald ich ihm zu nahe komme. Tode sind auf höheren Schwierigkeitsgraden ohne Tränke und Öle daher vorprogrammiert. Ungeachtet dessen fällt direkt nach den ersten Schwertstreichen gegen eine kleine Gruppe Nekker der höhere Schwierigkeitsgrad auf. Die kleinen Viecher teilen mehr aus, stecken mehr ein und sind in der Überzahl besonders gefährlich – haltet also euren Rücken frei und nehmt euch Gegner einzeln vor. Vor unüberwindbare Herausforderungen werde ich zwar nicht gestellt, doch sind anspruchsvollere Kämpfe immer ein willkommenes Schmankerl.

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Inszenierung, Charaktere, Aufgaben, Detailgrad, Beleuchtung – hier stimmt einfach alles. Die Hochzeit ist für mich der stärkste Part von Hearts of Stone.

Verbesserte Charakterentwicklung

Einem weiteren Manko ging es ebenso an den Kragen: Der schwächelnden Charakterentwicklung wirkt der neu eingeführte Runenschmied entgegen. Er versieht Rüstungen und Schwerter mit taktischer Finesse, so kann ich Geralts Kampfstil nun besser an meinen Spielstil anpassen. Besonders die Entfaltung meiner Hexerzeichen auf mehrere Gegner im Gruppenkampf zaubert mir in hitzigen Situationen ein Lächeln aufs Gesicht.

Für neue Schwerter, Rüstungen und andere Kuriositäten wurde selbstverständlich auch gesorgt. Allesamt berücksichtigen sie die höheren Levelstufen und liefern angepasste Verteidigungs- und Angriffswerte. Für chronische Sammler eine Hiobsbotschaft zum Schluss: Zum großen Storyfinale stellen euch die Entwickler durch die zwei verschiedenen Enden vor die Wahl ganz besonderer Gegenstände, von denen ihr euch lediglich einen aussuchen könnt.

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Entscheidungen, die Zweite: Diesmal wäre ohne Spoiler nix gegangen, daher verweise ich auf die großartige Stimmung des Screenshots!

Fazit

CD Projekt RED macht dort weiter, wo The Witcher 3: Wild Hunt begonnen hat: Sie liefern mit das feinste Rollenspielerlebnis der letzten Jahre, bügeln Kritikpunkte aus dem Weg und bleiben weiterhin ihren edlen Prinzipien treu. Für gerade einmal 10 Euro bietet Hearts of Stone nicht nur eine grandios inszenierte, stundenlang unterhaltene Hauptstory; auch die Nebenquests wissen erneut mit ihren beeinflussbaren Ausgängen zu faszinieren. Das spielbare Gebiet der Erweiterung im Osten des Niemandslands wirkt auf mich mit noch mehr Detailreichtum versehen als noch im Hauptspiel. Auf Kritik wurde ebenso eingegangen: Die Charakterentwicklung hat durch den Runenschmied an Tiefe gewonnen und Bosskämpfe sind ohne Kraftausdrücke und nassgeschwitze Controller nicht mehr zu bestreiten.

An alle Spieler, die sich nur einen Hauch mit diesem Genre anfreunden können, mein wohlwollender Appell: Schaut in die Welt von The Witcher 3: Wild Hunt und kauft nach Gefallen die Erweiterung Hearts of Stone. Sie wird dazu beitragen, dem kontroversen Wörtchen DLC wieder etwas Positives abgewinnen zu können. Bisherige Hexer-Anhänger sind dem neuen Content vermutlich schon längst hoffnungslos verfallen – und das zu Recht!

WERTUNG: 10/10

Zum Schluss möcht ich allen Liebhabern von physischen Produkten die limierte Retail-Version für 20 Euro ans Herz legen, die einen Download-Code (kein Datenträger enthalten) und zwei GWINT-Kartendecks umfasst – ein Test zu dieser analogen Variante des ingame-Kartenspiels folgt!

Das Erfolgsrezept weiter verfeinert: Hearts of Stone entsinnt sich der Stärken von Wild Hunt und nimmt sich Kritikpunkte an. Ein Meisterwerk wird serviert!

Das Erfolgsrezept weiter verfeinert: Hearts of Stone besinnt sich auf alte Stärken und geht Kritikpunkte an – ein Meisterwerk wird serviert!

Written by: Christoph Liedtke

Luftpolsterzerdrücker Vor über 20 Jahren entstand die Liebe zu Videospielen – SNES sei Dank. Es dauerte einige Zeit, bis ich auch der Hardware verfallen war. Nach Jahren der nerdigen Bildung mit diversen Spiele- und Technikmagazinen, entschloss ich mich 2012 erstmals über meine Passion zu schreiben. Es folgte ein Blog, ein Volontariat bei consol.AT sowie Gamers.at und derzeit schreibe ich als freier Redakteur für E-MEDIA. Um die Zeit neben Artikeln, Studium, Freundin und Hündin noch weiter zu dezimieren, entstand parallel unser Projekt namens CONTINUE, denn Videospiele und Technik dürfen niemals zu kurz kommen! Fragen, Anregungen, Feedback oder harsche Kritik bitte an: liedtke@continue-magazin.at Danke für’s Lesen und auf bald.