VR – Und vielleicht geht es doch

Während immer wieder Berichte und Analysen auftauchen, dass die gesamte VR-Kiste zu teuer und unpraktikabel ist, wurde ich mit einem 5 €-Kartonmodul zum Nachdenken gebracht. Ein Versuch einer Kurzanalyse.

Virtual Reality (Virtuelle Realität, im Weiteren aus Faulheit nur mehr VR genannt) ist der heißeste Shit seitdem wir Humanoiden den aufrechten Gang erlernt haben. Das zumindest will uns jede Marketing-Abteilung im Gaming-Bereich in den letzten Jahren glauben machen: Oculus Rift ist die Zukunft, ein Mensch ohne Project Morpheus hat sein Lebensrecht verwirkt, SteamVR wird den neuen Messias aus dem Pöbel auserwählen.

So weit, so leicht zugespitzt.

Bedrohlicher Karton: Sieht ein bisschen nach Darth Vader aus, ist aber viel cooler. //Foto des Autors

Bedrohlicher Karton: Sieht ein bisschen nach Darth Vader aus, ist aber viel cooler. //Foto des Autors

Ernsthaft jetzt: Nachdem VR in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren schon einmal ein großes Auftreten hatte und an den damaligen technischen Gegebenheiten scheiterte, soll es im neuen Anlauf die Games-Sparte auf ein völlig neues Level hieven. War in den vergangenen Jahren der Entwickler der King,  der die meisten und schärfsten Polygone mit der geilsten Framerate auf den Bildschirm schraubte, so ist im Moment die (theoretische, weil praktisch sind die Dinger ja noch nicht im Verkauf) Umsetzbarkeit für die kommenden VR-Systeme der Ersatz für direkte Penisvermessung.

Und es ist ja auch verständlich: VR kann ein richtig geiles Erlebnis sein, wenn es gut gemacht ist – mal davon abgesehen, dass es die Leute, die unter Motion Sickness (Übelkeits- und Schwindelanfälle bei gewissen grafischen Darstellungen wie VR oder Ego-Perspektiven in Games) leiden, herzlich wenig interessieren wird. Ich durfte leider keine Oculus Rift ausprobieren, und auch Project Morpheus und SteamVR wurden mir bisher verwehrt. Meine Hands-On-Erfahrung, die mich mehr oder weniger davon überzeugt hat, dass VR zumindest für mich ein wirklich interessantes Ding wird, beschränkte sich auf ein Geschenk. Ein Wichtel-Geschenk, um präzise zu sein. Ja, ganz recht, ich spreche von dem mehr oder weniger unterhaltsamen Büro-Weihnachts-Geschenkespiel. Ich hatte Glück, mein Kollege hat mich richtig eingeschätzt und statt einem Paar Socken bekam ich ein Baukit für Google Cardboard: Ein Bausatzmodul für eine VR-Brille aus Karton, welche für ungefähr 5 € den Besitzer wechselt.

Beladen wird die Pappschachtel dann mit dem eigenen Handy, denn Google hat eine eigene Cardboard-App entwickelt. Diese splittet den Bildschirm in zwei Teile, welche mit den im Karton angebrachten Linsen (wohl das Teuerste am ganzen System) ein schön stereoskopes Bild erzeugen. Ein Magnet-System und ein NFC-Chip tun ihr Übriges, um eine gewisse Interaktion mit der Cardboard-App zu ermöglichen.

Ich wandle durch Welten

Und was soll ich sagen? Ich bin ziemlich begeistert. Zum einen davon, dass irrsinnig viele Entwickler auf den Zug aufgesprungen sind und eigene Anwendungen für das traditionell offene Android-Cardboard programmiert haben. Zum anderen hat es mich einfach überrumpelt, wie gut so ein einfaches System mittlerweile funktioniert: App eingeschaltet, Unterprogramm mit einem Klick auf den Magnetschalter ausgewählt. Zack – ich bin einem kugelförmigen Raum mit vielen Bildschirmen. Auf einem läuft ein großes Youtube-Video, auf allen anderen stehen Standbilder von maßgeschneiderten Video-Vorschlägen für mich, basierend auf den Daten meiner Youtube-History. Ein Programmwechsel – ich bin in einem Comic-Wald, sehe mich um und erspähe eine Maus, der von starkem Wind der Hut davongeblasen wird – mit entsprechendem 3D-Sound. Und wenn mich die verdammte Maus nicht interessiert, dann schau ich mir halt den Wald an – ein weiterer Vorteil von freier Bildauswahl in VR. Noch ein Klick auf den Programmwechsel – ich sitze in einer Achterbahn, die mich durch unser Sonnensystem führt, mit kurzen Anhaltepunkten, an denen mir die Sehenswürdigkeiten erklärt werden. Klick – ich bin auf einem Schlachtfeld in Frankreich im Ersten Weltkrieg; sehe wie eine Kugel abgefeuert wird, während dazu ein kriegskritisches Gedicht von 1917 verlesen wird. Klick. Klick. Klick.

Ich weiß nicht, warum, aber ich habe wirklich Aggressionen bei der komischen Maus mit dem Sombrero bekommen. Speedy Gonzalez-Trauma, vielleicht. //Bildrechte bei Google Play Store

Ich weiß nicht, warum, aber ich habe wirklich Aggressionen bei der komischen Maus mit dem Sombrero bekommen. Speedy Gonzalez-Trauma, vielleicht. //Bildrechte bei Google Play Store

Klar, das System Cardboard ist bei weiter nicht perfekt. Es gibt keinen brauchbaren Ausgang für ein Kopfhörer-Kabel, die Box muss Klebstreifen verstärkt werden (nur Falten hält nicht), die Pixel sind teilweise sehr stark im Bild bemerkbar – was deutlich macht, dass das Erlebnis stark von der eigenen Hardware abhängig ist -, und ich muss die verdammte Box die ganze Zeit vor meine Nase halten, da kein Kopfband dabei ist. Aber hey, ich erinnere daran: 5 Euro!

Um diesen Preis gibt es nämlich hier etwas, das viel mehr wert ist als Perfektion: Nämlich einen hochfaszinierenden Ist-Stand-Ausblick darauf, was heute bereits unter dem Einsatz von wirklicher Low-Budget-Technik möglich ist. Wenn die ganzen oben genannten Profi-Systeme ähnlich gut funktionieren – oder noch besser, im Idealfall ihrem sicher nicht geringen Preis entsprechend -, dann bin ich wohl einer der ersten, der  am Verkaufsstart-Tag im Shop steht. Und ich werde mich riesig darüber freuen.

Written by: Alexander Schuh

Kaffeemaschinenbelagerer Und auf einmal bin ich wieder mittendrin. Eingestiegen in diese Branche ungefähr zwei Jahre vor dem Ende des großen C, hatte ich schnell einen Narren an den Irrungen, Wirrungen und Spaßungen gefressen, die das Erstellen von interessantem Content für Leser so bieten. Umso bitterer, als die Zeit dort endete und mich zurück ins Studium trieb. Nach dem ging´s dann den “klassischen” Weg mit seriösem Job entlang – was aber auf die Dauer auch nicht reicht, wenn man einen ganzen Affenzirkus im Kopf hat, den man gerne auch mal entlüften würde. Deswegen gibt´s diese Seite mit dieser Nase und denen links und rechts von hier. Feedback gerne unter schuh@continue-magazin.at oder über Twitter.

  • Michael Ferstl

    Eigentlich könnt ich mich auch knapp vor meinen 3d TV setzen und mir eine Decke drüberschmeissen

    • derNeue

      Hehe, gute Idee, aber da bist du nicht „im Raum“. Für mich ist ja das Faszinierende, dass ich meinen Kopf drehe – und das Bild dreht sich mit. Ich bin der Zentrum dieses Games-Universums. Also wie im echten Leben. Oder so. 😉
      Ehrlich: Falls du ein Android-Handy hast, bestell dir Cardboard. 5 Euro und du hast eine Ahnung davon, was diese Technik im Kopf anstellt. Mich hat’s schon ein bisschen weggeblasen.

      • Bernhard R.

        Zuerst neugierig machen und dann keinen Link zum Produkt posten? Evil!

        • derNeue

          Sweet baby Juju, hab‘ ich ganz vergessen. Wurde nun im Wichtel-Absatz ergänzt – danke für den Hinweis! 🙂