Von verlorener Zeit im verlorenen Tal: Warum Harvest Moon spielen schöne Langeweile ist

Spieler von komplexen Farmingsimulatoren sind eine ganz eigene, seltsame Spielerart. Ich darf das sagen, ich zähl mich da selbst dazu. Denn Harvest Moon spielen, das ist und war schon immer ganz schön professioneller Eskapismus. Das Aufbauen einer neuen Realität der Einfachheit, wenn die eigene zu komplexe Wirklichkeit zu schwer wird. Und das macht gar nicht mal durchgängig Spaß – der Großteil des virtuellen Farmerlebens ist in monotone, anstrengende Arbeitsschritte strukturiert. Schnee schaufeln. Erde lockern. Saat säen. Erde gießen. Wiederholen. Und das jeden Spieltag, bei etwa vierzig Feldern. Wiederholen. Wiederholen. Wiederholen.

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Wieso spielt man dann sowas überhaupt? Es ist die Neugier an der Sache, die einen zu Harvest Moon zurück holt. Die Ungewissheit, was der nächste Tag bringt. Das Hoffen auf neue Nachbarn, Tiere oder neue Saat, die man sich beim Händler des Vertrauens kaufen kann. Die Vorfreude auf die eigene Ernte, wo auch mal ein besonderes Vorzeigeexemplar eines Gemüses dabei sein kann. Das Stillen dieses urmenschlichen Instinkts – des eigenen Forscherdrangs. Harvest Moon: Das verlorene Tal zelebriert diese schöne Langeweile wie kaum ein Teil der Serie zuvor – und dabei ist es gar kein “echtes” Harvest Moon-Spiel. Die Sache ist nämlich die: Die Farmingsimulation wird traditionell von Marvelous Entertainment entwickelt und nennt sich im japanischen Original Bokujō Monogatari. Im Westen wurde der Vertrieb bis jetzt von Natsume unter dem Namen Harvest Moon durchgeführt – Natsume sind damit also der Rechteinhaber der Marke. Diese Partnerschaft wird seit dem neuesten Teil der Serie nicht mehr fortgeführt, was für uns Spieler bedeutet, dass Marvelous Entertainment seine “Original”-Harvest Moon-Teile in Zukunft unter dem Namen Story of Seasons veröffentlicht. Natsume behält sich den Harvest Moon-Namen und plant seine eigenen Spiele zu machen – das erste davon ist eben Das verlorene Tal. Und das unterscheidet sich tatsächlich deutlich von allen anderen Teilen der Serie.

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Harvest Moon-Spielen wird des Öfteren vorgeworfen zu wiederholend und zu wenig innovativ zu sein. Dem stellt sich Das verlorene Tal schon zu Beginn entgegen, wenn zahlreiche Standards der Farmingsimulator-Serie neu ausgelegt werden. Als frischgebackener Bauer gibt es diesmal zum Beispiel kein Dorf zu entdecken – alle NPCs, Tiere und Geheimnisse finden ihr Zuhause auf ein und derselben Map, die dafür frei manipuliert werden kann. Der lange Schatten Minecrafts legt sich jetzt nämlich auch über Harvest Moon hernieder: Die Spielwelt baut sich wie in Mojangs Jahrhunderttitel aus Blöcken auf, die frei abgetragen, herumgetragen und platziert werden können. So viel Spaß machen wie das Minen und Craften in Minecraft tut das aber nicht. Dafür kann man eigene Brücken, Brunnen und Gebäude konstruieren – vorausgesetzt man hat die benötigten Ressourcen dafür. Eine weitere, größere Änderung findet sich auch in der Hauptstory des Spiels. Das verlorene Tal ist nämlich in ewigen Winter verfallen, den ihr gemeinsam mit der Harvest Goddess, ihren Sprites und den Bewohnern der Gegend verbannen zu versuchen dürft – bis dahin seid ihr spielerisch in andauernder Eiszeit gefangen. Bis ich die komplett beseitigt hatte und damit auch andere Jahreszeiten im Spiel zugänglich wurden, dauerte das Ganze auch an die 30 Stunden – in der Zeit hätte ich mir stattdessen 72 Folgen der Simpsons anschauen können.

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FAZIT

Trotzdem bin ich irgendwie ganz happy mit dem neuesten Harvest Moon-Teil. Ja, Das verlorene Tal ist fad, monoton und teilweise einschläfernd. Irgendwie aber auch eine ideale Möglichkeit um sich gemütlich zurückzulehnen und einfach einmal ein paar Stunden zu Spielen – ohne viel Nachdenken und ohne viel Ärger. Was dabei besonders hilft, ist der stärkere Fokus auf Ressourcenmanagement, auf Grinden und Suchen von seltenen Edelsteinen, Holz- oder Gemüsesorten. Ein künstlich in die Länge gezogener, repetitiver Ableger einer sowieso schon nicht besonders für ihre mitreisende Action bekannten Serie, den ich aber trotzdem schon über fünfzig Stunden gespielt habe. Ein Spiel, das man spielt, um im Spiel zu spielen, seine eigene Welt zu bauen und darin für Tage abzutauchen. Schöne, altmodische Langeweile eben.

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Alle Screenshots sind aus dem offiziellen Spieltrailer.

Written by: Christoph Sepin

Space Cowboy Bei consol.AT habe ich früher immer versteckte Botschaften in meine Artikel eingebaut, aber das weiß außer mir niemand. Und seit es das nicht mehr gibt, braucht man ja irgendwas anderes zu tun. Für CONTINUE möchte ich mir die kleinen Dinge der Spielewelt ansehen, die manch einer vielleicht übersieht. Die Indies und Kickstarter-Kampagnen. Und ab und zu vielleicht eine positive Geschichte aus der Gamingumgebung. Weil geraunzt wird sowieso schon genug.