Spieler werden Eltern

Ich bin 35 Jahre alt, Videospielredakteur und noch immer nicht Vater. Irgendwie habe ich das bis jetzt verpasst, auch wenn der Wunsch langsam, aber sicher in mir wächst – speziell weil ich mein Wissen weitergeben will. Wie man einen Hammer richtig hält etwa oder einen Fußball besser ins Netz ballert als ein durchschnittlicher österreichischer Nationalspieler (Anm.: damals waren wir nicht die Nr. 23 der Welt!).

Bildschirmfoto 2014-11-16 um 12.35.18

Aber auch mein Videospielwissen will ich weitergeben. Was ein „Frag“ ist, wie man „campt“ und wie man in einem Jump’n’Run diese „Jumps“ richtig timed. Nur eine Sache macht mir dabei Kopfzerbrechen: die fehlende Zeit. Freundin, Fulltime-Job, Freunde, Familie – alle wollen sie etwas von meiner kostbaren Lebenszeit, aber um diese buhlen auch meine GTABuddies, mein Ultimate Team Verein FC Sportclub und demnächst auch Battlefield 4 (aktuell wäre es wohl z.B. Dragon Age: Inquisition). Ich habe gar keine Zeit für Kinder, aber die menschliche Rasse einfach aussterben lassen, um den höchsten Kill-Count zu haben? Keine Option. Wie gehe ich die Sache daher an? Wie lassen sich Familie und Videospiele vereinbaren? Geht das überhaupt? Ich habe Profis gefragt. Väter und Mütter, die trotz ihrer Liebe zu ihren Kindern auch noch Zeit für ihr Hobby finden.

Da schreit jemand

Auf gutefrage.net beschwerte sich kürzlich der User Ein-HauchVonGift über seine Eltern. Er sei zwar über 18, wohne aber noch bei seinen Eltern, die ihm und seinem Bruder mit der Begründung „Du sitzt zu lange dran!“ regelmäßig die PS3-Controller verstecken. Auch die Tatsache, dass zahlreiche Eltern ihre minderjährigen Kinder in den Handel begleitet haben, um ihnen GTA V zu kaufen, zeigt die zunehmende Überforderung einer Generation, die zwar oft mit der Thematik zu tun hat, bei der Kindererziehung aber an ihre Grenzen stößt. Die von mir Befragten, elf an der Zahl, sind aber keine Noobs, sondern Spieler aus Leidenschaft, haben beruflich damit zu tun oder sind einfach Gaming-Enthusiasten, die über ihr Thema bloggen, podcasten oder sich einfach in Videospiel-Foren herumtreiben, um sich über ihr Hobby auszutauschen.

Und hier drängt sich auch schon die erste Frage auf, die mich im Rahmen dieser Geschichte beschäftigt hat: Spielt ihr Jungväter und –mütter eigentlich überhaupt noch Videospiele oder geht sämtliche Zeit mit Windelwechseln, Musikunterricht oder Kochen drauf? Einer der es wissen muss, ist Lars aus Hamburg. Der 37-jährige arbeitet bei Capcom Deutschland, muss also auch beruflich spielen, macht dies aber nachgewiesen gern. Der Mann in den besten Jahren hat zwei Söhne, fünf und zwei Jahre alt, die ihn und seine Frau praktisch immer auf Trab halten. „Mittlerweile,“ sagt er, „komme ich pro Woche wieder auf rund sieben Stunden, die ich vor der Konsole verbringe – vor den Kindern waren es wohl rund 10 bis 12. Als die Kinder kleiner waren, gab es auch Wochen ohne eine einzige Stunde Gaming. Nächtliche Einsätze (wickeln, Kind beruhigen/füttern etc.) zehren im Alltag sehr an der eigenen Kondition, sodass man in jeder freien Minute eher schlafen sollte, als zu zocken. Sobald sie dann so etwa ein bis zwei Jahre sind, kann man sich eher schon mal wieder abends hinsetzen und das Gamepad in die Hand nehmen.“

In einer ähnlichen Situation findet sich Manuel, 35, aus Freiburg, ebenfalls stolzer Vater zweier Söhne und man könnte sagen ebenfalls „Berufsspieler“, weil er einen täglichen Podcast zum Thema Gaming leitet („Insert Moin“, Anm.: kürzlich erschien genau hier ein zum Thema passender Podcast) . So kommt er dank seines Durchhaltevermögens heute insgesamt noch immer auf dieselbe Spielzeit wie vor den Kindern, einzig die Art und Weise, aber auch die Uhrzeit hat sich anpassen müssen. „Ich habe weniger Zeit zum spielen, weil der Tag einfach voller wird mit Kids. Aber: Man wertschätzt diese Zeit mehr, weil man sich diese Auszeiten gezielter nimmt und sich darauf freut. Davor war es eine Selbstverständlichkeit, einfach jederzeit eine Stunde oder zwei vor die Konsole zu können. Jetzt sind es wichtige Stunden nach 20 Uhr, wenn die Kids schlafen, die man sich einteilt.“

Radio Alarm Clock (BB 292756)

Bettruhe

Das Thema „Wann man spielt“ deckt sich bei praktisch allen Befragten: „Wenn der Partner und das Kind schlafen.“ Ein leidiges Thema, an dem ich dank meiner Altherrenrunde, mit der ich regelmäßig Diablo spiele, ebenfalls schon teilhaben darf. Spontan zusammenrufen und online zu gehen, spielt es genauso wenig wie an einem Sonntag Nachmittag kurz mal eine Runde daddeln. Die drei Herren gehen Punkt 22:00 Uhr online. Da kann man eine Schweizer Uhr danach stellen. Offline treffe ich die Herrschaften nie, das würde noch mehr Koordinationsaufwand bedeuten, und das bekomme ich auch von meinen Befragten zu hören. Online-Gaming ist für die meisten praktisch die letzte Verbindung zur spielerischen Außenwelt. Leo, 30, aus Pfaffstätten ist ein alter Bekannter von mir. Der junge Mann hat früher mit mir gepodcastet (die Älteren erinnern sich) und manchmal haben wir uns auch zu einer gemeinsamen Runde Konsolen-Gaming hinreißen lassen. Heute, mit einem 14 Monate alten Sohn, sieht das etwas anders aus. Leo gibt zu, nie großer Online-Spieler gewesen zu sein, und so vermisst auch er die FIFA-Abende mit Freunden, die man gern in einem (Offline)-Raum verbracht hat. Auch Michael, 35, aus Wiener Neustadt kämpft um jeden Offline-Koop-Abend mit Freunden, da auch er kein großer Online-Fan ist. Bis auf wenige Ausnahmen deckt sich das bei allen Befragten – lieber am Abend mal eine Runde mit einem Spiel, das auch eine Geschichte erzählen will. Offline und alleine. Die Ruhe genießen.

Aber nicht nur Kinder sind der Grund, dass Eltern weniger spielen als Menschen ohne Nachkommenschaft. Leo: „Durch berufliche Entwicklungen sind Dauer-Sessions sowieso nicht mehr möglich. Insofern ist der Nachwuchs nicht alleiniger Grund für das verringerte Spielen.“ Björn, 32, Vater eines bereits 7-jährigen Kindes, ergänzt: „Ich denke, was viel mehr ausschlaggebend ist als ein Kind, ist eine Beziehung. Eine Partnerin, die das Hobby akzeptiert, ist doch eher selten. Ein Kind ist ja auch keine 24/7-Aufgabe. Das Kind ist bei Freunden, spielt selber und und und.“ Da, ein Lichtblick!

Kinder wollen sich auch irgendwann mal abnabeln. Sieben Jahre hält man die Durststrecke durch, oder? Braucht man eben für ein JRPG mal drei Monate statt drei Wochen. Auch kein Problem. Sofern man Unterstützung hat. Gemeinsam einsam, sozusagen. Irgendwo zwischen „Cooking Mama“ und „Der Puppenspieler“. Ein Paradebeispiel für ein dynamisches Duo sind Martin (29) und seine Frau Lydia (25). Neben dem Betreiben des berühmt-berüchtigten „Nerd-Kellers“, das Martin alleine bestreitet, kümmern sich die beiden begeisterten GamerInnen gemeinsam um das Heranführen des gerade mal 13 Monate alten Kindes an das Thema Videospiele. Wie bringt man denn so ein kleines Wesen zu Videospielen bzw. sollte man das überhaupt? Martin: „Richtig spielen ist natürlich noch nicht drinnen, aber der kleine Leo nimmt mir regelmäßig den 3DS aus der Hand und will auch drücken. Papa freut sich besonders, wenn er den Touchscreen während der Spielsessions bedient und z.B. plötzlich Dinge im Animal Crossing-Inventar fehlen.“ Das bringt uns zum vielleicht wichtigsten Punkt: Wann lässt man die Kinder an die Konsolen?

WII-Fit-Plus

Kind ist niemals zu jung

Gerhard, 40, aus Groissenbrunn hat seine heute 5-jährige Tochter erst vor einem Jahr mit Videospielen konfrontiert. „Immer mit ihr gemeinsam und eher kürzere Sessions. Ein Highlight ist mittlerweile, uns mit zwei Nintendo DS zusammenzusetzen und uns Zeichnungen von einem DS zum anderen zu senden. Auch Wii Fit oder diverse Lernspiele spielen wir gern gemeinsam.“ Auch Marco, 33, hat einen Plan für seine zwei Töchter (3J, 7M): „Ich denke, das beste Mittel wird demnächst sein, einfach klare Regeln aufzustellen – vor allem was die Spieldauer betrifft, das funktioniert jetzt schon ganz gut, wenn die Große mal das iPad in der Hand hat, wofür es echt schöne Kinderapps gibt. Aktuell darf sie  bisher etwa drei Mal die Woche für ca. 30 Minuten damit spielen, je nachdem wie anstrengend der Kindergarten war oder der Tag zu Hause.“ Ganz anders sieht das der bereits erwähnte Manuel: „Nein. Aus Prinzip (noch) nicht. Finde ich vor 12 Jahren zu früh und nicht nötig. Dafür SEHR viele Brettspiele. Auch „richtige“ Brettspiele für Erwachsene, nicht nur Kinder-Kram.“ Haitische Erlebnisse mit anderen Dingen außer Controller und Touchoberfläche finden alle Befragten wichtig. Gut, die jungen Menschen wussten natürlich auch, dass ihre Fragen öffentlich werden, aber ich glaube ihnen. Ich würde mein Kind auch zu einer Sportlerkarriere zwingen – Fußball etwa. Der neue Marco Arnautovic – nur mit Ambitionen. Aber das brauchen wir jetzt ja auch nicht ausführen. Mal ins Freie gehen und den Bildschirm nicht 24 Stunden lang anstarren, das weiß ich schon seit den Ladescreens in „World of Warcraft“, die mir meine 48-Stunden-Sessions immer madig machen wollten. Amateure.

Wo waren wir? Nachwuchs. Weniger Zeit für uns, mehr Zeit für die Kinder. Gruselig, bis zu einem gewissen Grad – oder doch nicht? Was sagen die Profis? Leo meint: „Habt keine Angst, Zeit zum Spielen bleibt! Wer einmal das Strahlen der Augen gesehen und das quietschende Lachen gehört hat, ändert sogar die Meinung zu ’simplen‘ Spielen wie Kirby. Noch ein Tipp für werdende Eltern: Wenn Kinder das Gehen lernen, ist nichts mehr sicher. Verwahrt die Controller, verschließt die Konsolen, legt die Fernbedienung aufs höchste Regal! Kleine Abenteurer knabbern nämlich alles an … und sabbern alles voll.“ Rosige Aussichten. Sabber überall, obwohl es gar nicht um ein neues Game mit Lara Croft geht. Kann mir Marco, Vater von zwei Kindern, Mut machen? „Genießt die Zeit mit den Kindern, sie werden so schnell groß. Zum Zocken bleiben vorerst nur die Abende – und die will man auskosten, aber nehmt euch nicht zu viel vor, sondern schlaft lieber. Die Nächte werden anfangs sehr kurz. Ich habe zu Beginn noch immer versucht, bis tief in die Nacht zu zocken und die Quittung dann präsentiert bekommen, wenn die Kinder nicht geschlafen haben.“

Zweifel beseitigt

Das klingt doch schon sehr positiv. Das merk sogar ich mir. Langsam bekomme ich Zuversicht, dass ich das schaffen könnte. Ich und Kinder. Ein guter Gedanke. Lars, was sagst du dazu? „Nutzt die Zeit, die ihr noch habt, denn es wird definitiv eine Durststrecke für euer Hobby geben. Als positiver Nebeneffekt gilt aber, dass man die Spielzeit, die man hat, mehr genießt und zu schätzen weiß.“ Auf einmal lese ich Durststrecke und Quittung. Da schrumpft nicht nur meine Motivation, meinen Fortpflanzungstrieb auszuleben. Aber gut, so schlimm klingt das alles wirklich nicht. Außerdem werde ich bald wieder online spielen und nach zehn Stunden in „Battlefield“ oder „FIFA“, in denen ich ohnehin nur aufs Maul bekomme, ist der Wunsch nach Kindern und Offline-Abenteuern bzw. einer kurzen Spielpause sicher wieder gewachsen. Es lässt sich ja alles vereinbaren, so zumindest mein Eindruck nach den Interviews. So, jetzt hol ich mir mal ein Gin-Tonic, um die Aufregung runterzuspülen. Hm. Mein nächstes Special könnte ich zum Thema Alkohol in Kombination mit Spielen machen. Da kann ich in jedem Fall schon heute mitreden. Cheers.

Bildschirmfoto 2014-11-16 um 12.35.49

Nachwort Nr.1:
Der Durchschnittsspieler war laut Entertainment Software Association (ESA), zumindest in den USA, im Jahr 2011 37 Jahre alt. 2012 war er 30 Jahre alt, scheinbar weil alle Kids dieser Welt, die auf ihren Smartphones verärgerte Vögel gegen Mauern fliegen lassen, plötzlich in diese Statistik miteinberechnet werden. Aber sind wir ehrlich, so alt hätten wir uns selbst nicht eingeschätzt, oder?

Nachwort Nr.2:
Die beiden genannten Väter Leo und Martin haben in der Zwischenzeit übrigens schon ihr zweites Kind bekommen. So schlimm scheint es also nicht zu sein.

Fortsetzung folgt …

Der  Artikel war das letzte Special, das ich für das Videospielmagazin consol.AT im Jahr 2013 verfasst habe. Dank der Mithilfe einiger Leser und Industriepartner, konnte ich ein mir sehr wichtiges Thema auf ein paar Seiten fassen, die auch wirklich noch gelayouted wurden. Lange Rede, kurzer Sinn: Das Heft erschien nicht und das Special wurde nie veröffentlicht. Bis jetzt. Mit ein wenig Verspätung. Viel Spaß!

Written by: Alexander Amon

Motivator Ich bin seit ca. 12 Jahren redaktionell mit Videospielen verbunden und war zuletzt Chefredakteur des Fachmagazins für Computer- und Videospiele consol.AT und ihren deutsch-schweizerischen Ableger consolPLUS. Aktuell bin ich PR Manager beim Spieleentwickler Sproing, gebe auf dieser Website allerdings nur meinen privaten Senf zur allgemeinen Situation ab. CONTINUE betreue ich redaktionell und emotional, diene in vielen Punkten als Ansprechpartner und Koordinator. Bei Fragen und/oder Anmerkungen schreiben Sie mir doch einfach an amon@continue-magazin.at. Besten Dank und bis bald.

  • Bernhard R.

    Ein Relikt aus alten Tagen. Fein, dass es aus der Versenkung geholt wurde (der Artikel, nicht der Autor). Kinder werden zwangsweise Thema eines jeden Heranwachsenden, spätestens dann, wenn im Freundeskreis munter drauflos geheiratet wird und die ersten Kinder im Anflug sind. Gut, mit meinen 26 Lenzen macht sich noch keine Panik breit. Aber man kommt doch nicht daran vorbei sich Gedanken bzgl. der Zukunft zu machen. Welche Hobbies soll man weiter verfolgen, wie viel Zeit kann ich in Games, Musik, Festivals usw. investieren?

    Da ist es schön, wenn man von Leuten lesen kann, die ereits Erfahrungen mit solchen Situationen haben. So hat man einen klienen Einblick in die eventuelle Zukunft und weiß, dass man nicht alleine auf weiter Flur ist sondern sich bereits viele über ähnliche Dinge den Kopf zerbrechen.

  • Martin Mc Fly Fornleitner

    Schön, dass der Artikel dann doch noch erschienen ist. 😉 Und danke vielmalos für die Verlinkung 😉

    • consalex

      Immer gerne! 🙂

  • derNeue

    Ja, der Artikel sollte ja eigentlich damals in der letzten C-Ausgabe erscheinen, die dann irgendwie untergegangen ist. Schade – ich finde ihn nach wie vor großartig und freue mich nach wie vor über die gute Interaktion mit der Community damals.
    Und ja, das Thema beschäftigt. Natürlich eher bereits gewordene Eltern und ein wenig „Reifere“ (wie den Amon 😉 ), aber ich mach mir mit 26 Jahren auch schon Gedanken, ob der geplante Werkstatt- und Schlagzeugraum in der nächsten Wohnung dann im weiteren Verlauf auch mal ein Kinderzimmer sein könnte. Schlimm und schön und einfach der Lauf der Dinge.