Der schleichende Tod der Wii U

Auf der Stelle trampelnde Verkaufszahlen, an einer Hand abzuzählende Must-Haves für die kommenden Monate. Nintendo scheint die Wii U aufgegeben zu haben und steckt all seine Kraft in die Entwicklung des neuen, noch ominösen NX-Projekts. Wir rätseln über die düstere Zukunft und das vermeidlich schnelle Ableben der noch jungen Konsole.

2014 strotzte ich vor Euphorie: Mit Donkey Kong, Mario Kart, Super Smash Bros. und der Enthüllung des neuen Zelda auf der E3 hatte Nintendo alle Register gezogen, um der Wii U einen zweiten Frühling zu bescheren und den Vorsprung auf Microsoft und Sony zu verringern. 12 Monate später im Hier und Jetzt spekuliere ich über den Tod der Konsole. Absurd, oder?

NX wirft erste Schatten

Im März 2015 sprach Nintendo erstmals über das Projekt NX: Man werde keine bestehende Hardware ersetzen, vielmehr platziere man die „Konsole“ neben 3DS und Wii U. Mehr Informationen wolle man erst im nächsten Jahr offenbaren. Danach folgten die wildesten Spekulationen um einen Nachfolger der schwächelnden Wii U: Android als Betriebssystem, ein Zwitter aus mobilem Spielspaß und leistungsstarker Heimkonsole oder doch ein komplett neuartiges VR-Projekt der Japaner. Mittlerweile sollten wir fast jedes Hirngespinst gehört haben, Nintendo selbst schweigt dazu – weitestgehend.

So ließ Nintendo America-Chef Reggie Fils-Aime das Wort „home console“ in einem Interview verlauten und auch Gerüchte über eine Veröffentlichung im nächsten Jahr wollen nicht abreißen. Weiteren Nährboden für solche Gerüchte streute vor einigen Tagen Square Enix, die Dragon Quest 11 neben 3DS und PS4 auch für die NX ankündigten, danach die Aussage umdichteten und nun von einer Diskussion um die Veröffentlichung sprechen. Neue Konsole in allen Ehren, solange derzeitige Wii U-Besitzer nicht darunter leiden müssen, soll es mir recht sein. Doch es kam, wie es kommen musste…

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Der Abstand zu Microsoft und Sony wächst unaufhaltsam, die PS4 verkaufte sich bislang doppelt so gut. // Bildrecht: VGChartz

Verschobene und ausbleibende Must-Haves

Anfangs noch ohne faden Beigeschmack wurde das kommende Zelda von Ende 2015 auf irgendwann in 2016 verschoben. Man wolle noch weitere Ideen verwirklichen und brauche mehr Zeit. Mit einem neuen Video und ehrlichen Worten richteten sich Miyamoto und Aonuma an die Fans und bekamen zumindest meinen Segen. Der Ausschluss von der E3 tat allerdings schon weh und die Gerüchte, dass das Spiel als Releasetitel für Projekt NX gehandelt wird, werfen einige Fragen auf. Wie weit ist die Entwicklung der NX schon vorangeschritten? Wie viele Titel werden noch für die Wii U rauskommen? Und wie lange hält Big N an ihr noch fest?

Dem äußerst schwachen Digital Event der E3 nach zu urteilen nicht mehr allzu lange. Zwar versicherte Nintendo, man habe nur Spiele gezeigt, die in den nächsten Monaten herauskommen, doch das Lineup ist noch dünner als gewohnt und nur zu gut kann ich den Aufschrei deprimierter Fans verstehen. Im August erwartet uns mit Devil’s Third ein trashiges Actionspektakel, im September Super Mario Maker, im November Xenoblade Chronicles X und zum Jahresende folgen Star Fox Zero und Mario Tennis: Ultra Smash. Darüber hinaus ist nichts bekannt, und selbst auf der kommenden Gamescom wird Nintendo nichts Neues – Überraschungen ausgenommen und gern gesehen – präsentieren.

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Der Systemsteller wurde von Ende 2015 auf 2016 verschoben. Auch im neuen Quartalsbericht für 2016 ist „Zelda U“ noch nicht gelistet. // Bildrecht: Nintendo

Ansehnliche Notversorgung oder abruptes Ende?

Bis NX irgendwann 2016 – wenn überhaupt – erscheint, muss Nintendo also nochmal nachlegen, um nicht vollends die Spieler zu vergraulen. Doch mit welchen Titeln? Ein neues Metroid gilt als ausgeschlossen, dazu äußerte sich ein Entwickler vor wenigen Wochen mit den Worten „would likely now be on NX“, wenn man jetzt mit der Entwicklung beginnen würde. Ein Super Mario 3D World 2 wäre denkbar (Verwertung von ehemaligen Konzepten und Leveln, die es nicht in das Release schafften), Fans spekulieren auch über Pikmin 4.

Meiner Auffassung nach wären entweder HD-Remakes oder eine geschaffene Abwärtskompatibiltät der effizienteste Weg, um Fans möglich wenig leiden zu lassen. Einerseits wären diese mit wenig Budget und Manpower zu realisieren, und wer würde sich nicht über ein Twilight Princess in HD-Optik freuen? Letzteres würde sich schwierig gestalten, da Nintendo sehr wahrscheinlich auf x86-Prozessoren von AMD umschwenken wird und somit Wii- und Wii U-Spiele nicht mehr nativ unterstützen könnte. Andererseits würden so sämtliche Entwicklungen normal weiterlaufen und zum Release von NX könnte Nintendo viele Starttitel anbieten, einige davon parallel für die Wii U, bloß mit höherer Auflösung und schärferen Texturen. Auch Dauerbrenner wie Mario Kart 8Super Smash Bros. und Splatoon wären somit weiterhin State-of-the-Art, da von beiden Konsolen aus spielbar, und kämen, bis ihre Nachfolger in einigen Jahren erscheinen, auf einen natürlichen Lebenszyklus ohne abruptes Ende, ohne großes Tränenvergießen und ohne den Zorn der Wii U-Gemeinde.

Am liebsten würden wir natürlich von spontanen Nintendo Directs überrascht werden wollen, die neue, tolle Spiele für die Wii U ankündigen und der Konsole einen vernünftigen Abschied verpassen, sodass sowohl Early Adopter als auch frische Neukäufer zufrieden sind und auch bei der NX zugreifen. Träumen dürfen wir ja noch, denn ob Nintendo überhaupt in der Lage wäre, drei Plattformen so mit Spielen zu versorgen, dass es jedem recht ist, scheint alles andere als realistisch.

Written by: Christoph Liedtke

Luftpolsterzerdrücker Vor über 20 Jahren entstand die Liebe zu Videospielen – SNES sei Dank. Es dauerte einige Zeit, bis ich auch der Hardware verfallen war. Nach Jahren der nerdigen Bildung mit diversen Spiele- und Technikmagazinen, entschloss ich mich 2012 erstmals über meine Passion zu schreiben. Es folgte ein Blog, ein Volontariat bei consol.AT sowie Gamers.at und derzeit schreibe ich als freier Redakteur für E-MEDIA. Um die Zeit neben Artikeln, Studium, Freundin und Hündin noch weiter zu dezimieren, entstand parallel unser Projekt namens CONTINUE, denn Videospiele und Technik dürfen niemals zu kurz kommen! Fragen, Anregungen, Feedback oder harsche Kritik bitte an: liedtke@continue-magazin.at Danke für’s Lesen und auf bald.

  • Michael Ferstl

    Nintendo machts jedes Jahr spannend, fast jedes Jahr neue Hardware