Sätze, die seit heute Realität sind: Ich hab Shenmue III auf Kickstarter gebacked

Es war eine E3 wie jedes Jahr. Gefüllt mit Versprechen für die Zukunft, mit Shootern, mit Sportspielen. Mit Rennautos, die von der Decke schwebten und Sängern, die auf der Bühne zu Tanzspielen tanzten. Und dann passierte die seltsamste Stunde der E3-Geschichte.

Ich war gestern Abend bereit, mich von der Electronic Entertainment Expo zu verabschieden. Nach Microsofts Pressekonferenz, nach EAs und Ubisofts Präsentationen war da irgendwie ein leeres Gefühl im Magen. Zuerst nur ein kurzer Gedanke: Vielleicht, ja, vielleicht ist dieses ganze E3-Ding nichts mehr für mich. Dann eine Realisierung: Nein, das ist tatsächlich nichts mehr für mich. Die zahlreichen Shooter (bei Microsoft hab ich mindestens zwölf gezählt), die Neuauflagen der ewig selben Sportspiele, die Tom Clancy-Games in ihren verschiedensten Facetten – das ist alles irgendwie nicht mehr mein Ding. Aber anscheinend das Ding der restlichen Spielerwelt – würde sich denn sonst eine ganze Industriemesse darum drehen? Es ist ein seltsam isolierendes Gefühl sich plötzlich nicht mehr so wirklich als Teil der Gamingcommunity zu sehen. Wie als Musikfan die Plastikshow der Grammys anzusehen oder als Film-Aficionado die MTV Movie Awards. Es ist schön, dass es das gibt und es hat alles durchaus seine Daseinsberechtigung, aber es fühlt sich an, wie der ewig selbe Loop, die ewige Wiederholung derselben Entertainmentprodukte. Und dann kam Sonys Konferenz. Und Shenmue III.

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Es ist wirklich schwer zu beschreiben, wie sich das anfühlt, als Fan der Serie in einer Welt zu leben, in der Shenmue III eine Realität ist. Fast mein halbes Leben habe ich gewartet, Stunden in Foren verbracht, Yu Suzuki-Interviews gelesen und auf irgendeinen Hinweis gehofft, dass das Ganze doch noch irgendwie weitergeht. Als Comic, als Film, als Blogeintrag, was auch immer. Und jetzt kann ich tatsächlich sagen, dass ich Kickstarter-Backer eines echten Shenmue-Spiels bin. Eines echten, neuen Spiels! WTF?! Besonders bizarr wird die gesamte Situation vor allem, wenn man Yu Suzukis Saga ganz trocken gameplaytechnisch betrachtet. Shenmue ist ein Spiel, das heute niemals gemacht werden würde, ein Relikt aus einer anderen Ära, als noch unklar war in welche Richtung sich der Videospielmarkt in den nächsten Jahren entwickeln wird. Und dem sollte sich jeder bewusst sein, der jetzt blind Geld in Richtung Kickstarter werfen will, die ersten Teile aber noch gar nicht gespielt hat. Das teuerste Spiel aller Zeiten zu sein (was Shenmue eine Weile lang von sich behaupten durfte) bedeutete im Jahr 1999 etwas anderes als heute. Es bedeutete nicht unbedingt bombastische offene Welten und Non-Stop-Action-Thrills, sondern Liebe zum Detail, zum Erschaffen einer glaubhaften virtuellen Welt, zu individuell designten Fingernägeln für jeden einzelnen Charakter. Shenmue war ein Spiel, das sich Zeit nahm, in dem man sich verlieren konnte, stundenlang Sammelfiguren aus Automaten drücken oder Kirschblütenblätter aus der Luft fangen konnte. Und so ein Spiel im Jahr 2015 auf einer E3 zwischen Call of Duty und Gears of War zu sehen, grenzt fast schon an ein Wunder.

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Mittlerweile ist die Kickstarter-Kampagne zum Spiel schon weit über zwei Millionen Dollar und damit auch finanziert. In weniger als zwölf Stunden. Das ganze logistische Drumherum ist dabei aber noch immer unbeantwortet. Sind zwei Millionen genug? Und falls nicht, inwiefern ist Sony in das Ganze involviert? Ist es seltsam eine Kickstarter-Kampagne in einer E3-Präsentation vorzustellen? Wie groß wird das Spiel? Wird es Remaster zu den ersten beiden Teilen geben? Und vor allem, was sagt Sega zu dem Ganzen? Noch spielt das alles keine Rolle, noch bleibt die Euphorie, die Absurdität der Gesamtsituation, die langsame Realisierung, dass es ein echtes Shenmue III gibt. Und nach der Konferenz von Sony einen bis gestern noch desillusionierten Videospielfan, der auch nächstes Jahr wieder zur E3 zurückkehren wird.

Written by: Christoph Sepin

Space Cowboy Bei consol.AT habe ich früher immer versteckte Botschaften in meine Artikel eingebaut, aber das weiß außer mir niemand. Und seit es das nicht mehr gibt, braucht man ja irgendwas anderes zu tun. Für CONTINUE möchte ich mir die kleinen Dinge der Spielewelt ansehen, die manch einer vielleicht übersieht. Die Indies und Kickstarter-Kampagnen. Und ab und zu vielleicht eine positive Geschichte aus der Gamingumgebung. Weil geraunzt wird sowieso schon genug.