Review: Sunless Sea

Die offene See. Piraten. Riesenkrabben. Verborgene Schätze. Sunless Sea bedient sich den Stereotypen der Seefahrromantik und verbindet diese mit einer ordentlichen Portion Choose-Your-Own-Adventure-Nostalgie.

Vor langer Zeit gab es mal ein Browserspiel namens Fallen London. Das war, vor allem verglichen mit anderen Ablegern des Genres, sehr gut. Mit einer fiktiven Version der englischen Hauptstadt als Kulisse, inszenierte das britische Studio Failbetter Games eine Art digitales Kartenspiel voller Victorian-Gothic-Fantasie, gespickt mit einer Prise Steampunk-Sci-Fi und einer mysteriösen Hintergrundgeschichte. Während sich das Spielprinzip selbst relativ simpel hielt, war die Story von Fallen London um einiges komplexer – wenn nicht sogar irgendwie undurchschaubar. Die Entwickler schafften es, eine extrem detaillierte Welt aufzubauen, deren Regeln und Normen dem Spieler nicht einfach erklärt wurden, sondern diesen absichtlich irreführten, verwirrten und so in die wunderlichen, surrealen Rätsel des Spiels einsaugten. Da gab es so Sachen wie die Traitor Empress, die Iron Republic und den mysteriösen Echo Bazaar, zwielichtige Gestalten hinter jeden Ecke, Golems aus dem fernen Polythreme und die endlose Unterzee. Um was genau es sich bei den zahlreichen Charakteren und Schauplätzen handelte, wurde dem Spieler dabei nie so genau erklärt – anhand teils sehr textlastiger, aber wunderschön geschriebener Spielpassagen musste man sich den Sinn des Ganzen irgendwie selbst zusammenreimen. Und das machte Fallen London richtig gut.

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Seit Februar gibt es – Kickstarter sei Dank – einen Spin-Off-Titel des Fallen London-Universums: den Roguelike Sunless Sea, in dem man als Schiffskapitän die tiefsten Tiefen der Unterzee bereisen und versuchen kann, die Geheimnisse der Welt des Echo Bazaar irgendwie zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen. Das Spiel beginnt – wie auch schon das Browser Game zuvor – in Fallen London, wo man sich seinen eigenen, individuellen Charakter zusammenschmieden kann. Geschlecht, Aussehen und Name können dabei genau so frei ausgewählt werden, wie Hintergrundgeschichte und das persönliche Spielziel an sich. Denn Sunless Sea hat – zumindest in den über zwanzig Stunden, die ich schon in das Spiel investiert habe – keine klar erkennbare Hauptstory. Seinen eigenen finalen Endpunkt kann man sich selbst aussuchen, der Weg dorthin ist aber lang und steinig.

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MASKENBÄLLE UND AFFENKÖNIGE

Hat man sich dann für seinen eigenen Helden entschieden, kann man an Bord seines Schiffes gehen (oder auch nicht, in Fallen London gibt es auch noch einiges zu tun) und den dunklen Ozean – die Unterzee – erkunden. Hier wechselt Sunless Sea von seiner Choose-Your-Own-Adventure-Optik in ein Top-Down-Echtzeitspiel und gibt einem die zugegeben nicht ganz perfekt umgesetzte Kontrolle über den eigenen Kutter, den man mithilfe der WASD-Steuerung durch düstere Gewässer schickt und sein lieb gewonnenes Schiffchen an überstarken Gegnern, Wasserstrudeln und Felsen vorbeimanövriert. Während das alles noch nur halblustig ist, liegt der Fokus von Sunless Sea ganz klar auf einem: dem Erkunden. Dunkle Nebelschwaden lüften sich, wenn neue Inseln entdeckt werden, jede mit ihrer eigenen, mysteriösen Geschichte. Beim Landgang wird man auf dekadente Maskenbälle eingeladen, verkauft Kisten voller Seelen an Affenkönige oder veranstaltet Kaffeekränzchen für Untote. Zusätzlich muss ständig ein Auge auf die verfügbaren Ressourcen an Bord geworfen werden: Treibstoff verbrennt schnell, Proviant wird in kürzester Zeit verzehrt und zu lange Zeit auf offenem Ozean lässt das Terror- und Angstlevel der Crew bedrohlich ansteigen. Erreicht eine der Ressourcen einen kritischen Wert, heisst es dann relativ schnell “Game Over” – als Roguelike bedeutet das Permadeath und einen Neustart des Spiels mit einem neuen Captain und neu auf der Spielkarte platzierten Inseln. Zum Glück können clevere Kapitäne ihre Gelder in Immobilien investieren und Testamente schreiben, die dann an den nächsten Captain weitervererbt werden können.

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Die Entwickler von Failbetter Games schaffen es mit Sunless Sea eine so fantasievolle Welt der Eigenartigkeiten zu bauen, wie sie mir in meiner Zeit als Spieler noch kaum untergekommen ist. In blumiger Sprache geschriebene Texte erzählen bizarre Märchen von wunderlichen Charakteren und seltsamen Orten, die erst nach stundenlanger Spielzeit zumindest teilweise Sinn ergeben. Und wenn man sich darauf einlässt, bietet Sunless Sea ein Erlebnis, wie kein zweites Spiel. Eine spannende Story eines passionierten Teams, empfohlen allen Spielern, die gerne herausfinden wollen, wie sich ein gut umgesetztes Choose-Your-Own-Adventure-Buch im 21. Jahrhundert anfühlen kann.

Sunless Sea ist ab jetzt für PC und Mac erhältlich.

Written by: Christoph Sepin

Space Cowboy Bei consol.AT habe ich früher immer versteckte Botschaften in meine Artikel eingebaut, aber das weiß außer mir niemand. Und seit es das nicht mehr gibt, braucht man ja irgendwas anderes zu tun. Für CONTINUE möchte ich mir die kleinen Dinge der Spielewelt ansehen, die manch einer vielleicht übersieht. Die Indies und Kickstarter-Kampagnen. Und ab und zu vielleicht eine positive Geschichte aus der Gamingumgebung. Weil geraunzt wird sowieso schon genug.