Review: Line-App – die Primavera Sound Festival App

Ist es eine App, ein Spiel, ein Stück Werbung oder einer der cleversten Wege aller Zeiten ein Festival-Line-Up anzukündigen? Line-App ist das alles und noch mehr. Und was genau, erfährt man jetzt.

Das Primavera Sound Festival in Barcelona ist ein schöner Ort. Dort gibt es gute Musik, den Geruch von Meerwasser in der Luft und jede Menge gut gelaunte Leute aus der ganzen Welt. Aus all diesen und noch vielen anderen Gründen sind die enthusiastischen Fans des fast einwöchigen Musikspektakels jedes Jahr besonders gespannt auf das offizielle Line-Up der Veranstaltung. Welche Bands kommen? Welche Gerüchte aus dem Vorfeld stimmen? Zahlt es sich aus den weiten Weg nach Barcelona auf sich zu nehmen, wenn da musikalisch im Endeffekt eh nichts für einen dabei ist? Um noch zusätzlichen Hype aufzubauen, bedienen sich die Veranstalter des Festivals jedes Jahr besonders kreativer Methoden. 2014 war es ein Kurzfilm, der online gepostet wurde und in dem die T-Shirts, CDs und Poster der Akteure die teilnehmenden Bands verrieten. Dieses Jahr wurde das Line-Up noch cleverer angekündigt: In Videospielform. Und darum geht es in diesem Artikel.

Line App Screen 1

Mit Speeren gegen Zombies

Line-App nennt sich die gratis für iOS und Android herunterladbare App, die das Line-Up des diesjährigen Primavera Sound Festivals preisgeben sollte. Ursprünglich ein relativ unauffälliger 30 MB Download der beim Öffnen nichts anderes zeigte als einen Countdown-Ticker der langsam nach unten zählte, öffnete sich am Mittwochabend um Punkt 20 Uhr ein in der App verstecktes Spiel. Darin übernimmt man Kontrolle über einen coolen Rocker, der nicht nur locker rumhängt, sondern auch auf der Suche nach seinen Tapes und seinem Babe durch verschiedenste Welten irren und dabei allerlei Bösewichte besiegen muss. Handlungstechnisch ist das Ganze also schnell verdaut und auch spielerisch gibts nicht viel Verwirrung. Line-App serviert eine Mischung aus simplen Geschicklichkeitsmechanismen à la “Spring über diesen Kaktus und fall nicht in das Loch” und einfachen Kampfsequenzen, in denen man Speere auf Zombies wirft und mit Knarren auf Geister schießt. Für jeden besiegten Gegner kriegt man nicht nur Punkte, sondern es taucht auch in großen Lettern der Name einer der Bands auf, die am diesjährigen Primavera Sound Festival spielt. Gameplaytechnisch erinnert das an Spiele wie Bertil Hörbergs Gunman Clive, grafisch an so Titel wie Kentucky Route Zero. Schicke Pixelgrafik eben.

Line App Screen 2

Mehr als ein Spiel

Der besondere Clou an Line-App ist aber eigentlich nicht die spielerische Herausforderung, sondern die clevere Art und Weise, wie die Organisatoren des Festivals ihr Line-Up präsentieren. Jede überwundene Hürde, jeder besiegte Gegner bietet nicht nur spielerische Genugtuung, sondern auch Informationen über ein echtes Festival zu dem man im echten Leben geht und sich ganz echt Bands anschaut. Bands von denen man eben nur erfährt, wenn man es schafft, sich im Spiel vorwärtszukämpfen. Und für Leute, die einem beim Spielen zuhören, hört sich das in etwa so an: “Nimm das, Untoter! Oh, was, die Strokes spielen? Nieder mit dir, Monstrum! Juhu, The Black Keys kommen auch!” Mit jedem besiegten Gegner steigt also nicht nur der Spaßlevel, sondern die Spannung auf die nächste Band, die angekündigt werden könnte. In Zeiten der Instant Gratification, an die wir uns alle so gewöhnt haben, in denen wir irgendwie alles sofort und ohne viel Wartezeit haben wollen, ist so ein Geduldspiel ein gelungener Zugang. Und wenn die User der App in wenigen Monaten vor den Festivalbühnen stehen, wird sich sicher der eine oder andere daran erinnern, welchen Gegner er besiegen musste, damit Interpol oder alt-J angekündigt wurden, während die eben selbe Band on stage ihre Hits zum Besten gibt.

Line App Screen 3

Jetzt aber zu einer ganz wichtigen Frage, die an dieser Stelle auch beantwortet werden soll – schließlich ist das hier ja ein Review: Soll man sich denn Line-App herunterladen und spielen, auch wenn einen das Festival-Line-Up überhaupt nicht interessiert? Ja, wieso nicht! Die Grafik ist schön, die Musik super und gameplaytechnisch gibt es zwar viel sich wiederholende, aber doch auch unterhaltsame Herausforderungen. Einzig die Touchscreensteuerung des Spiels ist besonders nervig, aber das ist bei Mobile Games ja ziemlich oft der Fall. Dafür ist das Ganze zumindest gratis. Insofern eine schöne Idee eines Spiels, das sich irgendwo zwischen Werbung und vollwertigem Game bewegt und das für zwischendurch ausreichend Unterhaltung bietet. Und das nicht nur für Festivalgeher, sondern auch für Daheimbleibende.

Downloaden kann man Line-App ab jetzt für iOS und für Android.

Written by: Christoph Sepin

Space Cowboy Bei consol.AT habe ich früher immer versteckte Botschaften in meine Artikel eingebaut, aber das weiß außer mir niemand. Und seit es das nicht mehr gibt, braucht man ja irgendwas anderes zu tun. Für CONTINUE möchte ich mir die kleinen Dinge der Spielewelt ansehen, die manch einer vielleicht übersieht. Die Indies und Kickstarter-Kampagnen. Und ab und zu vielleicht eine positive Geschichte aus der Gamingumgebung. Weil geraunzt wird sowieso schon genug.