Review: Life Is Strange

Das Leben ist oft ein sehr seltsames. Vor allem wenn man plötzlich die Zeit zurückspielen kann. Dontnod Entertainment liefert mit Life Is Strange eines der ersten spielerischen Highlights des Jahres.

Max hat ein Problem. Oder zwei. Gerade frisch aus dem rockigen Seattle in ihre Heimatstadt Arcadia Bay zurückgekehrt, um dort Fotografie zu studieren, muss sich die 18-Jährige plötzlich nicht nur mit snobigen Mitschülern, einer neuen Schule und ihrem eigenen Selbstzweifel zurechtfinden, sondern auch mit der Tatsache, dass sie plötzlich irgendwie in die Vergangenheit reisen kann – für ein paar Sekunden zumindest. Und weil das noch nicht genug Verantwortung für einen Teenager ist, baut sie nebenbei noch die Beziehung zu ihrer ehemals besten Freundin Chloe neu auf und versucht das mysteriöse Verschwinden der superpopulären Rachel Amber zu erklären. Das alles wäre schon der Plot für einen guten Film oder eine nette Serie, zum Glück für uns ist Life Is Strange aber ein Videospiel – und dazu noch ein sehr gutes.

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Dontnod Entertainment wagt sich nach dem Actiontitel Remember Me mit Life Is Strange ans episodische Adventuregenre und macht damit nicht nur ein Spiel mit einem wiedermal sehr schönen Namen, sondern erzählt auch eine der fesselndsten Stories der jüngsten Vergangenheit. Life Is Strange ist kein Actionspiel, kein Reflextest oder Adrenalin-Blockbuster. Es ist ein Spiel der kleinen, schönen Momente, der guten Musik und der Teenager-Nostalgie und verzichtet dabei erfrischenderweise – zumindest in seiner gerade veröffentlichten ersten Episode – großteils auf übertrieben bombastische Michael Bay-Sequenzen. In ruhigen Bildern und mit Folkgitarren im Hintergrund erzählt das Spiel eine Geschichte, die viele von uns irgendwann mal aus erster Hand erlebt haben: Die einer Teenage-Aussenseiterin, die mit den Tücken des Erwachsenwerdens, der sozialen Politik im Klassenzimmer und ihrer eigenen Veränderung zu kämpfen hat. Als Bonus kommt dann noch das Zeitreisen dazu, aber glücklicherweise hält sich das großteils im Hintergrund und wird eher als Spielmechanik anstatt als narratives Mittel angewendet.

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ADVENTURE 2.0

Im Prinzip spielt sich Life Is Strange wie ein typischer Ableger der neuen Welle von Adventure Games à la Telltale oder Quantic Dream. Man spaziert durch relativ offene Spielbereiche, kann mit seinen Mitmenschen interagieren, lernt Geheimnisse und muss ein paar relativ einfache Rätsel lösen. Dazwischen wird in kurzweiligen Zwischensequenzen die Hauptstory weitererzählt und man erfährt mehr über die Welt von Arcadia Bay und ihre Mysterien. Der spielerische Clou ist dabei die Möglichkeit die Zeit zurückspielen zu können. Verlaufen Dialoge beispielsweise nicht wie geplant, geht man einfach ein paar Sekunden in die Vergangenheit und versuchts nochmal. Manchmal erfährt man so auch Details, die man beim wiederholten Gespräch anwenden kann – denn obwohl sich Sequenzen nach erfolgreichem Zurückspielen neu starten, merkt sich Max das bereits Gelernte und behält auch Items trotz Zeitreise in ihrem Inventar. Gameplaytechnisch eröffnen sich damit spannende Möglichkeiten, die auch die Experimentierfreude und Neugier des Spielers anregen.

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Der zweite Clou in Life Is Strange ist die Story an sich. Während sich die Adventures aus dem Hause Telltale oft um Fantasy- oder Comicwelten drehen und Spiele wie Beyond: Two Souls düstere Verschwörungen ergründen, ist Dontnods Spiel zumindest in seiner ersten Episode ein angenehm simples Erlebnis, bei dem es in erster Linie um die Simulation des Lebens eines Aussenseiters in seinen Jugendjahren geht. Höchstwahrscheinlich wird der Mystery-Aspekt dank der Zeitreisefunktion in zukünftigen Episoden stärker forciert werden, bis jetzt zumindest schaffen es die Entwickler aber viel subtiler und feinfühliger auf diese Fantasy-Facette zuzugehen als zuletzt beispielweise Quantic Dream mit Beyond. In dieser Hinsicht ist Life Is Strange ein erfrischend anderes Spielerlebnis, das Fans von Adventure-Titeln sehr gefallen sollte, dessen Mysterien zum Mitraten einladen und dessen Hauptcharaktere wunderschön gespielt und gesprochen sind. Besonders erwähnenswert ist hier die großartige Ashly Burch – bekannt aus Borderlands 2 und der Webshow Hey Ash, Watcha Playin‘? – als die blauhaarige Rebellin Chloe.

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Einzig die technische Performance ist zumindest auf der Konsole manchmal zu bemängeln, wenn Stimmen nicht korrekt ausgespielt werden oder Animationen seltsam wirken – Spieler von Telltale-Spielen sollten das aber bereits kennen und wissen, dass das halb so wild ist. Und auch der Wiederspielwert ist dank optionaler Nebengeschichten und einer ganz netten Fotochallenge gegeben – das jede Aktion im Spiel die zukünftige Story zu einem gewissen Grad verändert und damit sehr gut überlegt sein soll, soll an dieser Stelle auch nicht unerwähnt bleiben. Damit gibt es hier von meiner Seite eine absolute Kaufempfehlung für Fans von schönen Geschichten und Adventures der etwas anderen Art. Und die Hoffnung, dass es mit Episode 2 von Life Is Strange – die bereits im März erscheint – qualitativ so gut weitergeht.

Life Is Strange ist ab jetzt für PS3, PS4, Xbox 360, Xbox One und PC digital erhältlich.

Alle hier abgebildeten Screenshots sind aus dem offiziellen youtube-Trailer des Spiels.

Written by: Christoph Sepin

Space Cowboy Bei consol.AT habe ich früher immer versteckte Botschaften in meine Artikel eingebaut, aber das weiß außer mir niemand. Und seit es das nicht mehr gibt, braucht man ja irgendwas anderes zu tun. Für CONTINUE möchte ich mir die kleinen Dinge der Spielewelt ansehen, die manch einer vielleicht übersieht. Die Indies und Kickstarter-Kampagnen. Und ab und zu vielleicht eine positive Geschichte aus der Gamingumgebung. Weil geraunzt wird sowieso schon genug.