Ode an die Tode

Warum ich From Software abgrundtief hasse und gleichzeitig verehre – und warum ihr das auch tun solltet.

“You died.”

Das muss ich erst mal sacken lassen. Und das, obwohl ich dieses kleine Textfragment heute nicht zum ersten Mal lese. Aber verdammt, es wären original noch zwei Schläge mit meinem Lightning Uchigatana +5 gewesen, dann hätte der Gravelord Nito sich endgültig zur Ruhe gelegt und … argh. Nicht darüber nachdenken. Durchatmen. Hände beruhigen. Und natürlich in wenigen Minuten erneut versuchen – denn das ist nun mal das Konzept von allen Souls-Spielen.

Sterben mit System

Wir schreiben das Jahr 2009. Spieler rund um den Globus haben sich daran gewöhnt, dass Games immer einfacher werden. “Ver-casualisiert” nennt das die snobistische “Gamer-Elite”, und meint damit, dass sie sich in einer Welt nicht mehr zurechtfinden, in der auch Menschen, die noch nie etwas mit einem Controller zu tun hatten, selbige in die Hand nehmen und ihren Spaß haben. Welch Glück, dass sich in diesem Jahr From Software als die Heilsbringer der ungeforderten Spielerschar offenbaren, denn das japanische Studio entwickelt in enger Zusammenarbeit mit Sony Demon’s Souls für die PlayStation 3. For want of a better word: Es ist ein Action-RPG, das in einem mittelalterlichen Setting stattfindet und den Spieler in die Schuhe eines Quasi-Toten steckt, der ein Land von einer Plage befreien muss.

Die Gegner in allen Souls-Spielen sind meist saugroß und brauchen besondere Taktiken. //Bildrecht: eurogamer.com

Die Gegner in allen Souls-Spielen sind meist saugroß und brauchen besondere Taktiken. //Bildrecht: eurogamer.com

Und das Spiel ist eine echte Drecksau: Bockig schwer. Undurchsichtig. Keiner rafft irgendwas. Und dann auch noch ohne ordentliche Story! Zumindest keine, die man auf den ersten Blick sieht. Und dennoch findet sich langsam eine Fan-Gemeinde auch außerhalb von Japan (wo das Spiel ursprünglich ausschließlich erschien). Erste Export-Import-Geschäfte werden gemacht, Hardcore-Masochisten quälen sich durch – und From Software und Sony merken, dass es einen Markt für Spiele gibt, die die Spielerin und den Spieler mal wieder richtig fordern. Eine Lokalisierung später verkauft sich Demon’s Souls auch im Westen blendend (wenn man nicht gerade Call of Duty als Maßstab für Verkaufserfolg nimmt). Doch noch fehlen ein paar Elemente im Spiel. Ein Nachfolger muss her!

Spielerisch perfekt

Nun sind wir endgültig im Bereich der subjektiven Liebeserklärung an ein Spiel, denn ich sage hier und jetzt: Neben Call of Duty 4: Modern Warfare und der Monkey Island-Reihe steht Dark Souls bei mir ganz oben auf dem Sockel der besten Spiele aller Zeiten. Aufbauend auf den Grundzutaten des Vorgängers ergänzte Dark Souls in einigen wichtigen Bereichen (Serverstabilität für die spärlich und gerade deswegen perfekten Online-Features, Grafikpolitur, Zugänglichkeit) und machte sich damit für eine breitere Masse interessant. Auch deshalb, weil es nun nicht mehr nur auf PS3 erschien, sondern auch für die Xbox 360 und PC. So fand auch ich meinen Weg in die düstere, aber wunderschöne Welt von Lordran: Durch einen Steam Sale (und das Knallhart Durchgenommen von GameOne – schaut es euch an, lacht mit und dann geht auf Steam einkaufen; glaubt mir, so läuft das). Und Leute, was soll ich sagen – seitdem bin ich diesem Spiel auf allen Ebenen verfallen. Der Einfachheit halber (ich kann stundenlang zum Thema referieren) werde ich mich auf drei Punkte beschränken, an denen die Genialität von Dark Souls am besten zum Vorschein kommt. Okay? Alle weiteren Punkte erkläre ich euch bei einem gemeinsamen Bier, versprochen.

  • Das Kampfsystem:
    Das Ding, das mich am meisten in diese Welt gezogen hat, waren die realistisch anmutenden Kämpfe. Jeder verdammte Gegner stellt eine Bedrohung dar, ich muss mir Schlagmuster merken, auf die Körpersprache des Feindes achten und mir überlegen, ob ich denn lieber blocke oder versuche zu kontern (sauschwer, aber sehr effektiv). Unterschiedlichste Stats beeinflussen, ob mich ein Schlag mit einer schweren Waffe zurückdrängt oder ob gar mein Schild weggeschlagen wird, wie viel meines Staminabalkens verschwindet (ohne den in der Welt prinzipiell gar nix geht), wie viel Schaden ich von Elementarwaffen bekomme und so weiter. Um das Ganze noch weiter zu vertiefen, gibt es auch noch eine schier unglaublich Anzahl an unterschiedlichen Waffen und Waffengattungen, die sich sehr unterschiedlich spielen und eigene Taktiken verlangen. Außerdem können diese Waffen (und Rüstungen!) alle auch noch in unterschiedliche Richtungen upgegraded werden, was mich zum nächsten Punkt bringt.
  • Der Begleitschutz
    Die Souls-Gemeinde ist gespalten zu diesem Punkt, aber ich bin ein Fan davon: Das Wiki. Mittlerweile haben sich im Internet mehrere Wikis zu Dark Souls angesammelt, in denen das geballte Wissen rund um die Welt von Lordran zusammengefasst ist. Angefangen von der Story, welche im Spiel selbst nur sehr spärlich erzählt wird, über die unterschiedlichen Waffenupgrades (was sie bringen, wem sie schaden,…) bis hin zu Guides zur Umgebung und sämtlichen Bossen findet sich hier auf Wunsch alles. Und auch wenn ich hasse, wenn mir so etwas als “Second-Screen-Experience” von Microsoft teuer verkauft wird, in diesem Fall finde ich es großartig. Während dem Spiel mal in Richtung Firefox wechseln, mir in Gedanken mein neues Flaming Iaito +10 zusammenzimmern, überlegen, woher ich die Rohstoffe bekomme … herrlich.
  • Die Welt
    Ich lehne mich aus dem Fenster und behaupte: Ich habe noch nie in einem Spiel eine dermaßen durchdacht aufgebaute Welt gesehen. Der Clou? So gut wie alle Bereiche, die man in diesem Spiel sieht, sind auch begehbar. Diese verdammt hohe Mauer, die aussieht wie ein eine GIF-Tapete für den Horizont? Ja, ihr werdet dort hinkommen. Und ihr werdet die Reise dahin lieben.
Der erste Ausblick auf Anor Londo. Die Gefühle dabei? Unbeschreiblich. //Screenshot des Autors

Der erste Ausblick auf Anor Londo. Die Gefühle dabei? Unbeschreiblich. //Screenshot des Autors

Würdige Nachfolgerschaft?

Seit dem Erscheinen von Dark Souls auf der Landkarte sind bereits wieder einige Jahre ins Land gezogen, und die Entwickler waren nicht untätig. 2014 war dann der direkte Nachfolger Dark Souls 2 fertig, verkaufte sich noch einmal besser … und dennoch war ich nicht angefixt. Das lag vielleicht auch daran, dass nicht Hidetaka Miyazaki, der frühere Chefentwickler, mit daran gearbeitet hat, denn seine Genialität in Sachen Design fehlte eindeutig. Nach “nur” 27 Stunden stieg ich aus und kam bisher nicht wieder zurück. Irgendetwas fehlte und zog mich wieder zurück zu Teil eins. Dort habe ich (mit dem mittlerweile dritten Charakter – ein wunderschöner Dexterity-Build namens HagenOfTronje, wenn mich jemand sucht) schon wieder 81 Stunden auf dem Buckel, und es werden wohl noch einige mehr werden, bis ich mich endgültig aus dieser Welt verabschiede. Denn das habe ich vor, sobald der hoffentlich “würdigere” Nachfolger vom Original-Entwicklerteam rund um Miyazaki auf der PlayStation 4 ankommt: Bloodborne. Nach den oben stehenden achtzehn Minuten Gameplay (mit Dank an pcgames.de) im viktorianisch angehauchten Setting traue ich mich sagen: Das wird für mich das nächste große Ding.
Die Message von diesem gesamten Text-Ding mit schwerster Subjektivität? Gebt der Souls-Reihe eine Chance. Ihr wisst gar nicht, wie sehr ihr die Herausforderung in Spielen vermisst habt, bis ihr sie wieder habt.

 

EDIT: In einer früheren Version stand als Chefentwickler „Shuhei Yoshida“, was natürlich nicht stimmt und mir sehr leid tut. Ich würde mich ja auf Trunkenheit ausreden, aber dafür trinke ich einfach zu wenig. Sagen wir, dass ich grade erst von Ornstein und Smaugh ordentlich auf den Kopf bekommen hatte, okay?

Written by: Alexander Schuh

Kaffeemaschinenbelagerer Und auf einmal bin ich wieder mittendrin. Eingestiegen in diese Branche ungefähr zwei Jahre vor dem Ende des großen C, hatte ich schnell einen Narren an den Irrungen, Wirrungen und Spaßungen gefressen, die das Erstellen von interessantem Content für Leser so bieten. Umso bitterer, als die Zeit dort endete und mich zurück ins Studium trieb. Nach dem ging´s dann den “klassischen” Weg mit seriösem Job entlang – was aber auf die Dauer auch nicht reicht, wenn man einen ganzen Affenzirkus im Kopf hat, den man gerne auch mal entlüften würde. Deswegen gibt´s diese Seite mit dieser Nase und denen links und rechts von hier. Feedback gerne unter schuh@continue-magazin.at oder über Twitter.