Need for Neonlicht

Eine kleine Apologie für all jene, die digitales Auto-Tuning immer noch abfeiern und sich nicht von der harten Realität des modernen Videospielmarktes entmutigen lassen wollen. Wir schreiben das Jahr 2003. Ich bin gerade 15 Jahre alt, merke immer mehr, dass die Höhere Technische Lehranstalt für Elektronik und IT wohl doch nicht das Meinige ist (die diversen negativen Noten sind ein relativ guter Hinweis darauf), und generell ist mir in meinem Leben vieles im Moment egal. Darunter fällt auch die Idee von von „digitalem Eigentum“ und „Kopierschutz“, weswegen der Typ mit dem CD-Brenner und der Standleitung der King unter meinen Freunden ist. Irgendwann gegen Ende des Jahres – das muss irgendwann zwischen „Hui, hartes Wochenende“ und „Wisst ihr was? Ich schneid‘ mir jetzt einen Irokesen!“ gewesen sein – geht dann ein neues Gerücht um: Ein neues Rennspiel ist grade in den Verkauf gestartet. Irgendwie soll es ein Need for Speed sein, aber irgendwie auch nicht, so ganz anders als sonst. Ich höre nur Need for Speed und drehe mich unberührt weg.

Rennspiele. Pf. Was sollen denn Rennspiele schon können? Shooter, Alter, das ist die hohe Kunst! CS 1.6 for life!

Ein paar Freistunden später sehe ich Freunden in der Klasse immer wieder beim Zocken zu. Neon. Carbon. Wilde Rennen in Tuning-Schüsseln, wie ich sie bis dahin nur aus den „Fast & Furious“-Filmen kannte. Hammer-Grafik. Und verdammt, der Soundtrack, der wahlweise wabert, wummert, rockt und flowed – 2003 war das Jahr, in dem ich zu einem Jünger der NfS:Underground-Kultur wurde.

Okay, keine Urteile bitte. So haben wir halt Autos nach Fast & Furious getuned. //Bildrecht bei saglamindir.net

Okay, keine Urteile bitte. So haben wir halt Autos nach Fast & Furious getuned. //Bildrecht bei saglamindir.net

Need for Neonlicht

Underground 1 hat mich an den Haken gebracht, mit Underground 2 wurde ich 2004 dann an Land gezogen. Noch mehr Tuning-Optionen, eine offen befahrbare Stadt, noch fetzigerer Soundtrack (ich danke diesem Spiel bis heute, mich auf Rise Against aufmerksam gemacht zu haben), und generell noch mehr von dem, was mich an Teil eins gefesselt hat. Gerade die offene Spielwelt ist etwas, das ich zuvor noch in keinem Rennspiel gesehen hatte: Durch die City cruisen, Straßen erforschen, zufällig durch die Gegend fahrende Tuner-Kollegen zu Rennen herausfordern … Gefühle von Freiheit, die ich zuvor nicht kannte. Ich erfuhr durch diese Spiele eine Ahnung davon, wie es war, in einer LA-ähnlichen Stadt Teil der Tuner-Szene zu sein und mit schwer aufgebohrten Boliden über den Asphalt zu bügeln. Für jemanden, der zu diesem Zeitpunkt noch keinen Führerschein, aber eine große Faszination für übermäßig modifizierte Fahrzeuge hatte, keine schlechte Angelegenheit.

Der nächste Schlag in den jugendlichen Leichtsinn kam im darauffolgenden Jahr. Konnte bisher ohne jegliche Repression durch die Ordnungshüter nach Lust und Laune die urbane Umwelt zershreddern, wurde mit Most Wanted auch das wachsame Auge des Gesetzes ein Teil der Gleichung. Mit anderen Worten: Scheiße, die Cops sind da und hinter mir her! Serien-Fans werden jetzt anmerken, dass das ja in den „alten“ Teilen immer schon so war und eh zu Need for Speed gehört. Geschenkt; für mich begann die Serie mit Underground. Deshalb hatte ich mich auch nie großartig über die Abwesenheit der „Kapperlständer“, wie sie bei uns liebevoll genannt werden, gewundert – ihr plötzliches Auftreten brachte aber neuen Wind in die Serie. Außerdem wurde plötzlich auch bei Tag durch die Stadt gefahren, was nach mehreren Jahren Nachtrennen eine nette Abwechslung für’s Auge bot. Das wichtigste Feature war jedoch der Camaro SS, den es nur in der Black Edition des Spiels gab. Endlich ein Muscle Car, das Abwechslung in die klassischen Tuner-Schüsseln brachte – Hinterradpower for the win. Wenn man sie denn beherrschen konnte, ohne direkt in die nächste Leitplanke zu rauschen.

Rennen. Carbon. Lachgaseinspritzung. Das sind Gefühle, die wohl nur Underground-Spieler nachvollziehen können. //Bildrechte bei wikipedia.org

Rennen. Carbon. Lachgaseinspritzung. Das sind Gefühle, die wohl nur Underground-Spieler nachvollziehen können. //Bildrechte bei wikipedia.org

Need for Neuerungen

Ich könnte jetzt weiter Serienteile auflisten und darauf eingehen, warum mein Interesse an ihnen ab diesem Zeitpunkt immer weiter Richtung Nulllinie abnahm, aber brechen wir es auf den Nenner runter: EA wollte gleichzeitig in Richtung Realismus und Fun-Racer. Die Shift-Teile, The Run, das Most Wanted-Remake – irgendwo auf der Strecke wurde der Blick dafür verloren, was so verdammt lustig an der Serie war. Stattdessen wurde auf möglichst große Zielgruppen-Kompatibilität und Marktreichweite gesetzt, was (neben anderen Fehlern) für eine stetig abnehmende Kundschaft und die wohl größte Neuerung in der Seriengeschichte sorgte: Nach jährlichen Releases ab 2002 wurde 2014 erstmals pausiert. Das Hirn durchgelüftet.

Das Ergebnis dessen ist auch der Anlass für diesen Artikel: EA hat diese Woche ein Spiel angeteased, das aussieht wie ein Underground 3, aber schlicht Need for Speed betitelt ist. Ein Serien-Reboot also – nicht gerade unüblich für EA. Deswegen gibt es von mir zu dieser kleinen persönlichen Geschichte zu den Tuning-Teilen der Need for Speed-Serie noch zwei Dinge: Eine Wunschliste und eine Botschaft.

Die Wunschliste an EA und Need for Speed:

  • Whacky Tuning: Besinnt euch auf die Tradition von Underground 2 und Most Wanted. Mehr muss nicht sein – weniger aber auch nicht.
  • Offene Welt: Ich will wieder das Gefühl haben, eine völlig fremde Stadt zu erkunden – Stück für Stück, Straße für Straße. Diesmal vielleicht mit ein bisschen mehr Leben.
  • Augenschmaus: Die letzten Serienteile waren „more of the same“, hatten alle irgendwie den gleichen Stil, konnten nicht mehr aus der Masse hervorstechen. Vor über zehn Jahren hat mich das optische Feuerwerk aus dem Sessel gehoben und gezeigt, wozu mein PC imstande ist. Die Verwendung der Frostbite-Engine ist ein guter Start – überrascht mich mit der Illusion, wirklich in eurer Welt zu sein.
  • Ohrenschmaus: Klar, oder? Ein paar erfolgreiche Rapper, ein paar Up-and-coming-Punkbands, ein wenig Indiezeug zum Drüberstreuen und ein wenig treibender Electro-Stuff. Wenn ihr mein Herz ganz erobern wollt, dann gebt mir einzelne Sender wie in GTA. Gut? Danke. Bussi.
  • Die richtige Mischung: Okay, hier ist der schwierigste Punkt. Gesucht wird eine Mischung aus realistischem Fahrgefühl und verrücktem, leicht zugänglichem Fahrspaß. Ich will nicht erst zwanzig Stunden Spielerfahrung brauchen, um ohne Leitplankenkontakt um die Kurve zu kommen, und doch genug Luft nach oben in meinen Rundenzeiten sehen. Erfolgsmotto: Easy to learn, hard to master.

Fünf Punkte. Wenn auch nur vier davon erfüllt werden, bin ich ein glücklicher Mensch, der beseelt hinter dem Controller-Pad hockt und mit Brummgeräuschen auf den Lippen seine Runden dreht.

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Zu guter Letzt habe ich auch noch eine Botschaft versprochen. Diese ist allerdings nicht spezifisch an Serienfans oder Publisher gedacht, sondern an die Hater da draußen. Die Leute, die jetzt schon, lang bevor man noch irgendwas Genaues zum Spiel weiß, in die diversen Ecken des Internets „shice EA“ und „lolz, DLC autos udn so“ schreiben. Die, die sich jetzt schon gegenseitig darin bestätigen, dass die kommenden Serienteile doch niemals wieder so gut sein können wie die früher. Meine Botschaft an diese Leute da draußen:

Fuck you.

Wirklich. Es gibt wenig Nervigeres als Leute, die schon die Apokalypse des Gaming herschreiben, bevor noch irgendwelche Details zu den jeweiligen Spielen heraußen sind. Meine Damen und Herren, geben wir EA doch eine Chance. Lassen wir sie beweisen, dass sie auch noch etwas Anderes draufhaben als das, was sie in den letzten Jahren geboten haben. Lassen wir ihnen die Möglichkeit zu zeigen, dass sie uns verstanden haben.

Wenn sie dann versagen, können wir immer noch rumschreien.

 

Written by: Alexander Schuh

Kaffeemaschinenbelagerer Und auf einmal bin ich wieder mittendrin. Eingestiegen in diese Branche ungefähr zwei Jahre vor dem Ende des großen C, hatte ich schnell einen Narren an den Irrungen, Wirrungen und Spaßungen gefressen, die das Erstellen von interessantem Content für Leser so bieten. Umso bitterer, als die Zeit dort endete und mich zurück ins Studium trieb. Nach dem ging´s dann den “klassischen” Weg mit seriösem Job entlang – was aber auf die Dauer auch nicht reicht, wenn man einen ganzen Affenzirkus im Kopf hat, den man gerne auch mal entlüften würde. Deswegen gibt´s diese Seite mit dieser Nase und denen links und rechts von hier. Feedback gerne unter schuh@continue-magazin.at oder über Twitter.