Middle-Earth: Shadow of Mordor

Ich habe ein Problem. Seit dem ersten Leak und Trailer zu Middle-Earth: Shadow of Mordor war ich beinahe durchgehend aufgeregt. Ich fieberte dem Release entgegen, saugte jedes neue Detail an Spielinfos in mich auf.

Wenn eine Story ein Fan-Herz enttäuscht

Es sollte eine Mischung aus Assassin’s Creed und Batman: Arkham Asylum werden? Ja herrlich, die liebe ich doch! Eine offene Karte, voll mit versteckten Dingen? Wunderbar, Skyrim habe ich genossen! Ein komplett neues Gegnersystem namens Nemesis, das mir maßgeschneiderte und mit wunderbaren Narben verzierte Erzfeinde liefert? Oh yes, endlich mal ein bisschen Abwechslung! Und das ganze Paket auch noch vor dem Hintergrund der Herr der Ringe-Saga, die mich mittlerweile schon fast zwanzig Jahre durch mein Leben begleitet (nur um den Punkt zu veranschaulichen: Bei einer vierwöchigen Australien-Reise mit meinen Eltern als Zehnjähriger hatte ich den Herrn der Ringe inklusive dem Hobbit im Gepäck; er wurde komplett durchgelesen. Ich glaube, ich habe dennoch das eine oder andere Schaf und ein bisschen Meer gesehen.).

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Der Ausblick über Mordor ist zwar ein wenig trist, aber dennoch wunderschön. //Screenshot des Autors

 

Warum, bei Frodos haarigen Füßen, begeistert mich Shadow of Mordor nicht so restlos, wie es das eigentlich tun sollte?

Bevor ihr mich jetzt mit digitalen Tomaten bewerft, lasst mich erklären: Ich habe über dreißig Stunden in Mordor verbracht und will mich jetzt auch sicher nicht beschweren, dass ich diese Zeit aufgewandt habe. Ganz im Gegenteil, ich hatte meinen Spaß – nur nicht auf die Art und Weise, wie ich es erwartet hatte.
Wenn es um Spiele geht, schätze ich in den meisten Fällen eine mitreißende Story, die mich an Charaktere bindet und mir ihre Geschichte mit Höhen und Tiefen, Liebe und Verrat, Gutem und Schlechtem erzählt. Die Max Payne-Reihe steht für mich nach wie vor mit auf den obersten Plätzen meiner Spiele-Hall of Fame, weil mich dieser düstere Game-Noir-Charakter nach all den Jahren immer noch zu begeistern weiß.

Klarer Fall, dass mich als Herr der Ringe-Fan also die Geschichte rund um Talion, den Waldläufer und Wächter von Gondor, sowie seine Verbindung mit dem Geist des alten Ringschmieds Celebrimbor eigentlich total in ihren Bann reißen sollte. Eine epische Geschichte, gedrechselt aus Liebe, Furcht, Verrat und Hoffnung … und ungefähr so spannend wie die Socken meiner Oma. Der Fanboy in mir schreit “Ja aber Celebrimbor! Der ursprüngliche Macher der Ringe, wie er im Silmarillion vorkam! Schmiede-Lehrmeister von Sauron – und den spielst du! Spring vor Glück!”, und ich antworte ihm “Ja und? Der macht das überladene Geschreibsel auch nicht besser.”.

Das Grundproblem in diesem Spiel ist, dass es einen geschichtlichen Spagat versucht. Der eigentlich kluge Schachzug, sich nicht (wie vorangegangene und gescheiterte Adaptionen der unglaublich detailreichen Welt von Tolkien) in die Zeit von “The Hobbit” oder “Lord of the Rings”, sondern zeitlich genau dazwischen zu setzen, liefert zwar ein unverbrauchtes Setting, aber damit auch ein Problem: Die ziehenden Charaktere fehlen. Okay, wir haben Celebrimbor, einen uralten Elbenhäuptling, der zwar die Ringe der Macht geschmiedet hat, aber ansonsten nicht gerade für seine empathischen Fähigkeiten bekannt war (und es auch im Verlauf dieses Spiels nicht wird). Dann wäre dann noch Talion, ein Wächter von Gondor, der zweidimensionaler als Pac-Man ist und bleibt. Das einzige Motiv des Herrn ist Rache für seine ermordete Familie zu nehmen, und dummerweise reicht das nicht, um einen glaubhaften Charakter zu erschaffen, mit dem man sich identifizieren will. Es “klickt” einfach nicht.

Der Rest der Crew besteht dann auch noch aus ein paar halbherzig entworfenen und notdürftig mit einer Backstory versehenen Menschen und einem tatsächlich lustigen und glaubhaften Charakter – der aber ein Ork ist, nur gelegentlich auftaucht und somit mehr “comic relief” als alles andere ist.

Übrigens: Talion geht bei seiner Rache blutig ans Werk. Befriedigend, aber schon hart. //Screenshot des Autors

Übrigens: Talion geht bei seiner Rache blutig ans Werk. Befriedigend, aber schon hart. //Screenshot des Autors

 

… aber der Rest ist großartig

Himmel, habe ich gerade eine Seite lang die Story zerfleischt? Da hatte sich anscheinend einiges an Frust aufgebaut. Dabei will ich gar nicht den Eindruck vermitteln, dass Shadow of Mordor ein schlechtes Spiel ist – ganz im Gegenteil. Sieht man nämlich von der Story ab, entpuppt sich das gesamte Ding wirklich als die versprochene Mischung aus Assassin’s Creed und den Batman-Spielen, wobei die Mechaniken wunderbar zusammenspielen: Anschleichen, klettern, Orks leise erlegen, Gruppenfights mit perfekt getimeten Abläufen – ja, so macht das Spaß und geht wunderbar flüssig von der Hand, wenn man sich einmal an die mehrfache Tastenbelegung gewohnt hat. Unnötig zu sagen, dass die gesamte Grafik (vor allem in späteren Abschnitten des Spiels) auch richtig fesch ist und das Gegnerdesign trotz oder gerade wegen der zufälligen Gestaltung schön viel Abwechslung bietet.

Das größte Leckerli ist und bleibt jedoch das Nemesis-System, Punkt. Kurz zusammengefasst gibt es in den wüsten Weiten von Mordor normale Orks und solche, die sich durch Kämpfe und andere Heldentaten einen Namen gemacht haben. Diese Kollegen haben besondere Stärken, Schwächen und Merkmale, die sie von den normalen Pöbel-Orks unterscheiden, und obendrein sind sie auch noch schwerer zu töten. Steigen sie dann auch noch durch weitere Aktionen (die auch völlig unabhängig vom Spielerverhalten stattfinden) im Level auf, so werden diese Häuptlinge immer stärker und verändern auch ihre besonderen Fähigkeiten.

Die Armeen Saurons sind hässlich-schön und außerdem mit das beste Spielelement 2014.

Die Armeen Saurons sind hässlich-schön und außerdem mit das beste Spielelement 2014. //Screenshot des Autors

Und an dieser Stelle kommt ihr ins Spiel, denn man kann auch direkten Einfluss auf diese Hierarchie nehmen. Einerseits im offensichtlichen Weg: Ein Kriegshäuptling wird für den eigenen Geschmack zu stark, also macht man ihn ausfindig und bei der Gelegenheit gleich um einen Kopf kürzer. Doch die wirklich Unterhaltung kommt erst später im Spiel, wenn man sich Orks auch untertänig machen kann: Die so markierten Gegner kämpfen fortan auf ein Signal für den Spieler, sind aber zuvor für die Orks nicht als Feinde zu erkennen. Denkt man nun weiter daran, dass die obersten Häuptlinge ständig Bodyguards mit sich herumschleppen, die man aber zuvor schon im Einzelkampf fordern kann, stellen sich auf einmal wunderbare Möglichkeiten für Verrat und Täuschung heraus.

Das Ende vom Lied

Es ist eine Krux, wenn man als Fan einen kleinen Stich ins Herz bekommt. Und es ist ja wirklich nur ein kleiner, denn sieht man davon ab, dass Talion einfach nicht die Brücke in meine Emotionen hinbekommen hat, hatte ich wirklich unfassbar viel Spaß mit Middle-Earth: Shadow of Mordor. Eine riesige, offene Welt, die bunte Gegnervielfalt, ein anspruchsvolles Kampfsystem und darüber das Ultra-Gewürz “Nemesis” zum abrunden. Merkt euch meine Worte: In Zukunft wird jedes Spiel mit Gegnern an diesem Tool gemessen werden. Die Next Gen kommt endlich nicht mit neuer Grafik, sondern neuen interessanten Funktionen ins Haus – und ich freue mich drauf.

Written by: Alexander Schuh

Kaffeemaschinenbelagerer Und auf einmal bin ich wieder mittendrin. Eingestiegen in diese Branche ungefähr zwei Jahre vor dem Ende des großen C, hatte ich schnell einen Narren an den Irrungen, Wirrungen und Spaßungen gefressen, die das Erstellen von interessantem Content für Leser so bieten. Umso bitterer, als die Zeit dort endete und mich zurück ins Studium trieb. Nach dem ging´s dann den “klassischen” Weg mit seriösem Job entlang – was aber auf die Dauer auch nicht reicht, wenn man einen ganzen Affenzirkus im Kopf hat, den man gerne auch mal entlüften würde. Deswegen gibt´s diese Seite mit dieser Nase und denen links und rechts von hier. Feedback gerne unter schuh@continue-magazin.at oder über Twitter.