Mechanische Glücksgefühle – Teil 2

Die erste „Mecha“ ging zurück, die Suche wurde fortgesetzt und ich wurde schnell fündig: Ohne Beleuchtung, im 60%-Format ein Tick kleiner und zwecks späterem Keycap-Wechsel im ANSI-Layout! Warum ich von der einstigen TKL abwich und ob man nach 20 Jahren ohne Umlaute klarkommt, erfahrt ihr hier.

Adiós Rapid-i. Du kamst meiner perfekten Tastatur sehr nahe und ein ebenbürtiges Modell im TKL-Format mit ISO-Layout und Cherry MX-Reds fand ich einfach nicht. Wer einmal von dieser Fingerfreude gekostet hat, kommt nicht mehr davon los. Und so zog es mich zu einer erneuten Recherche in den Tiefen der Nerdkultur.

Ich sah wie junge Männer sich alle Parts einer mechanischen Tastatur zusammen kauften, schraubten und glücklich waren. Angefangen bei individuellen Gehäusen, hinüber zur Platine und ihren Dioden, einzelnen Switches und Stabilisatoren, bis hin zu den Keycaps und USB-Kabeln — einen solchen Hardwareleckerbissen könnt ihr hier betrachten. Dieser Individualisierungsgrad ist genial, doch überschritt er bei weitem mein zeitliches ebenso wie das monetäre Budget, das ich für eine neue Mecha eingeplant hatte.

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Meine O-Ringe (2mm dick, 70 Shore) sind auch wieder mit von der Partie.

Wider den Gewohnheiten

Auf das spätere Tasten-Nachrüsten wollte ich allerdings nicht mehr verzichten. Das Problem hierbei liegt an unserer Sprache und dem danach angepassten ISO-Layout mit Umlauten und der markanten Enter-Taste. Viele Sets gibt es einfach nur für das amerikanische ANSI-Layout und diese Option wollte ich mir durch die Gewohnheit nicht verbauen. Fortan kehrte ich dem deutschen Layout den Rücken zu und suchte nur noch nach QWERTY-Brettern.

Keyed Up Labs ES-87. So hieß mein Traum für einige Stunden. Alles passte hier, es war wie eine Rapid-i im ANSI-Layout ohne Beleuchtung, aber mit 170 Euro deutlich teurer. Der Kauf war eigentlich schon abgeschlossen, da blickte ich erneut auf das von mir früher verschmähte 60%-Format, welches auf Pfeil- und F-Tasten verzichtet sowie die von mir häufig genutzten Pos1- und Ende-Tasten misst.

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Isn’t it pretty? Vortex Pok3r macht immer einen guten Eindruck.

Ass im Ärmel

Mein Blick hierbei fiel auf die Poker-Reihe von Vortex, dessen drittes Modell, die Pok3r, vor einigen Monaten veröffentlicht wurde und mein Herz im Sturm eroberte. Cherry MX-Reds möglich, in zwei Farbvarianten, mit oder ohne Beleuchtung in einem schlichten und schicken Aluminium-Gehäuse mit abnehmbarem USB-Kabel. Aber eben nur mit 61 Tasten. Und das könnte nicht nur beim Schreiben sondern auch schon bei einigen Spielen zu viel Zeit kosten und Nerven rauben, wenn man anstatt einer Taste zwei drücken und obendrein die linke Hand vom sicheren WASD-Griff lösen muss.

Ich ging mein Spielerepertoire durch und stempelte die Pok3r als spieletauglich ab. Ganz anders verhält es sich beim Schreiben: Obwohl ich am Desktop-PC kaum Artikel tippe, wird dennoch häufig (ingame-)gechattet, mal eine Mail versandt oder ein Forenbeitrag verfasst. Zur Formatierung eines Textes, beim Umschreiben oder Verschieben von Passagen nutze ich häufig Shift+Pos1/Ende und beispielsweise die Pfeil-Tasten samt Shift zum Markieren von einzelnen Wörtern. Hierbei stößt die Pok3r aufgrund des Formats an ihre natürlichen Grenzen, vor dem Kauf schielte ich daher immer wieder auf das Layout und versuchte in Trockenübungen, wie ich mit der zusätzlich gedrückten FN-Taste diese Kombinationen umsetzen konnte.

Die Verfügbarkeit meines Wunschmodells und der kostenlose Versand per Amazon festigte meine Kaufentscheidung, die Wartezeit auf die Tastatur begann.

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Von TKL mit Beleuchtung zum 60%-Format ohne LEDs.

Yeit yum Umdenken

Um die erste Hürde zu bewältigen, wechselte ich die Eingabesprache zu US/International auf all meinen Geräten, angefangen beim Desktop-PC daheim und auf der Arbeit, bis hin zum Smartphone und Tablet. Das Schema hat u.a. den Vorteil mit nur einer zusätzlichen Taste Umlaute zu erstellen. Die übrigen, für mich teilweise neuen Tastenbelegungen erlernte ich beim täglichen Gebrauch. Der zunächst gehemmte Schreibfluss strömte nach kurzer Eingewöhnungsphase wieder und auf fremden Rechnern machte ich bereits Fehler, die dem deutschen Layout geschuldet waren. Kurzum: Ein Wechsel vom ISO- zum ANSI-Layout geht schnell, man muss es nur wollen!

Die Formatierung war und ist immer noch ein Problem: Auch noch nach über zwei Wochen muss ich den Blick vom Bildschirm abwenden und auf die Pok3r werfen, um Pos1, Ende und Pfeil-Tasten zu finden, das ist allerdings meinem Anwendungsszenario geschuldet. Dennoch würde ich das Format nicht uneingeschränkt empfehlen. Jeder bedient eine Tastatur anders und will damit unterschiedliche Zwecke bewerkstelligen. Selbst einem Spieler könnte das fehlen der F-Tasten sauer aufstoßen, wenn überwiegend MMOs gespielt werden, wo fast jede Taste belegt ist.

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Keine Umlaute, keine markante Enter-Taste. Das ANSI-Layout schreckt zunächst ab.

Die perfekte Tastatur?

Die Pok3r kommt meiner Definition einer perfekten Tastatur erstaunlich nahe. Die Maße sparen Platz auf dem Schreibtisch und lassen meine Arme näher aneinander rücken, was ergonomisch betrachtet gesunder sein soll und ich in meinem täglichen Spielstil versuche zu integrieren. Das Alumunium-Gehäuse ist aus einem Guss, extrem stabil, anmutend schwer und rutscht dank vier Gummipads nicht vom Fleck — Vortex weiß, wie man Nutzern ein haptisches Vergnügen bereitet!

Auf der Unterseite findet sich ein DIP-Switch um auf verschiedene Layouts (QWERTY / DVORAK / COLEMAK) zu wechseln, ebenso können per Tastenkombo verschiedene Layer aktiviert werden. Alles Features, die sich in erster Linie an Programmierer und weniger an Zocker widmen.

Die Cherry-Switches sind wie auf der Rapid-i gewohnt knackig, die PBT-Tastenkappen fühlen sich wertig, wenn auch für meinen Geschmack ein wenig dünn an. Die gewählte Font rundet das schlichte Gesamtbild ab. Per abnehmbaren und nicht(!) angewinkelten Mini-USB-Kabel stellt die Tastatur eine Verbindung zum PC her, Software entfällt komplett.

Im Praxistest mit CS:GO und The Witcher 3 fiel mir die vermeindliche Tastenarmut nicht auf, ganz im Gegenteil: Durch das kompakte Layout bleibt meine linke Hand nah bei ihrer Ausgangsposition, erreicht aber mehr Tasten als je zuvor. Beispielsweise kann ich die Escape-Taste so leicht wie noch nie mit dem Mittelfinger erreichen. Auch Chats, Mails und Artikel gingen mir nach eine Weile perfekt von der Hand, Umlaute werden je nach Situation einfach uebersprungen oder per Tastenkombi ähnlich schnell getippt. Das 60%-Format lässt weder zum Spielen noch zum Schreiben kaum Wünsche übrig. Auf der Arbeit, wo ich häufig mit dem CMS der Firma kämpfe, sieht das anders aus. Hier würde ich in jedem Fall eine „ausgewachsene“ Tastatur bevorzugen.

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In der Praxis erprobt: CS:GO und Pok3r harmonieren.

Lawine ins Rollen gebracht

Ohne jeglichen Vorwand habe ich mir die Vortex Pok3r allerdings nicht ausgewählt: Gehäuse, Tastenkappen und USB-Kabel (und sofern ich will auch die Switches) können einfach getauscht werden, falls man sie optisch verändern, technisch anders ausstatten oder etwas reparieren will. Daher werde ich auch in der nächsten Zeit in diversen Foren und Keyshops umherstreifen und auf Massdrop nach Group-buys Ausschau halten.

Keycaps gibt es in unterschiedlichen Profilen, Materialen und Farben mit oder ohne Beschriftung, oben oder seitlich aufgedruckt; die Variationen und Farbgestaltung eines gesleevten USB-Kabels ist auch schon fast eine Wissenschaft für sich.

Das Projekt rund um die Mecha wird mich daher noch eine Weile beschäftigen und sobald ich die nächste Stufe im Geektum erklommen habe, lasse ich es euch wissen!

Der kleine Spross spart Platz auf dem Schreibtisch.

Der kleine Spross spart Platz auf dem Schreibtisch.

Written by: Christoph Liedtke

Luftpolsterzerdrücker Vor über 20 Jahren entstand die Liebe zu Videospielen – SNES sei Dank. Es dauerte einige Zeit, bis ich auch der Hardware verfallen war. Nach Jahren der nerdigen Bildung mit diversen Spiele- und Technikmagazinen, entschloss ich mich 2012 erstmals über meine Passion zu schreiben. Es folgte ein Blog, ein Volontariat bei consol.AT sowie Gamers.at und derzeit schreibe ich als freier Redakteur für E-MEDIA. Um die Zeit neben Artikeln, Studium, Freundin und Hündin noch weiter zu dezimieren, entstand parallel unser Projekt namens CONTINUE, denn Videospiele und Technik dürfen niemals zu kurz kommen! Fragen, Anregungen, Feedback oder harsche Kritik bitte an: liedtke@continue-magazin.at Danke für’s Lesen und auf bald.