Lass dich nicht von Social Media kaputt machen

Vor allem im Hochsommer, wenn es viele weg vom Internet und raus ins Freie zieht, ist es für die online Zurückgebliebenen besonders bemerkbar: Das Abnehmen von Likes, Comments und Shares, an Aktivität in sozialen Netzwerken. Den Selbstreflektierenden unter uns wird auch relativ schnell bewusst, wie ärgerlich sich das Fehlen dieser Instant Gratification anfühlen kann. Denn Facebook und Co. haben uns dank Gamification schon längst zu sozialen High-Score-Jägern gemacht.

Leute, die Status-Updates löschen und Stunden später wieder online stellen, aus der Hoffnung eine größere Zielgruppe zu erreichen. Real Life Friends, die es mir übel nehmen, ein hochgeladenes Foto zwar in echt zu mögen, aber eben nicht auf den Like-Button gedrückt zu haben. Alles schon erlebt. Social-Media ist ein Spiel, eine Challenge mit sich selbst und seiner Umwelt – im Unterschied zu Videospielen werden uns die Regeln aber nie wirklich kommuniziert, oder im Fall von Facebook alle paar Monate komplett verändert. Möglich gemacht wurde das alles durch Gamification, das Anwenden von aus Spielen bekannten Mechanismen auf reale Situationen und Herausforderungen. Und das ist dabei ja eigentlich eine sehr nützliche Sache: Schüler können besser zum Hausübungmachen gebracht werden, indem ein RPG-mäßiges Level-Up-System in den Schulalltag eingebaut wird. Im Callcenter früher stiegen wir als Belohnung für besonders effizientes Arbeiten in die nächste Stufe auf – was bedeutete, dass wir nicht mehr jeden Call beantworten mussten und damit längere Verschnaufpausen zwischen dem Stress hatten. Und in Wien will ein Lehrer World of Warcraft als Vorbild für den Unterricht nutzen. Gibt’s eine Belohnung, ein kleines Ziel auf das man sich am Ende der Arbeit freuen kann, erledigt sich das Ganze um einiges leichter. Komplett gamifiziert sind mittlerweile auch sämtliche soziale Netzwerke – und haben uns damit zu Popularitäts-Kontrahenten degradiert.

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GLÜCK DURCH ZAHLEN

Wir sind dazu konditioniert Social Networks als Wettbewerbsfelder zu sehen – und direkt mit unseren “Freunden” in Herausforderung zu treten. Von Menschen zu Unternehmen zu werden. Möglich gemacht wird das durch ein ganz einfaches System: Der vordergründigen Kommunikation von Zahlen als tragende Säulen des eigenen Profils – und damit dem meßbar Machen der individuellen Popularität. Freunde, Likes, Shares, Comments: Das alles wird von Social Media in simpler Zahlendarstellung zusammengefasst. Dadurch werden wir in ständigen Vergleich zu den Menschen in unserem Umfeld gestellt. Der eine Blog hat 1.000 Likes? Die Andere 30 Shares ihres letzten Posts? Weil Zahlen absolut sind und höher automatisch besser ist, fällt es uns leicht in die soziale Falle zu treten und eine hohe Anzahl von Comments, Likes oder Retweets als Zeichen für Popularität und vor allem Qualität zu sehen. Es ist das Beyoncé- oder Call of Duty-Prinzip: Künstler XY oder Spiel YZ hat so und so viele Kopien verkauft, so und so viele Konzerte ausverkauft, so und so viele Follower auf Instragram. Das muss doch auch automatisch bedeuten, dass der Artist oder das Game damit qualitativ hochwertiger ist? Natürlich falsch, oder ist Transformers: Age of Extinction objektiv betrachtet ein besserer Film als Gone Girl? Und auch wenn die meisten von uns niemals bewusst auf diesen Irrglauben hereinfallen würden, unterbewusst sind wir mittlerweile deutlich konditioniert, Zahlen als Meßfaktoren für Qualität zu sehen.

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CLICK LIKE IF YOU LIKE THIS

Was uns in Videospielen Motivation gibt – das Erreichen immer höherer High-Scores und größerer Achievements – macht uns in sozialen Netzwerken beklemmt und depressiv. Lässt uns “Freunde” auf Facebook sammeln, die wir eigentlich gar nicht kennen (wollen). Seiten auf Twitter folgen, weil wir hoffen, dass die uns dann auch folgen werden. Click-Bait-Kommentare schreiben, als wären wir die Huffington Post, in der Hoffnung, damit Likes und Comments zu sammeln. Und damit den nächsten High-Score zu knacken.

Was also tun, um sich von Zeit zu Zeit wieder mal diesem Stress zu entziehen? Wie Kollege Schuh mal ein bisschen die echte Welt neu entdecken? Das Internet abmelden? Das Smartphone ins Meer schmeißen? Alles valide Möglichkeiten. Oder manchmal kann man auch einfach einen Schritt zurücktreten und tief Luft holen. Realisieren, dass der ganze soziale Netzwerk-Unsinn letzten Endes auch nur ein Spiel ist. Bei dem es im Endeffekt auch keine echten Gewinner gibt. Außer Cristiano Ronaldo, weil der ist Erster.

Written by: Christoph Sepin

Space Cowboy Bei consol.AT habe ich früher immer versteckte Botschaften in meine Artikel eingebaut, aber das weiß außer mir niemand. Und seit es das nicht mehr gibt, braucht man ja irgendwas anderes zu tun. Für CONTINUE möchte ich mir die kleinen Dinge der Spielewelt ansehen, die manch einer vielleicht übersieht. Die Indies und Kickstarter-Kampagnen. Und ab und zu vielleicht eine positive Geschichte aus der Gamingumgebung. Weil geraunzt wird sowieso schon genug.

  • Michael Ferstl

    Einfach ned draufschauen, ich komme oft 2 – 3 Tage nicht dazu Facebook zu lesen und überlebs auch

    • Bernhard R.

      Oder gar net erst angemeldet sein (überlebt man auch gut) 😉