Kugeln, Kybernetik, Katastrophen

Lange habe ich mir Zeit gelassen für mein Abschlussurteil zu Call of Duty: Black Ops III. Und ich bin mir noch immer nicht sicher, ob ich mir mit mir selber einig bin.

Videospiele sind manchmal wie eine kleine Beziehung im Zeitraffer. Das kann sowohl einzelne Spiele als auch ganze Serien betreffen, aber die Stadien, die man dabei durchläuft, ähneln sich doch sehr. Es beginnt mit einer vorsichtigen Annäherung, einem Quasi-Beschnuppern – taugst du für mich, interessierst du mich? Nach der ersten Kennenlernphase steht der aufregende Beginn, in dem nichts festgeschrieben ist, es ständig Neues zu entdecken gibt und prinzipiell alles super interessant und unglaublich aufregend ist. Doch auch diese Zeit ebbt ab, und an ihre Stelle können nur zwei unterschiedliche Optionen treten: Option A ist die Einfahrt in ruhigere Fahrgewässer. Man hat sich aneinander gewöhnt, weiß, was man voneinander erwarten kann und wächst ineinander, umeinander und miteinander. Option B ist die unangenehmere Variante: In ihr wird man ebenso mit ruhigeren Gezeiten konfrontiert, sieht sich um – und merkt, dass das Spannende an der Reise nur die Wellen waren und nicht die Begleitung im Boot. Sobald diese Erkenntnis im emotionalen Zentrum angelangt ist, wird man früher oder später eine Träne ob der verbrachten Zeit und der Erinnerungen vergießen – dennoch wird man seinen Rucksack und das Paddel schnappen und das Boot verlassen.

Ich fürchte, ich bin mit Call of Duty in der zweiteren Variante des Scheideweges gelandet.

Objektiv eh gut….

Dabei hatte ich von Black Ops III einen durchwegs guten Eindruck: Als eifriger Beta-Spieler hatte ich mich innerhalb von ein paar Tagen viel zu viele Levels hochgeschossen, hatte die zwei damals verfügbaren Maps intus und die neuen Bewegungsmöglichkeiten für gewöhnungsbedürftig, aber sinnvoll befunden. Als dann Anfang November der Release um die Ecke kam, wurde natürlich am Day 1 digital zugeschlagen – hey, Treyarch, und die Beta hat dir doch auch gefallen. Junge, was sind schon 60 € dafür?

John Taylor verwischt die Grenzen zwischen Gut und Böse - grandios dargestellt von Christopher Meloni. //Bildrechte bei Activision

John Taylor verwischt die Grenzen zwischen Gut und Böse – grandios dargestellt von Christopher Meloni. //Bildrechte bei Activision

 

Geht man nach den Launch-Problemen, die dieses Jahr erneut die PC-Version von CoD geplagt haben, müsste man die obige Frage mit „zu viel“ beantworten. Der diesjährige Flaschenhals war ein Optimierungsproblem mit Prozessoren aus Intels i5-Familie – ist ja nur eine der beliebtesten und am weitesten verbreiteten Architekturen, hey, shit happens. Durch dieses Problem lief das Spiel in butterweichen 3 fps – oder kam nicht mal über die Logo-Animation beim Start des Spiels hinaus. Der Day 1-Hotfix von Treyarch war eine Steam-Nachricht an alle Käufer, dass man doch bitte selber die *.ini des Spiels umschreiben sollte, sodass nur zwei von vier Prozessorkernen verwendet werden. Danke, Leute – so stelle ich mir Patches im Digitalzeitalter vor – not. Zugute halten muss man ihnen wohl, dass diese Brechstangen-Methode tadellos funktioniert hat und zusätzlich in den darauf folgenden Tagen Bugfixes nachgeschoben wurden.

Wie schon in vergangenen Jahren nahm ich mir als Einstieg ins Spiel den Singleplayer-Modus zur Brust. Immerhin gab es doch einige Neuerungen zu erlernen, und die Stories von Treyarch hatten mich (abgesehen vom gottgleichen CoD4: Modern Warfare, das in einer ganz eigenen Liga spielt) in dieser Serie immer am meisten begeistert. Und ja, auch diesmal gelingt es den Füchsen aus Santa Monica wieder, mich in den Bann zu ziehen. Ist die Story rund um Kybernetik, Mensch-Sein und -Nichtsein sowie selbstverständlich soldatische Ehre und Kameradschaft zwar zu Beginn noch ein wenig hölzern geraten, zieht sie zum Schluss noch ordentlich an. Tatsächlich wurde im letzten Moment der Kampagne ein Twist eingebaut, der den Spieler im Idealfall noch einmal den gesamten Inhalt des zuvor Gespielten hinterfragen lässt – „Matrix“-Style und definitiv etwas, das ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr erwartet hätte. Pluspunkte dafür.

Ebenso nicht erwartet und umso willkommener war es, dass ich erstmals frei entscheiden konnte, ob ich das Schlachtfeld als Frau oder Mann betreten wollte. Was im ersten Moment nach einer kleinen Geste klingt, ist bei der traditionell Machismo-triefenden Serie ein großer Schritt nach vorne. Die Doppelüberraschung wurde im Verlauf der Kampagne perfektioniert, als eine Love-interest-Nebenstory nicht für meine kämpfende Lady umgeschrieben wurde und sich so eine lesbische Beziehung entwickelte. Ohne die beinahe schon übliche Darstellung von Kussszenen und Liebesakten in Großaufnahme – einfach nur zwei Menschen, die sich unter widrigen Bedingungen kennen und lieben lernen und dementsprechend handeln. Danke, Treyarch – dieses kleine Detail wird mir definitiv im Kopf hängen bleiben.

… aber wer ist schon objektiv?

Nachdem der Singleplayer aus dem Weg geräumt war – wie immer in überschaubaren sechs bis sieben Stunden – war es an der Zeit, mich ich den Wilden Westen des Online-Spiels zu begeben. Erster Dämpfer der Begeisterung: Mein geliebter Hardcore-Modus war zum Launch auf genau drei Spielmodi begrenzt; keiner davon war Domination oder Kill Confirmed (eine Spielart, in der Frags durch das einsammeln eines Dog Tags bestätigt werden müssen, um zu zählen). So begab ich mich eher unfreiwillig in ein paar Runden Team Deathmatch und ja, ich gestehe, sogar ein paar Runden Domination im „Normalo“-Modus. War nicht ganz so geil, aber was tut man nicht alles für XP, Levels und freigeschaltete Waffen? Eben.

Bang, boom, bang. So klingt eine durchschnittliche Runde CoD. //Bildrechte bei Activision

Bang, boom, bang. So klingt eine durchschnittliche Runde CoD. //Bildrechte bei Activision

Und ja, es kam schon auch wieder das Gefühl auf, das mich bei all den vorangegangenen Teilen ergriffen hat. Die Anspannung, wenn man das erste „gl hf“ in den Chat tippt (und dann an guten Tagen „thx u2“ und an schlechten Tagen „gl hf deine muddaaaa!“ zurückbekommt). Die Rage, wenn der Gegner eine Mikrosekunde schneller am Abzug war. Das unvergleichliche Flow-Empfinden, das beinahe schon als Zen-artiger Zustand beschrieben werden kann, wenn man eine Runde mit einer K/D-Ration von 21:4 beendet und nebenbei noch ein paarmal Domination-Punkte gehalten hat.

Zum guten Killen braucht man natürlich entsprechendes Werkzeug, und auch hier leistet Treyarch gewohnt gute Arbeit – interessante Mordgeräte, gut balanciert, schöne Sounds, motivierende Freischaltmuster. Jedes Level, das man durch XP gewinnt, bringt irgendetwas Neues, mit dem ich mir einen noch so kleinen Vorteil gegenüber dem Gegner erarbeiten kann. So einfach dieser Effekt ist, so sehr motiviert er mich auch, weiterzuspielen. Alter, nächstes Level gibt’s ne Assault Rifle, die muss ja der Hammer sein!

Das alles vermengt sich mit den bald gut von der Hand gehenden neuen Movesets – ein Doppelsprung, ein Wallrun und ein Am-Boden-Dahinschlittern erinnern alle ein bisschen an Titanfall, aber sie ergänzen das Repertoire um interessante Möglichkeiten. Die neuen Maps bieten manchmal mehr, manchmal weniger Möglichkeiten, um den neuen Moves Rechnung zu tragen, aber schön anzusehen und fair designed sind sie wieder mal durchgehend. Dennoch hatte ich oft das Gefühl, immer auf denselben drei Maps zu spielen; das mag auch an der Community liegen, die ihre Lieblinge schnell und dauerhaft aussucht, aber forcierte Mapwechsel wären manchmal schon ein Segen.

Doch ich habe euch mangelnde Objektivität versprochen, und mangelnde Objektivität sollt ihr bekommen. Denn trotz all dieser, nun, objektiv gar nicht schlecht klingenden Merkmale ist Call of Duty: Black Ops III vor allem im Multiplayer einfach nicht mehr spannend. Trotz augenscheinlich großer Änderungen wie den Bewegungsmöglichkeiten schreit mir mein Gehirn alle paar Sekunden lang „been there, done that“ ins Ohr. Nach nicht mal dreißig Stunden im PvP ist deshalb für mich momentan einfach Schluss – ich kann mich nicht dazu aufraffen, das Spiel erneut zu starten. Für jemanden, der ungefähr die fünffache Zeit in Black Ops II und insgesamt wohl an 500 Stunden in Modern Warfare versenkt hat, ist das beinahe schon lächerlich.

Tatsache ist: Call of Duty Black Ops III ist faktisch ein gutes Unterhaltungsprodukt, das wenig falsch und sehr viel richtig macht. Wer Shooter mag und der Serie noch nicht über zehn Jahre folgt, der kann hier bedenkenlos zugreifen und wahrscheinlich viele Stunden gut unterhalten werden. Für mich persönlich fürchte ich, dass Option B eingetreten ist.

Zeit, eine Träne zu vergießen, meine Paddel zu nehmen und zu gehen.


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Written by: Alexander Schuh

Kaffeemaschinenbelagerer Und auf einmal bin ich wieder mittendrin. Eingestiegen in diese Branche ungefähr zwei Jahre vor dem Ende des großen C, hatte ich schnell einen Narren an den Irrungen, Wirrungen und Spaßungen gefressen, die das Erstellen von interessantem Content für Leser so bieten. Umso bitterer, als die Zeit dort endete und mich zurück ins Studium trieb. Nach dem ging´s dann den “klassischen” Weg mit seriösem Job entlang – was aber auf die Dauer auch nicht reicht, wenn man einen ganzen Affenzirkus im Kopf hat, den man gerne auch mal entlüften würde. Deswegen gibt´s diese Seite mit dieser Nase und denen links und rechts von hier. Feedback gerne unter schuh@continue-magazin.at oder über Twitter.

  • Michael Ferstl

    Ja der Singleplayer hat mir sehr gut gefallen und Multplayer naja

    • derNeue

      Das ist ja das Komische: Mir hat beides gut gefallen – aber der Multiplayer fesselt mich trotzdem nicht mehr so wie früher. Grade wieder einer Runde Modern Warfare 1 gespielt, nur um zu testen, ob’s an mir liegt. Nein, das kickt mich immer noch wie blöd. Das macht Laune. Aber BO3? Nach genau 20 Stunden die Luft raus. Schade.