Könnten wir aufhören, über Spielzeit zu diskutieren?

Ich kenne es, ihr kennt es, mittlerweile kennen es wahrscheinlich sogar unsere Eltern, weil es immer wieder durch die Social-Media-Kanäle rauscht: Das elendige Argument der Spielzeit.

Sei sie jetzt zu kurz oder zu lang (ja, auch damit wird gerne mal argumentiert), sie ist immer ein fixer Bestandteil jeder „Wertungsdiskussion“ – gerade wieder im Anlassfall von The Order: 1886 sehr intensiv. Davon abgesehen, dass ich jetzt nicht das Fass mit der Wertung aufmachen will – das hat schon mein Kollegen-Alex hier gemacht -, muss ich es an dieser Stelle einmal loswerden: Es ist wirklich fast völlig egal, wie lange ein Spiel dauert.

Falsch verstandenes Kriterium

Das soll jetzt nicht heißen, dass es unwichtig ist, was ein Spiel mit seinem Timing macht. Timing ist nämlich, wie in allen Dingen (man denke an den feinen Unterschied zwischen zungenverbrennendem und arktisch kaltem Kaffee, der nur ein Zeitfaktor ist), das Um und Auf eines Spieles. Gleichzeitig ist es aber auch der Bereich, in dem Entwickler mit am meisten falsch machen können: Ein kurzes Spiel, das durch sein Pacing den Spieler auf eine Achterbahnfahrt durch sein emotionales Spektrum schickt, wird in der eigenen Wahrnehmung um vieles länger dauern als ein ewig langes Game, bei dem man ständig der Frage gegenüber steht, ob das Wort „Qualitätskontrolle“ auch irgendwo im Wörterbuch des Studios zu finden ist.
Ihr merkt schon, worauf ich hinaus will: Die persönliche Wahrnehmung eines Spiels ist nur selten ausschließlich davon abhängig, wie viele Stunden man in-game verbracht hat. Wie ein Bühnenmagier eine schier unglaubliche Anzahl an rammligen Karnickeln aus einem faktisch zu kleinen Hut zaubern kann, kann auch ein geschickter Spieldesigner aus einem faktisch kurzem Werk viel machen.

Aber die Objektivität!

„Okay“, brüllen jetzt sicher einige, „aber was ist mit der Objektivitääääht? Ich will meine Spiele bis auf Bit und Byte vermessen sehen, einer Obduktion gleich, um sie in die innerste Faser zu zerlegen!“ Für diese Leute habe ich eine Antwort in Form eines Bildes vorbereitet:

Bedrucktes Papier in der Reihung nach "Gutigkeit durch Länge". //Foto des Autors

Bedrucktes Papier in der Reihung nach „Gutigkeit durch Länge“. //Foto des Autors

Umgemünzt auf Bücher würde die Argumentationslinie nämlich bedeuten, dass ich faktisch weniger Spaß und Genuss an Antoine de Saint-Exupery haben muss als an „A Song of Ice and Fire“, weil das ist ja kürzer und das andere länger und damit ist alles bewiesen (demnach müssten übrigens auch die „Hobbit“-Trilogie und die „Twilight“-Filme mit die besten Werke aus der Film-Sparte sein, und ich möchte den sehen, der das argumentativ durchbringt).

Äh, nein, leider nicht. Kunstprodukte und Kunstwerke sind nun mal nicht immer in einzelne Kategorien und Schubladen zu zerlegen, was nicht bedeutet, dass man das nicht tun kann. Aber man darf sich dann auch nicht wundern, wenn die Mona Lisa dann geringer zu bewerten ist als ein Werbeplakat von McDonalds – immerhin ist Zweiteres größer und ich brauche länger, um es zu betrachten.

Fassen wir also zusammen: Klar ist Zeit ein Faktor, der mit in die Kritik eines Spieles hineinfließen muss, kann und soll, aber bitte nicht als alleine darauf reduziertes Einzelkriterium. So wie ein Edelstein mehrere Facetten hat, so hat auch jedes Kunstprodukt – und ja, ich bin so frech und zähle hier Games mittlerweile dazu – ein Recht darauf, nicht auf einen einzelnen Missstand reduziert zu werden.

So, und jetzt entschuldigt mich bitte; ich muss meine Stoppuhr suchen, um rauszufinden, ob „The Matrix“ oder „Blade Runner“ der bessere Film ist.

Written by: Alexander Schuh

Kaffeemaschinenbelagerer Und auf einmal bin ich wieder mittendrin. Eingestiegen in diese Branche ungefähr zwei Jahre vor dem Ende des großen C, hatte ich schnell einen Narren an den Irrungen, Wirrungen und Spaßungen gefressen, die das Erstellen von interessantem Content für Leser so bieten. Umso bitterer, als die Zeit dort endete und mich zurück ins Studium trieb. Nach dem ging´s dann den “klassischen” Weg mit seriösem Job entlang – was aber auf die Dauer auch nicht reicht, wenn man einen ganzen Affenzirkus im Kopf hat, den man gerne auch mal entlüften würde. Deswegen gibt´s diese Seite mit dieser Nase und denen links und rechts von hier. Feedback gerne unter schuh@continue-magazin.at oder über Twitter.

  • Zäpp VänDäle

    Qualität und Zeit gleichzusetzen ist sicherlich falsch, aber ein Spiel für den Preis zu verkaufen und dann eben nur rund 6h Unterhaltung zu bieten ist schon gewagt. Für das Geld möchte man doch ein wenig länger unterhalten werden. Aber jeder darf ja selber entscheiden wie er ein Preis/Zeit Verhältnis bewerten will.

    • derNeue

      Keine Frage – man will unterhalten werden für sein Geld. Und wie gesagt – ich finde ja auch nicht automatisch ein kurzes Spiel genauso gut wie ein langes. Aber wenn diese sechs Stunden mich vom Hocker reißen wie nichts Anderes zuvor, dann soll mir das auch die 60 € wert sein. Hobbies sind teuer, das ist leider eine Wahrheit. Und in Zeiten, in denen wir für einen Film mit Überlänge und 3D auch schon mal 14 €ulen auf den Tisch knallt, sehe ich solche Dinge noch relativierter.

      • Zäpp VänDäle

        Ich muss zugeben, ich kenne vom Spiel bisher auch nur Videomaterial und Reviews (aus Mangel an PS4 wird sich das wohl auch so schnell nicht ändern). Die Dinge die man vor Release kannte fand ich aber auch sehr ansprechend!
        Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es das Spiel schafft mich in so kurzer Zeit für 60€ zu unterhalten! Von wirklicher Innovation habe ich nichts mitbekommen bei dem Spiel.
        Ich würde übrigens aber auch ungern 14€ für einen Film ausgeben! Zum Glück muss ich das aber auch nicht.

  • Michael Ferstl

    Da ich die meisten Spiele nur einmal Spiele sind halt 60€ für 6h schon sehr wenig Spielzeit, da müsste ich ja jede Woche ein neues Spiel kaufen und bei The Order, die erwähnten 5h, sind das reine Spielzeit (ohne die 40h Zwischensequenzen)?

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