Kinder, das kennt ihr nimmer: Games-Magazine aus Papier

Als Jugendlicher habe ich mehrere Games-Magazin im Monat gekauft. ASM, PowerPlay, Maniac, Video Games, MegaFun, PC Joker, PC Player, Gamepro und wie sie alle heißen bzw. in den meisten Fällen geheißen haben. Die Medienlandschaft hat sich leider verändert. Eine emotionale Retrospektive.

Bitte setzen Sie sich. Ich erschüttere Sie gleich.

Los geht’s: Stellen Sie sich vor, es gab mal eine Zeit, da gab es kein Internet. BAM! Der Griff zum Weinglas ist erlaubt. Großer Schluck. Geht’s wieder? Das ist noch gar nicht so lange her, zumindest in meinem verzerrten Zeitverständnis. „Fight Club“ ist bereits 1999 erschienen? Ist doch noch gar nicht so lange … Moment!

Fokus auf das Wesentliche. Printmagazine (Games). Die gab es damals und nicht zu knapp. Ich hab mir im Schnitt 3 pro Monat gekauft. Zu meinen Atari ST Zeiten zum Beispiel eine ASM (Aktueller Software Markt), die ein 12er System hatte. 1 war schlecht, 12 war top. Kann man der 100%-Generation heute gar nicht erklären. Ehrlich gesagt konnte man es damals auch nicht. Es hat trotzdem gepasst. Jeder Artikel in diesen Magazinen war nämlich die einzige Informationsquelle, die man damals hatte. Wenn 1996 ein Heinrich Lenhardt von der E3 berichtete, dann war das im deutschsprachigen Raum vielleicht sogar einzigartig. Englisch konnten wir damals noch nicht. Wir haben sogar Serien auf Deutsch geschaut. Uncool, I know.

So hab ich etwa einen 4-Seiter zu Mortal Kombat 1 (SNES) ewige Male durchgeblättert, jeden Screen bis auf den letzten Pixel angestarrt und jede Zeile auswendig gelernt. Die Vorfreude war ein Traum, speziell weil sie nicht zwei Jahre anhalten musste, sondern in der Regel maximal ein halbes Jahr. Dann war das Game fertig und im Laden. Man konnte es kaufen. Spiele wie Comanche, Indiana Jones and the Fate of Atlantis oder auch Wing Commander. Hätte es zumindest kaufen können. Ich habe damals erst mit meiner ersten Konsole gelernt, dass es Originale mit Packungen gab. Österreich war in dieser Hinsicht Entwicklungsland bzw. entwickelten sich Schulhöfe zu pre-Internet offline Torrents. Eine verrückte Zeit.

Am liebsten habe ich zu den letzten Seiten der Videospielmagazine geblättert. Diese waren den Arcade-Spielen gewidmet. Die Spielfiguren waren doppelt so groß und Games wie etwa Street Fighter II oder auch Daytona USA sahen einfach so viel besser auf diesen Systemen aus. Ein Blick in die Zukunft sozusagen, den man nur im Prater oder in italienischen Spielhallen erleben durfte. Ein teures Vergnügen und ein Vorgängermodell zu unfair designten Free-2-Play-Games der heutigen Zeit. Aber auch andere Bereiche waren toll. Die Vorschau auf Games, die man zuvor nie gesehen hat, Gameboy-Screens, die man aufgrund des matschigen Grüngrau-Gemischs nicht richtig deuten konnte und sich trotzdem irgendwie darauf freute. Vor allem waren viele der Spiele völlig neu. Fortsetzungsserien wie sie heute üblich sind eher die Ausnahme. Portierungen meist schlecht und nur auf einem System wirklich spielbar. Es gab viel zu diskutieren. Auf dem Schulhof.

Das Magazin als Institution. Es gab keine Foren, wo 12 Jährige alles besser wussten oder Jungstudenten Abhandlungen über die Sinnhaftigkeit von Wertungen anfertigten. Leserpost wurde selektiert und in Wirklichkeit konnte kein Mensch prüfen, ob sich der Redakteur die Sachen nicht nur aus der Nase zog. Papier ist geduldig. Wir waren es auch und die Redakteure waren unsere Helden. Was heute LeFloid oder Gronkh sind, das waren damals Austinat und Schneider (noch nicht Johne). Ich selbst war großer Lenhardt Fan und bin ihm zu all seinen Magazinen, die er über die Jahre mitgegründet hat, gefolgt. Man hatte eine Verbindung, sowohl über den Schreibstil, als auch über die Wertungen. Der denkt wie ich und ist Sportfan. Toll. Als Redakteur habe ich ihn dann mehrmals auf Events getroffen, aber mich nie getraut ihn anzusprechen. Dann, einmal in einer kleinen Runde in San Francisco, als uns Eidos zur Präsentation eines neuen Tomb Raider (Angel of Darkness) einlud, stellte mich Roland Austinat eben jenem Heinrich Lenhardt vor. Ich hab ihn sogar zu einem gemeinsamen Foto überredet. Ohne Selfie-Stick. Es war uns beiden ein bisserl peinlich, aber das war mir egal. Ich folge ihm übrigens auf Twitter. Er mir nicht. Naja.

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San Francisco, 2005

Aber warum hat sich das über die Jahre erledigt mit den Magazinen? Warum gibt es consol.AT und viele andere Hefte nicht mehr? Nun ja, das mit der Exklusivität hat sich über die Jahre schnell aufgehört. Konnte man den Test zu Devil May Cry (mit exklusiven Screens) noch vorab in der Gamepro lesen oder aber Batman: Arkham Asylum in der consol.AT, merkten die Publisher schnell, dass sich die Machtverhältnisse veränderten. Hätte damals ein „Printler“ nie mit einem „Onliner“ geredet, waren zu Events plötzlich beide Lager eingeladen. Zweiklassengesellschaft, die schnell zu einer wurde. Die Onliner wurden sogar noch stärker und die Auflagen der Magazine gingen weiter zurück – und damit auch die Exklusivstories. Eine Endlosschleife in die falsche Richtung. Zumindest aus Print-Sicht. Heute liest man Printmagazine fast nur noch auf der Toilette und am Strand. Brandheiße Stories und Screens holt man sich im Netz. Da geht es schneller und im Idealfall muss man nicht mal lesen, weil ein Typ aus den Staaten das Spiel schon seit drei Wochen live streamt. Pubertäre Witze und das Mittendringefühl inklusive. Das Gegensteuern mit gut recherchierten Stories kam größtenteils zu langsam, auch aufgrund schrumpfender Redaktionen und mangelnder Zeit.

Games-Magazine waren eine Institution und oft sehne ich mich als 30+ Generation in diese Zeit zurück. Unser Herzschlag ging im Monatsrhythmus und nicht im Sekundentakt. Ja, Information ist eindeutig demokratischer geworden und die Anzahl an Quellen unerschöpflich. Ich kann sogar selbst Medien schaffen. Flache Hierarchien. Aber mir geht’s da wie jenen Menschen, die lieber Bücher lesen als am Kindle oder iPad. Magazine erzählen eine Geschichte, haben im Idealfall eine Dramaturgie und dienen als Wegweiser. Vielleicht sind das gerade Zutaten, die irgendwann wieder ein Comeback feiern, wie das in manchen Branchen, zugegebenermaßen weniger digital-affinen, funktioniert. Die Menge an Info-Kanälen wird immer größer und viele von uns haben nicht mehr die Zeit jeden Link anzuklicken, der in ihrer Timeline für etwa 5 Sekunden aufblitzt, bevor schon der nächste nachdrängt. Vielleicht wollen wir wieder mehr Selektion. Vielleicht aber auch nicht. Wir werden sehen.

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Und das nächste Mal reden wir über Disketten …

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Written by: Alexander Amon

Motivator Ich bin seit ca. 12 Jahren redaktionell mit Videospielen verbunden und war zuletzt Chefredakteur des Fachmagazins für Computer- und Videospiele consol.AT und ihren deutsch-schweizerischen Ableger consolPLUS. Aktuell bin ich PR Manager beim Spieleentwickler Sproing, gebe auf dieser Website allerdings nur meinen privaten Senf zur allgemeinen Situation ab. CONTINUE betreue ich redaktionell und emotional, diene in vielen Punkten als Ansprechpartner und Koordinator. Bei Fragen und/oder Anmerkungen schreiben Sie mir doch einfach an amon@continue-magazin.at. Besten Dank und bis bald.

  • Markus H.

    Schöner (Retro) Artikel! Ich habe auch zu meiner stärksten „Print-lese-Zeit“ 3, wenn nicht ab und an auch 4 Hefte im Monat gelesen. Internet hat relativ spät bei mir einzug gehalten, die Print Magazine habe ich schon zeitweise im Volksschulalter gelesen. Unvergesslich werden die Momente bleiben, wo ich einen Artikel öfters gelesen habe, oder fast jeden Tag, nur damit die Zeit schneller verging bis ich Spiel X selbst spielen konnte. Natürlich überbrückte ich mit den Magazinen auch so manche Zugfahrt oder langweilige Unterrichtsstunden 🙂 Leider habe ich dann mit der Zeit immer weniger Print Magazine gekauft, bis zum Schluss „nur“ mehr die consol übrig war, die aber mehr als völlig ausreichte. Leider hat es dann ja nicht mehr lange gehalten, mit der consol 🙁
    Seitdem kaufe ich Print Magazine nur mehr sehr selten, rein wohl auch um den „guten alten Zeiten“ zu fröhnen, wo man noch Seiten per Hand umblättern konnte.

  • Bernhard R.

    Bin zwar noch nicht so ein Fossil wie der Hr. Amon, aber auch ich
    vermisse die Zeiten in denen man voller Vorfreude dem nächsten Mag
    entgegenfieberte. Gerade zur Zeit der E3 wünscht man sich ein Heft,
    vollgestopft mit gut recherchierten Artikeln.