Internet killed the TV star? Farewell, GameOne & Reload!

Es schmerzt mich, diesen (höchst subjektiven) Artikel schreiben zu müssen. Und dennoch ist es mir wichtig, die Arbeit der Leute hinter der zwei der wichtigsten und interessanten Games-Formaten in der breiten Medienlandschaft Revue passieren zu lassen. Und außerdem vielleicht einen Ansatz zu geben, warum es so weit kommen konnte.

Am Anfang war das G

Manchmal kommt es mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, als ich in meinem Zimmer im ersten Stock meines Elternhauses den Fernseher meiner Schwester übernommen habe. Als Teenager-Schüler war klar, dass ich eine wichtige Regel zu befolgen hatte: Sofort alle Kanäle durchzappen und so viel Zeit wie möglich vor dem Ding zu verbringen. Und das beinhaltet natürlich auch, alle unbekannten Frequenzen einmal durchzuschauen. Neben irrsinnig vielen Telefonsex-Werbungen brachte das auch den Kontakt mit einem bis dahin unbekannten Gut: GIGA. Dort saßen doch tatsächlich junge Leute und machten das, wovon ich nur träumen konnte – zocken, darüber reden, Spaß haben und auch noch dafür bezahlt werden! Ich war angefixt und ab da ein treuer Seher.

Das war der Ursprung: Die GIGA-Crew bei ihrer Kernkompetenz. //Screenshot von GIGA Games, 26.11.07

Das war der Ursprung: Die GIGA-Crew bei ihrer Kernkompetenz. //Quelle: Screenshot von GIGA Games, 26.11.07

Jeden Tag wurde der Fernseher wieder angemacht. Statt zu lernen gab es “GIGA Games”, statt Schlaf gab es die “Late Knights”. Die Moderatoren wurden durch die starke Interaktion mit uns Zuschauern mehr zu Freunden denn zu Fernsehfiguren, und auf einmal gab es Menschen, die mein Interesse für Nerd-Kultur teilten. Am Land nicht gerade selbstverständlich. Um so trauriger war es dann, als meine Lieblinge Budi und Simon das Team 2006 verließen – sie wollten woanders etwas Neues aufziehen. Damals konnte ja noch niemand ahnen, dass dieses neue Projekt die deutschsprachige Gaming-Welt in den nächsten acht Jahren bestimmen sollte.

Großes Hauen aus kleiner Pappe

Das Ding, das Budi und Simon da an MTV gepitcht hatten, wurde unter dem Namen GameOne weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Der unkonventionelle Zugang zum Thema und der generelle Wahnsinn, den die Show versprühte, nahm viele Zuschauer von GIGA gleich mit und baute darauf auch noch auf. Als dann später auch noch weitere alte GIGA-Mitarbeiter zum Team stießen und das kleine, aber feine Team aufstockten, war die Sache besiegelt: GameOne war das neue große Ding in Sachen “Games im Fernsehen”. Wöchentlich wurde den Zuschauern auf MTV / VIVA die Kreativität im Umgang mit der Nerdkultur geradezu um die Ohren gefetzt, und auch online wurde Zug um Zug ausgebaut – was 2011 auch mit dem Grimme Online Award gewürdigt wurde. Verdient, denn mittlerweile tat sich dort weit mehr als im TV.

Die Verrückten, die 2006 das Thema Games in den Mainstream trugen: GameOne. //Quelle: www.gameone.de

Die Verrückten, die 2006 das Thema Games in den Mainstream trugen: GameOne. //Quelle: www.gameone.de

Das machte sich leider auch in der Senderpolitik bemerkbar, denn Viacom (Betrieber von MTV und VIVA) waren die Einschaltquoten nicht mehr hoch genug. Im Herbst 2014 kam die Umstellung auf einen zweiwöchentlichen Erscheinungsrhythmus, und kurz vor Weihnachten gab es die endgültige Hiobsbotschaft: GameOne ist tot.

Einziger Trost: Die Jungs haben bereits mehrere Jahre zuvor (unabhängig von der Marke “GameOne”, die Viacom gehört) ein Unternehmen namens RocketBEANS auf die Beine gestellt, mit dem sie erneut kreativen Content auf Youtube und bald Twitch liefern – doch diesmal ohne die reine Beschränkung auf Games. Nerdkultur ist wieder King, und das ganze im Eigenbau. Ganz nach ihrem selbstgewählten Motto “Hauen und Pappe” – alles wird selbst gemacht.

PS: Unter www.rocketbeans.tv kann und sollte man die Herrschaften auch unterstützen, damit sie weiter geilen Content in die Landschaft rausblasen können. Nur als Fingerzeig.

Einer geht selten allein

Doch nicht nur den Größten der Branche hat’s getroffen, auch ein kleinerer, aber nicht minder guter Kollege wurde mit Anfang des Jahres abgeschossen. Reload, eine Sendung, die seit 2012 auf EinsPlus und online lief, war dem Sender anscheinend nicht mehr rentabel genug und musste die Pforten schließen. Unter der Leitung von Uke Bosse, der zuvor bei GameOne Redaktionsleiter war, entstand ein weiteres Format, das sich am Fernsehen versuchte. Zu Beginn auch durchaus mit Erfolg – doch auf die Dauer haben auch hier die Einschaltquoten gelitten, und irgendwann sagte dann auch EinsPlus “Danke, wollen wa nich mehr.”

Nachtrag: Im Emotionsrausch hat sich hier ein kleiner Recherchefehler eingeschlichen – EinsPlus hat nicht Reload eingestellt, sondern der Sender wird als Ganzes eingestellt. Was die Sache nicht unbedingt besser, aber zumindest faktisch korrekter macht.

Sympathische Männer haben eine Nerf-Gun - und werden trotzdem eingestellt. //Quelle: programm.ard.de

Sympathische Männer haben eine Nerf-Gun – und werden trotzdem eingestellt. //Quelle: programm.ard.de

Ein weiteres Beispiel gefällig? Die “Pixelmacher” waren ebenso eine beliebte TV-Sendung, die sich kreativ und manchmal geradezu hirnrissig mit Spielen beschäftigte. Legendär wurde die Folge, in der Fabian Döhla (ja, der Döhla, der versehentlich in der ersten GIGA-Sendung das finale Design der ersten Xbox geoutet hatte) mitspielte und die wie eine Programmier-Show aus den späten 80er-Jahren aufgezogen war. Inklusive Video-Recorder- und Heimkamera-Look. Genialität, die leider auch auf die Dauer verkannt wurde – Ende 2013 wurde auch hier das letzte Mal die Klappe vor die Kamera gehalten.

Die "EDV-Show" von den Pixelmachern. Mit the one and only Döhla. // Quelle: www.valentinas-weblog.de/pixelmacher-das-finale/

Die „EDV-Show“ von den Pixelmachern. Mit the one and only Döhla. // Quelle: www.valentinas-weblog.de/pixelmacher-das-finale/

Games vs. TV – ein endloser Kampf?

Nach all den Beispielen, die gezeigt haben, dass nichts für die Ewigkeit läuft, muss man sich ja schon fast fragen: Vertragen sich Games und das Format Fernsehen überhaupt? Kann man ein Publikum ansprechen, das groß genug ist, um sich auch zu rentieren?

Theoretisch ja. Nachdem Games ja doch schon einige Jahre in unserer Kultur herumkugeln und sich somit auch auf den Mainstream ausgebreitet haben, sollte man meinen, dass dafür auch ein Platz im Fernsehen sein muss. Aber dabei vergisst man, dass Games im Normalfall in einem völlig anderen Umfeld stattfinden: Die gesamte Kultur, die sich rund um Mario, Counter-Strike, Unreal Tournament und Co. herausgebildet hat, findet fast ausschließlich im Internet statt (heißt ja nicht umsonst Netzkultur). Ein Medienwechsel ist dann meistens eine zu große Barriere – der Schritt vom Bildschirm zum Fernseher quasi ein zu großer. Meine Theorie: Erst wenn auch die wirklich “Alten”, für die das Fernsehen großteils produziert wird, schon zu einem größeren Teil ihre Erfahrungen mit Spielen gemacht haben, wird sich ein Ausgleich im Programm bemerkbar machen. Bis dahin werden wir wohl damit leben müssen, dass großartige Projekte mit Herz zwar immer wieder in den Mainstream geschossen werden, dort aber nach einer Zeit gegen die Wand fahren. Mit den unsterblichen Worten von Herrn Döhla: Schade.

 

Liebe GameOne-, Reload-, GIGA- und Pixelmacher-Crews: Danke von Herzen für alles, was ihr um unsere Kultur gemacht habt. So long and thanks for all the fish.

Written by: Alexander Schuh

Kaffeemaschinenbelagerer Und auf einmal bin ich wieder mittendrin. Eingestiegen in diese Branche ungefähr zwei Jahre vor dem Ende des großen C, hatte ich schnell einen Narren an den Irrungen, Wirrungen und Spaßungen gefressen, die das Erstellen von interessantem Content für Leser so bieten. Umso bitterer, als die Zeit dort endete und mich zurück ins Studium trieb. Nach dem ging´s dann den “klassischen” Weg mit seriösem Job entlang – was aber auf die Dauer auch nicht reicht, wenn man einen ganzen Affenzirkus im Kopf hat, den man gerne auch mal entlüften würde. Deswegen gibt´s diese Seite mit dieser Nase und denen links und rechts von hier. Feedback gerne unter schuh@continue-magazin.at oder über Twitter.