Ich bin zu alt für diesen Scheiss … warum ich mein Smartphone bald ins Meer schmeiße

Ich hab die letzten zwei Wochen ein wenig Buch über mein Smartphone-Verhalten geführt. Das erschreckende Ergebnis: Ich schaue im Schnitt 87 Mal auf mein Mobiltelefon. Zeit für ein Umdenken.

2011 lag die Verbreitung von Mobiltelefonen in Österreich bei 21% – Ende 2013 lag sie bereits bei knapp 50% (sagt eine Google-Studie aus dem Jahr 2014). Als Zeitzeuge dieser raschen Verbreitung kann ich mich noch erinnern, als ich den ersten Typen auf einer Einkaufsstraße mit einem Handy erspäht habe. Die Leute haben sich tatsächlich noch nach ihm umgedreht und den Kopf geschüttelt. Ich selbst habe mein erstes Handy im Alter von 19 Jahren gekauft/bekommen, für heutige Jugendliche/Kids unvorstellbar. Ich kann mich deshalb noch so gut daran erinnern, weil mich mein Vater testweise genau in dem Moment angerufen hat, als ich bei der mündlichen Matura gerade nicht die passenden Antworten parat hatte und ein Handyklingeln in dem Moment noch etwas sehr ungewöhnliches war. Damals haben noch die Professoren und nicht die Schüler instinktiv in die Tasche gegriffen, bevor sie feststellen mussten, dass gerade der stammelnde Typ an der Tafel den Anruf rasch zu einem Ende führte.

1280px-Motorola_RAZR_V3i_03

Quelle: Motorolla

Seitdem hat sich viel getan. Nachdem ich in den ersten Jahren jährlich mein Telefon ausgetauscht habe (NOKIA 3310 & Motorola Razr FTW!), weil die damaligen Geräte sich tatsächlich noch in Form und Farbe deutlich unterschieden haben, bin ich seit 2007 iPhone-Besitzer. Mit meinem damaligen sehr Apple-affinen Chef haben wir uns jede Jobs-Keynote angesehen und dann gleich das nächste Gerät bestellt. Ok, ich war zunächst schon skeptisch, ob dieses Touch-Display wirklich meine heiß geliebte Mikro-Tastatur ersetzen könnte, aber am Ende war es so – und besser.

Ich gehe nicht ohne Smartphone aus dem Haus, wie auch 71% der Österreicher (auch laut dieser Google-Studie). In Deutschland und anderen mitteleuropäischen Ländern wird es nicht viel anders aussehen. Was soll man denn auch bitte ohne Smartphone machen? In die Luft starren? Zeitung lesen? Hübsche Mädels anlächeln? Oldschool. Ich checke Twitter, Instagram, FB (mindestens stündlich), Vine, LinkedIn und manchmal, wenn der Bus im Stau steckt, Pinterest. Dazu schreib ich pro Tag in etwa 12 SMS und 22 WhatsApp-Nachrichten. Ich fotografiere sogar irgendwelche Codes für Kino- oder Restaurantreservierungen vom Monitor ab. In einer Zeit, wo der Durchschnitts-Erste-Welt-Mensch auf eine einsame Insel lieber sein Smartphone als seine Zahnbürste nehmen würde (hab ich mal wo gelesen) und selbst in Gesprächen mehr aufs Handy gestarrt wird, als in das Gesicht der Begleitung, ist ein Punkt erreicht an dem man sich fragen muss: Geht das alles in die richtige Richtung?

Twitter IPO

Ich komm ohne Google Maps oder Qando nirgends mehr hin. Ohne FB könnt ich 75% meines „Bekannten“kreises (achtet auf mein Wording!) gar nicht erreichen, weil ich weder eine aktuelle Telefonnummer noch eine Mailadresse habe und mein iPod als Musikplayer auch schon lange ausgedient hat – im Schnitt (Studie) haben wir 28 installierte Apps, 10 davon verwenden wir regelmäßig und für fünf haben wir bezahlt. Ich brauch das Drecksteil mittlerweile sogar zum Klo gehen – wenns mal wieder länger dauert. Hauptsache vier ungelesene „Brand Eins“ liegen am stillen Örtchen. 28% würden übrigens eher auf ihren Fernseher verzichten als auf ihr Smartphone (ihr wisst schon, die Studie). Aber wo schließen die Leute dann ihre PS4 an? Egal, ich spiel ja mittlerweile fast eh nur noch am Handy.

Aktuell habe ich ein iPhone 6. Das Erste, was ich nach dem Aufstehen mache, ist danach zu greifen und die Social Media-Kanäle nachzulesen. Nach oder während des morgendlichen Toilettenbesuchs kurz Nachrichten und Wetter checken und dann am iPad eine schnelle Hearthstone-Partie (kommt da bald ne Smartphone-Version?) daddeln. Dann wird das Teil in die Hosentasche gesteckt und begleitet mich bis kurz vor dem Schlafengehen, wo ich nochmal FB und Co. abklapper (wer weiß was in der letzten Stunde alles passiert ist?!). Wache ich in der Nacht auf, nutze ich das Handy, um nachzusehen wie spät es ist. Mein Radiowecker hat schon lange ausgedient.

unnamed

Doch ich möchte mich entschleunigen. Das Handy nicht anzugreifen fühlt sich schon fast wie Entzug an. Aber ich muss das tun. Für meine Gesundheit. Am Abend noch aufregende News zu lesen oder Arbeits-Mails zu checken haben wenig positive Auswirkungen auf meinen Schlaf – so viel habe ich in den letzten Jahren feststellen können. Deshalb versuche ich aktuell das Handy spätestens nach 20 Uhr nicht mehr in die Hand zu nehmen und auch morgens dann doch die vier Monate alte Brand Eins zu lesen. Wenn ich die Sucht auch noch tagsüber unter Kontrolle bringe, dann hab ich eigentlich gewonnen. Nur ihr habt Pech, weil ich auf eure Nachrichten eben nicht mit einer Reaktionszeit von maximal fünf Minuten antworte. Aber auch ihr lernt damit umzugehen. Versprochen.

Written by: Alexander Amon

Motivator Ich bin seit ca. 12 Jahren redaktionell mit Videospielen verbunden und war zuletzt Chefredakteur des Fachmagazins für Computer- und Videospiele consol.AT und ihren deutsch-schweizerischen Ableger consolPLUS. Aktuell bin ich PR Manager beim Spieleentwickler Sproing, gebe auf dieser Website allerdings nur meinen privaten Senf zur allgemeinen Situation ab. CONTINUE betreue ich redaktionell und emotional, diene in vielen Punkten als Ansprechpartner und Koordinator. Bei Fragen und/oder Anmerkungen schreiben Sie mir doch einfach an amon@continue-magazin.at. Besten Dank und bis bald.

  • Michael Ferstl

    Social Networks kosten unnötig viel Zeit

  • derNeue

    Ich bin da recht zwiegespalten. Klar kosten sie Zeit, aber sie sind auch eine schöne Art der „Ergänzung“ für’s reale Leben. Ich texte z.B. irrsinnig gern – Chats, SMS, WhatsApp, usw. Da sind Twitter und Facebook tolle Zusätze. Aber es darf halt nicht in selbst auferlegten Stress à la „Ich muss jetzt posten, sonst vergessen mich die Leute“ ausarten.