Ich bin zu alt für diesen Scheiß … Warum ich keine Lets Plays schaue

Während ich noch mit dem ORF-Testbild aufgewachsen bin, dürfen sich Jung und Alt heute nicht nur über 28436 Spartensender im TV, Netflix usw. freuen, sondern auch über ein ständig wachsendes Angebot auf dem Kanal namens YouTube (nicht verwandt mit dem fast ebenso erfolgreichen Special Interest Angebot von youporn). Als Videospieler stößt man hier früher oder später auf die sogenannten Lets Player, die uns nicht nur unterhalten wollen, sondern uns freundlicherweise auch das Spielen selbst abnehmen.

Gastartikel von Daniel Edlinger

Ich habe mich ja lange Zeit gefragt, warum ich anderen Leuten beim Spielen zusehen soll. Schließlich hab ich das schon vor 20 Jahren machen müssen, als ich mir nur einen Controller für mein SNES leisten konnte und wir (meine imaginären Freunde und ich) deshalb abwechselnd International Superstar Soccer spielen mussten. Aber gut, schau ich halt mal rein.

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Der erfolgreichste Lets Player PewDiePie hat mit rund 33 Mio. Abonnenten gut lachen!

Was mir aufgefallen ist: die Moderatoren sind in den vergangenen Jahren jünger geworden. Fast alle Lets Player berichten aus ihrem Kinder- oder Jugendzimmer, bis sie aufgrund des Erfolgs endlich in ihre neue Privatvilla oder nach Brighton ziehen können. Auch das Tempo hat sich erhöht: Dank Jump Cuts hat man sogar Angst zu blinzeln, weil man sonst etwas verpassen könnte. Ein Spezialist für diese Art von „Ecstasy in RedBull aufgelöst“-TV ist Viktor aka iBlali (1,7 Mio. Abonnenten, 211 Mio Aufrufe). Wer hier mehr als zwei Videos am Stück schauen kann, dem würd ich im Leben einfach alles zutrauen. Scheiße, mir rast eine Woche nach der Konsumation noch das Herz!

Wie schon im Print und online, lassen sich YouTuber mittlerweile nur schwierig in Schubladen stecken. Früher waren Caster (kommentiert von Profis oder anderen gespielte Spiele), Youtuber (macht halt Videos) und Lets Player (spielen Spiele) sehr viel spezifischer in ihrem Handeln.

Genau wie viele andere, lässt iBlali auch hinter die Kulissen blicken – nicht nur in der Bravo. Die Lets Plays von den populärsten Spielen (und ein paar gezielt ausgewählten Außenseitern) werden regelmäßig von Privat-Talk unterbrochen. Für einen Laien wie mich faszinierend, wie dem Herrn Simon Unge aka unge (formally known as ungespielt/ungefilmt) beim Vorlesen von Leserbriefen oder dem Spielen von „Wer bin ich“, knapp 800k Leute zusehen wollen. Auch wenn der erfolgreichste und mit Abstand älteste Lets Player Deutschlands, Gronkh (3,3 Mio. Abonnenten 1,3 Milliarden Aufrufe), die erste Minute vor seinem Lets Play von The Forest über den Stuhlgang seiner Zuschauer quatscht, dann wollen das immerhin 250k sehen.

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Wir hatten halt noch die Baywatch-Stars oder Simone!

Das sind natürlich Extrembeispiele, und wenn man sich mit den Kanälen länger beschäftigt, was im Alter von 30+ gar nicht mal so einfach ist, dann sieht man schon, warum das Publikum dranbleibt und nicht mehr „Wetten, dass..?“ oder „Promi Big Brother“ sehen will. Die gewonnene Aufmerksamkeit wird von manchen dazu genutzt aktuelle Themen aufzugreifen – wie etwa Florian aka LeFloid (2,2 Mio. Abonnenten, 262 Mio. Aufrufe), der nicht nur zu Diskussionsrunden zum Thema Gaming im TV bereit ist und nebenbei noch diverse Online-Preise abgestaubt hat, sondern sich auch an einem 48-stündigen Charity-Livestream beteiligt hat.

Sicher auch wegen der völkerverbindenden Sprachwahl (Englisch) ist Herr Kjellberg aka PewDiePie (33 Mio. Abonnenten, 7,3 Milliarden Aufrufe) der Topstar unter den Lets Playern. Kurzweiliger kann man das Format eigentlich nicht gestalten, und mit dem Erfolg in der Hose ist natürlich auch gut scheißen. Zumindest singt er noch nicht, wie seine Kollegen Y-Titty  oder HuskyStarcraft. Aber gut, schlechter als die Charts der letzten Jahre ist das auch nicht. Banelings, Banelings, Banelings …

Während Print- und Online-Redakteure noch schnell Babes für die Foto-Gallerie schießen, füllen die youtuber die Hallen mit Fans.

Während Print- und Online-Redakteure noch schnell Babes für die Foto-Gallerie schießen, füllen die YouTuber die Hallen mit Fans.

Gronkh und Sarazar waren die ersten, die auch im Pre-Internet-Mainstream eingeladen wurden.

Gronkh und Sarazar waren die ersten, die auch im Prä-Internet-Mainstream eingeladen wurden.

Also nein, ich werde auch in Zukunft nur wenige Lets Plays schauen, weil ich aus Zeitmangel schon selbst kaum zum Spielen komme. Was ich gerne mache ist Profis zuschauen. Via day9 oder Twitch schaue ich den oberen Zehntausend immer wieder dabei zu, wie sie in Spielen das schaffen, was ich vielleicht als 16-Jähriger noch hinbekommen hätte. In Wirklichkeit bin ich nämlich nur ein wenig neidisch auf die Kids von heute, wie sie mit dem neuen Equipment und viel Ehrgeiz ein Millionenpublikum erreichen. Da frag ich mich, warum ich in den 90ern unzählige Stunden in Stunt Island Filme für ein Maximalpublikum von drei Personen gedreht habe oder in italienischen Spielhallen die lokale Prominenz in Tekken verprügelt habe. War zwar auch schön, aber 2014/2015 hat das irgendwie mehr Sex – und Reichweite.

Man muss aber wie immer das Positive sehen. So freut es mich, dass dank dieser Art der leichten und günstigen Konsumation immer mehr Leute Spiele in ihren vier Wänden begrüßen können – auch wenn sie diese zum Teil deshalb nicht mehr kaufen (müssen). Unterhaltsam aufbereitet und für FAST jede Zielgruppe ertragbar. Vielleicht gründe ich doch meinen eigenen YouTube-Kanal für Erwachsene… im Internet habe ich schon die Bauanleitung gefunden. Wir sehen uns auf YouTube, Motherfu******!!!!

Written by: Alexander Amon

Motivator Ich bin seit ca. 12 Jahren redaktionell mit Videospielen verbunden und war zuletzt Chefredakteur des Fachmagazins für Computer- und Videospiele consol.AT und ihren deutsch-schweizerischen Ableger consolPLUS. Aktuell bin ich PR Manager beim Spieleentwickler Sproing, gebe auf dieser Website allerdings nur meinen privaten Senf zur allgemeinen Situation ab. CONTINUE betreue ich redaktionell und emotional, diene in vielen Punkten als Ansprechpartner und Koordinator. Bei Fragen und/oder Anmerkungen schreiben Sie mir doch einfach an amon@continue-magazin.at. Besten Dank und bis bald.

  • Michael Ferstl

    Ich glaub, Lets Plays sind für Leute die zu viel Zeit haben. Ich spiele lieber selbst und möchte meine wertvolle Zeit nicht mit so einem Blödsinn verschwenden – Peni….