GTA Online – Das andere Los Santos

Rhetorische Frage: Was passiert, wenn man eine Menge an potentiell psychopathischen Waffennarren mit allen möglichen Freiheiten in eine Großstadt schickt?

Auf so eine Frage kann ja eigentlich bei einem Titel wie GTA Online nur eine Antwort kommen, oder? Absolutes Chaos, kein Stein mehr auf dem anderen, die Stadt in Schutt und Asche, grad dass sie nicht die Hunde gegessen haben!

Nein.

Also, ja, schon auch. Ein kleines bisschen Chaos. Aber nicht so viel, wie ich ursprünglich angenommen hätte. Aber ich sollte wohl etwas weiter ausholen.

Noch hat mich niemand aus dem Himmel geschossen. //Screenshot des Autors

Noch hat mich niemand aus dem Himmel geschossen. //Screenshot des Autors

Gamer sind Schweine.

Da habt ihr’s. Mitten in einer Zwischenüberschrift. Ich spiele nun schon so lange Online-Spiele (und war auch auf genügend LANs), um mir das Urteil zu erlauben, dass die Kombination aus „ich sitze an einem Controller / einer Tastatur“, „Internet“ und „ich bin so weit weg, der kann mir keine gesunde Watsch’n [Austriazismus – „Ohrfeige“ für die geneigten deutschen Leser] geben“  das Schlimmste im Menschen hervorbringt. Schon lange vor der flächendeckenden Verbreitung von Voice-Chat gab es in Counter-Strike 1.6 die Leute, die alles und jeden einen „n00000b!!11elf“ hießen sowie diverse sexuelle Akte mit Müttern und / oder Tieren anrieten. Manchmal auch beides hintereinander oder gleichzeitig, einfach nur, weil sie es können.

Und in den über zehn Jahren, die seitdem vergangen sind, hat sich in den meisten Spielen nichts geändert. Counter Strike Global Offensive. Call of Duty. Sogar im armen FIFA sind die Ragequitter und Random-Beschimpfer an der Tagesordnung. Und lasst mich gar nicht erst von LoL, DotA oder ähnlichen MOBAs anfangen – dort wird der Begriff „toxic behaviour“ auf ein bisher ungeahntes Niveau gehoben, dass man schamvoll mit den Ohren schlackert.

Kurz gesagt: Ich hatte nicht unbedingt die höchsten Erwartungen an die Community von GTA Online.

Mein Tuner-Auto. Hasst mich doch - ich hab' in letzter Zeit viel Fast & Furious geschaut. //Screenshot des Autors

Mein Tuner-Auto. Hasst mich doch – ich hab‘ in letzter Zeit viel Fast & Furious geschaut. //Screenshot des Autors

Seelenfrieden in Los Santos

Um so verwunderter war ich dann, als ich zum ersten Mal den Wechsel vom Offline- zum Online-Modus von GTA vollzog (ich habe damals noch für consol auf der alten Konsolengeneration den Singleplayer von GTA V an einem Wochenende durchzocken „müssen“; den Teil überlasse ich deshalb in größerem Ausmaß gerne dem Kollegen Liedtke). Wie, hier nennt mich keiner sofort einen Low-Level-n00b? Ich bekomme keine Hinweise darauf, wo ich denn meine diversen Körperteile hinsticken könnte oder wer was mit meiner Verwandtschaft machen will?

Nein. Bisher keine Spur davon.

Das wäre auch dem Spielerlebnis sehr abträglich, denn glaubt es oder nicht: So viele Aktivitäten man in GTA Online auch gegeneinander ausführen kann (von klassischem Team Deathmatch über Golf bis hin zu Autorennen, um nur ein paar wenige zu nennen), so wichtig ist Teamwork bei den mittlerweile auf allen Plattformen verfügbaren Gustostückerln: Den Heists.

Diese sind nichts anderes als die Online-Umsetzung desselben Konzeptes aus dem Singleplayer. In kleineren Vorbereitungsmissionen werden die Schienen gelegt und die Weichen gestellt, um in einer krönenden Schlussmission ein besonders fettes Ziel abzuhaken. Das kann eine überfallene Bank sein, ein aus dem Gefängnis befreiter Waffenhändler oder ein sabotiertes Labor – je nach dem, was die jeweiligen Auftraggeber gerade wollen.

Jeder Mitspieler hat dabei bei jeder Mission eine vom Teamleiter zugewiesene Rolle, die sich auch meist stark von den anderen Rollen unterscheidet. Ein Beispiel: Beim erwähnten Gefängnisausbruch muss einer das Flucht-Flugzeug besorgen, während zwei andere verkleidet in das Gefängnis eindringen. Ein vierter Spieler gibt als Sprengmeister noch Rückendeckung – und findet sich plötzlich auch in einem Angriffshubschrauber wieder.

Planung ist das halbe Leben. Auch online. //Screenshot des Autors

Planung ist das halbe Leben. Auch online. //Screenshot des Autors

 

Das Wichtigste ist dabei: Kommunikation. Klar, jeder muss seine zugewiesene Rolle beherrschen und ausführen, aber für manche Dinge kann und muss man auch mal Rücksprache halten. Oder einfach herumwitzeln. Genauso wichtig ist deswegen das Teamwork – einer alleine kann nie eine ganze Mission ausführen.

Klärung: unvollständig

Liegt es daran, dass mich keiner beschimpft? Selbst als mein Team wegen eines Fehlers meinerseits noch mal eine ganze verdammte Mission neu starten muss, kommen nur Späße über den Chat. Das schlimmste Wort, das ich in über dreißig Stunden Spielzeit vernommen habe, war „retard“ (okay, wirklich nicht nett, aber es kann in der Hitze des Online-Gefechts schon mal vorkommen) – und auch in Sachen „Mitspieler trollen“ haben sich bisher fast alle am Zügel genommen.

Bin ich ein Einzelfall?

Bin ich in einem Traum-GTA gelandet?

Bilde ich mir das alles nur ein und in Wahrheit werde ich eh dauerhaft beschimpft?

Keine Ahnung. Aber ich wünsche jedem von euch, dass sie oder er eine ähnlich geile Zeit in GTA Online habt. Und vielleicht auch ein bisschen, dass sich andere Spiele ein Scheibchen von der hiesigen Community abschneiden.

Everything the light touches is our kingdom.  With bullets. //Screenshot des Autors

Everything the light touches is our kingdom. With bullets. //Screenshot des Autors

Written by: Alexander Schuh

Kaffeemaschinenbelagerer Und auf einmal bin ich wieder mittendrin. Eingestiegen in diese Branche ungefähr zwei Jahre vor dem Ende des großen C, hatte ich schnell einen Narren an den Irrungen, Wirrungen und Spaßungen gefressen, die das Erstellen von interessantem Content für Leser so bieten. Umso bitterer, als die Zeit dort endete und mich zurück ins Studium trieb. Nach dem ging´s dann den “klassischen” Weg mit seriösem Job entlang – was aber auf die Dauer auch nicht reicht, wenn man einen ganzen Affenzirkus im Kopf hat, den man gerne auch mal entlüften würde. Deswegen gibt´s diese Seite mit dieser Nase und denen links und rechts von hier. Feedback gerne unter schuh@continue-magazin.at oder über Twitter.