Gebt den Kleinen eine Chance – Warum Mini-ITX für Zocker interessant ist

Für sparsame HTPCs werden sie seit Jahren geschätzt, doch auch zum Zocken stehen sie ihren großen Brüdern in fast nichts mehr nach: Mini-ITX-Mainboards bieten viele Features auf kleinstem Raum.

Wer kennt es nicht: Nach einigen Jahren ist die Hardware am Limit, die Framerate in Spielen trotz verringerter Details im Keller, die Grafikkarte glüht, die Festplatte lahmt und der Prozessorlüfter heult durch die daumendicke Staubschicht pausenlos auf. Zeit für neue Hardware! Also fix den Händler seines Vertrauens oder eine Preisvergleichsseite ansurfen, sich informieren und bestellen.

Der Hardware-Kauf will gut überlegt sein. Häufig werden mITX-Boards nicht beachtet oder direkt ausgeschlossen. // Quelle: Autor

Der Hardware-Kauf will gut überlegt sein. Häufig werden mITX-Boards nicht beachtet oder direkt ausgeschlossen. // Quelle: Autor

Viel Zeit wird in die Wahl des Prozessors und die Grafikkarte investiert, für den Formfakter des Mainboards hingegen nicht. Gern berate ich Freunde und gebe Empfehlungen, doch bei kleinen Boards stoße ich schnell auf taube Ohren: „Nee, ich will kein kleines Mainboard, dann sieht’s im Gehäuse so leer aus“, „Und wenn ich später eine Soundkarte nachrüsten oder auf ein zweier GPU-Gespann umspringen will?“. Thesen, die ich verstehe, aber auch direkt entkräften kann – und im Folgenden auch werde!

BitFenix Prodigy: Kleine Boards ganz groß rausgebracht

Wieso nicht den großen, hochkantigen Klotz, der sein Dasein ungesehen unterhalb des Schreibtisch fristet, gegen ein neues, kleines Gehäuse tauschen, das dem Besitzer ein Lächeln auf die Lippen zaubert, sobald er den Raum betritt oder am Schreibtisch sitzt? Genau das habe ich mir vor drei Jahren gedacht, als der Gehäusespezialist BitFenix die ersten Bilder und Prototypen des Prodigy veröffentlichte.

img_06933zukh

Kleines Gehäuse, großes Aufsehen: Das BitFenix Prodigy veränderte den mITX-Markt deutlich. // Quelle: Autor

mITX und Zocken? Damals noch eine berechtigte Frage, denn viele der Mini-Gehäuse boten 2012 kein Platz für lange Grafikkarten oder hohe Prozessorkühler. Das Prodigy veränderte mit seinen noch kompakten Maßen die Szene nachhaltig: Über 32cm lange Grafikkarten? Kein Problem! Und auch über 17cm hohe CPU-Kühler finden im Prodigy Platz. Abgerundet von unzähligen Schächten und Anschraubmöglichkeiten für Festplatten und SSDs, Optionen für fünf Lüfter von 120 bis 240mm und selbst kleinere Wasserkühlungskits nimmt es ohne großen Handwerksbedarf auf.

Das Prodigy veränderte damit nicht nur das Verständnis in den Köpfen der Zocker, sondern heimste auch noch viele Awards in der Fachpresse ein, sogar ich schrieb damals im Hardwareluxx-Forum einen Test über den begehrten Zwerg.

Auf 17cm alles untergebracht

Als das BitFenix Prodigy erschien waren „Zocker“-Platinen im mITX-Format noch Mangelware. Allen voran ASUS ebnete den Weg für die Nische, es folgten weitere Boards von ASRock, MSI und EVGA. Damals ein großes Problem, heute längst gelöst: Der Platz rund um den Sockel war 2012 das große Thema: Welcher Kühler passt drauf, welcher nicht, stößt er an die RAM-Riegel oder Grafikkarte? Die Hersteller reagierten und so bieten heute bereits die günstigsten Boards ausreichend Platz für große Kühlkörper.

Aktuelle ASUS ROG Mainboards mit Z97-Chipsatz. mITX, mATX, ATX // Quelle: ASUS

mITX bietet für die meisten Zocker genügend Anschlüsse und Slots. Hier die aktuelle ROG-Reihe von ASUS, mITX, mATX, ATX (v.r.n.l.) // Quelle: ASUS

Anschlussfreudig waren die mITX-Boards hingegen schon immer: Mehrere USB- und SATA-Ports sowie zwei RAM-Bänke stellen auch noch heutzutage den Großteil der Spielergemeinschaft zufrieden. Einzig das Aufgebot an PCIe-Slots beschränkt sich auf einen x16-Slot für Grafikkarten, mehr GPU-Lösungen sind somit ausgeschlossen. Auch das Nachrüsten einer Soundkarte wird mangels Slot nur mithilfe externer Varianten über USB realisiert. Diese „Nachteile“ müssen vor dem Kauf abgewogen werden: SLI und Crossfire haben immer noch mit kleineren Problemen zu kämpfen und der Onboard-Sound reicht für viele aus, je nach Board gibt’s sogar optische und koaxiale Ausgänge, größere Anlagen können problemlos angeschlossen werden.

Mit Blick auf die aktuelle Lage bei Geizhals.at wird klar, dass herkömmliche ATX- und µATX-Boards mit 178 bzw. 146 gelisteten Modellen den Markt dominieren, die Zahl der Mini-ITX-Platinen ist mit 42 Modellen aber durchaus gut vertreten. Alle gängigen Chipsätze von Intel und AMD sind darunter zu finden, auch der für „Enthuasiasten“, sprich: Übertakter, geeignete Intel-Z97. Hier bieten ASRock, ASUS, EVGA und Gigabyte jeweils zwei Modelle an, MSI sogar drei.

Das einzige Manko bleibt bei den Z97-Varianten weiterhin der Preis: Ab etwas mehr als 100 Euro starten günstige Varianten, ASUS ROG Reihe kostet knapp 200 Euro, bei EVGA geht es erst bei 240 Euro los. Im ATX-Lager findet man bereits ab 70 Euro brauchbare Modelle, die Formel klein und günstig geht daher nicht auf.

Minimalistische Zukunft

Nach dem großen Push vom Prodigy folgten weitere Gehäuse von BitFenix und der Konkurrenz, die Auswahl an Boards stieg beachtlich und Grafikkarten wurden gleichzeitig schneller und handlicher. Letzten Endes prägten auch die Steam Machines (auf die wir wahrscheinlich vergeblich warten…) und die neue Konsolen-Generation das neugewonnene Bild: Potente und kleine Rechner samt schicker Optik, die sich auf Schreibtisch ebenso wie neben dem Fernseher wohl fühlen – die Konsole für den PC-Zocker sozusagen.

Als Besitzer eines mITX-Systems auf dem fast ausschließlich gezockt wird, kann ich mich nach zweieinhalb Jahren nur positiv äußern: Weder musste ich bei Leistung oder Lautstärke Kompromisse eingehen, einzig die Komponentenwahl musste (damals) sorgfältiger gewählt werden. Ein Wechsel zu „normal-großer“ Hardware kommt auch weiterhin nicht in Frage, denn ich habe mich unlängst daran gewöhnt, einen kleinen Rechner auf meinem Schreibtisch thronen zu lassen.

Written by: Christoph Liedtke

Luftpolsterzerdrücker Vor über 20 Jahren entstand die Liebe zu Videospielen – SNES sei Dank. Es dauerte einige Zeit, bis ich auch der Hardware verfallen war. Nach Jahren der nerdigen Bildung mit diversen Spiele- und Technikmagazinen, entschloss ich mich 2012 erstmals über meine Passion zu schreiben. Es folgte ein Blog, ein Volontariat bei consol.AT sowie Gamers.at und derzeit schreibe ich als freier Redakteur für E-MEDIA. Um die Zeit neben Artikeln, Studium, Freundin und Hündin noch weiter zu dezimieren, entstand parallel unser Projekt namens CONTINUE, denn Videospiele und Technik dürfen niemals zu kurz kommen! Fragen, Anregungen, Feedback oder harsche Kritik bitte an: liedtke@continue-magazin.at Danke für’s Lesen und auf bald.