Gears of War 4 im Multi-Test

Der meisterwartete Xbox One Titel des Jahres steht vor der Tür. Ein Must-Have oder lediglich ‚more of the same‘?

Fast genau 10 Jahre ist es her (November 2006), als Gears of War für offene Münder in der Konsolenwelt sorgte. Die grafische Pracht definierte über Jahre Standards, spielerisch etablierte das Spiel erstmals einen Third-Person-Shooter in unterhaltsame (eSport) Multiplayer-Gefilde. 2016 tritt Ernüchterung ein. Zwei Spieler über eine unterhaltsame, aber offenbar in der Zeit stehen gebliebene Testosteron-Erfahrung.

Die Lancer glühen endlich wieder

Die Lancer glühen endlich wieder

consalex: „Gears of War fühlt sich old-school an – das wird manchen gefallen, anderen nicht.“

Alexander AmonGears of War war für mich immer eine Serie über ein paar Bodybuilder, die in viel zu guter Optik ihre Kettensägen in böse Locust schoben. Mit jedem Teil nahm die Faszination ab, dem mittelprächtigen Story-telling sei dank, doch hielten der Koop-Modus und die spaßigen Online-Gefechte bei der Stange. Auch mit dem Kollegen Michi P. waren die ersten Minuten in Gears of War 4 vertraut und unterhaltsam zugleich. Erneut ohne viel Story zu erzählen wird man ins Getümmel geworfen. Das unterhält, dank Grafikpracht und abwechslungsreichem Waffenarsenal. Doch dann ist man drei Stunden im Spiel und denkt sich: „Kommt da noch was?“

Das Hauptproblem an Gears of War 4 ist seine generelle Gleichgültigkeit und das Fehlen einer zu besetzenden Nische. Das Gameplay ist witzig, wurde punktuell sogar verbessert, aber nicht besonders abwechslungsreich. Es gibt größere Spiele, umfangreichere und emotional ansprechendere Games als dieses. Der Kampf gegen Roboter im ersten Teil des Spiels nimmt zudem eines der wichtigsten Features des Games: den blutigen Kampf ums Überleben – und ersetzt ihn mit Schrauben und Stahl. Das wird im späteren Verlauf wieder wett gemacht – überhaupt zieht das Spiel in der zweiten Hälfte mehr an als zu Beginn. Also durchhalten, wenn ihr schon mal gestartet habt.

Der Multiplayer ist meiner Meinung nach eine Klasse für sich, auch wenn hier die großen Veränderungen fehlen. Ein Spiel im Koop erleben zu können ist immer eine Wohltat, die diversen kooperativen und kompetitiven Modi bieten ausreichend Abwechslung, um euch wochenlang zu beschäftigen. So viele Third-Person-Shooter gibt es nicht, schon gar nicht in dieser Qualität. Mit den richtigen Leuten, ein großer Spaß.

Fazit

Gears of War fühlt sich old-school an – das wird manchen gefallen, anderen nicht. Von einem Exklusivtitel muss man trotzdem mehr verlangen dürfen als Gears 4 insgesamt bietet. Was Forza Horizon 3 im Rennspielgenre bietet ist ein gutes Beispiel – eine konsequente Weiterentwicklung, die den Spieler auch überraschen kann und will. Wer sowohl solo als auch mit Freunden plant Gears 4 zu spielen, der bekommt in jedem Fall ein gutes Paket für sein Geld. Wer einen großen Sprung erwartet, der wird wohl auf die Schnauze fallen und bluten. Was dann ja eigentlich wieder gut zum Spiel passt.

gears4_screenshot_jd_chainsaw

Grafisch top, spielerisch … altbacken.

mikelandzelo: „Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, dass sich Gears of War 4 genau so spielt, wie der erste Teil der Reihe.“

Michael PölzlIch bin ein Gears of War Spieler der ersten Stunde. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich im damals noch existierenden consol.AT Magazin einen Screenshot von Cliff Bleszinski’s Meisterwerk gesehen hatte, es aber nicht glauben wollte, dass Spiele jemals so gut aussehen werden. Nun, zehn Jahre später, haut mich Gears of War 4 wahrlich von den Socken. Die Optik ist vom Allerfeinsten, die grafischen Effekte teils täuschend echt, aber der Rest fühlt sich etwas eingerostet an. Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, dass sich Gears of War 4 genau so spielt, wie der erste Teil der Reihe. Versteht mich nicht falsch: die Spielmechanik funktioniert nach wie vor, nur haben sich inzwischen alle anderen Games rund um Gears weiterentwickelt.

Nehmen wir mal die Story. Hätte ich nicht Wikipedia oder das Review-Factsheet, wüsste ich nicht, worum es in dem Spiel geht. Man wird mitten ins Geschehen geworfen und ballert ohne großer Worte auf die ersten Roboter los, die lieblos vom Himmel geworfen werden. Anfangs testet man sich noch durch die verschiedenen Waffen und ist beeindruckt von seiner Umgebung, aber die paar Cutscenes zwischendrin machen das Kraut nicht fett. Die ‚Wurschtigkeit‘ mancher Charaktere im Spiel wirkt sich auf meine Motivation aus. Wenn’s dem Charakter im Spiel schon egal ist, warum sollte es mich dann kümmern? Schade, denn Spiele wie die BioShock-Trilogie, The Last of Us oder auch Rise of the Tomb Raider machen es vor: ausgezeichnetes Gameplay und eine Story, die dem Spieler nicht besser näher gebracht werden kann. Man fühlt sich, als wäre man direkt im Spiel. Gears scheitert daran, nach wie vor. Man ballert sich einfach nur durch einen Schlauch.

Vater und Sohn wieder vereint

Vater und Sohn wieder vereint

Wo wir auch schon beim nächsten Punkt wären: das Gameplay. Nun, wie schon erwähnt, regnet es anfangs immer wieder Robotergegner vom Himmel, so genannte „DeeBees“, deren Variationen man an einer Hand abzählen kann und noch Finger frei hat. Kleine rollende Kugeln nerven genau so, wie die Juvies (quasi kleinere, schnellere Locust) später im Spielverlauf und der Rest ist vorhersehbar: Locust, böserer Locust, Locust-Obermotz. Oben drüber noch ein bis zwei neue Gegnertypen gestreut, fertig. Dieses Rezept kommt dann immer in Wellen und das im wahrsten Sinne des Wortes. Quasi ein „Tower Defense“ im Gears-Stil, wo man noch kleine Roboter und Barrieren aufbauen kann und sich für den nächsten Schwung Gegner rüstet. Nette Idee, reißt einen aber irgendwie aus dem Feeling raus. Auch die paar Sequenzen, wo man „Ausweichen“ spielen muss stelle ich in Frage. Sicherlich eine nette Abwechslung sich in geschicktem Durchschlängeln zu erproben, aber wirklich nötig wäre das nicht.

Für Online-Veteranen gibt es noch den Multiplayer Modus und Horde 3.0, etwas, das wir im finalen Spiel noch nicht testen konnten, da klarerweise die Server leer sind. Aber ich hatte mich an der Beta beteiligt und meine Eindrucke bereits zum Nachlesen hier geschildert. Vermutlich ohnehin der Hauptaspekt des Spiels. Call of Duty Spieler interessiert der Story-Modus ja auch nur tangential. Vielleicht bin ich aber auch schon zu alt dafür. Testosteron und schlechte One-liner sprechen mich halt nicht mehr so an, wie eine packende und tiefgründige Story gepaart mich abwechslungsreichem Gameplay.

Fazit

Was lässt sich also abschließend über Gears of War 4 sagen? Ich denke, wenn ihr Fans der Trilogie seid, könnt ihr bedenkenlos zugreifen. Story- und Multiplayer-Modus werden euch dann stundenlang unterhalten. All jene, die oben genannte Spiele der Mitbewerber konsumiert und für gut befunden haben, lassen lieber die Finger davon. Allenfalls entscheidet ihr selbst, Geschmäcker sind verschieden.

Wir bedanken uns bei Xbox Österreich für die Bereitstellung eines Testmusters.


Wer uns unterstützen möchte, kann über unseren Amazon-Partnerlink oder direkt über folgende Auswahl einkaufen. Der Preis bleibt unverändert; uns kommt jedoch ein kleiner Betrag zugute, über den wir uns natürlich freuen würden 🙂

Written by: Alexander Amon

Motivator Ich bin seit ca. 12 Jahren redaktionell mit Videospielen verbunden und war zuletzt Chefredakteur des Fachmagazins für Computer- und Videospiele consol.AT und ihren deutsch-schweizerischen Ableger consolPLUS. Aktuell bin ich PR Manager beim Spieleentwickler Sproing, gebe auf dieser Website allerdings nur meinen privaten Senf zur allgemeinen Situation ab. CONTINUE betreue ich redaktionell und emotional, diene in vielen Punkten als Ansprechpartner und Koordinator. Bei Fragen und/oder Anmerkungen schreiben Sie mir doch einfach an amon@continue-magazin.at. Besten Dank und bis bald.