Eurogamer-Gate: Warum es auch weiterhin Wertungen gibt

Das Wertungssystem ist tot, lang lebe das Wertungssystem: Anstatt mit Zahlen jongliert Eurogamer nun mit Empfehlungen.

Aussendung von Eurogamer:
Machen wir es erst mal kurz und schmerzlos, das Wichtigste zuerst: Ab heute, hier und jetzt werdet ihr auf Eurogamer.de – und auch Eurogamer.net und anderen Seiten des Gamer Networks – keine der liebgewonnenen Wertungen von 0 bis 10 mehr sehen. Stattdessen gibt es nun diese Empfehlungen, sortiert von furchtbar bis göttlich in Bezug auf die Qualität eines Spiels:

  • Finger weg!
  • (gar nichts. Keine Wertung. Leere.)
  • Empfehlung
  • Herausragend!

Aufmerksam bin ich auf die Geschichte dank einer Facebook-Unterhaltung in Branchenkreisen geworden. Redakteure und PR-Leute ließen sich dank der Eurogamer-Meldung erneut dazu hinreißen, über die Sinnhaftigkeit von Wertungen zu diskutieren – einschließlich meiner Wenigkeit. „Die Leser sind das gewohnt“, „Mutige Entscheidung“ oder „Bei Filmen schaut man ja auch erst bei IMDb nach“ sind gute Zitate, die die 35 Kommentare schnell zusammenfassen. Aber sind die Wertungen wirklich weg?

Kyle Bosman, Quelle: Gametrailers

Kyle Bosman, Quelle: Gametrailers

Kotaku hat es tatsächlich durchgezogen, wertet mit „YES“ und „NO“ – Zwischenstufen gibt es nicht. Jostiq (RIP) hat das leider weniger erfolgreich versucht. Nun macht es also Eurogamer und sobald es drei machen, ist es ein Trend, sagt auch #KyleBosman in seiner treffenden Videoanalyse. Laut ihm, und das ist auch meine Meinung, kann man verdammt nochmal alles werten. Bosman: „Ich kann sogar den Geruch des Raums bewerten,“ und er hat recht. Als Redakteur habe ich auch Wertungen verteufelt, weil sie immer bis zu einem gewissen Grad subjektiv sind, aber sie sind, ein wenig Erfahrungswerte in dem Bereich vorausgesetzt, als Orientierungshilfe sinnvoll zu platzieren.

Witzigerweise gibt Eurogamer das Werten gar nicht richtig auf – zieht sich eigentlich nur aus Metacritic zurück, weil „sobald wir anfangen würden, unsere neuen Einschätzungen in Zahlenwertungen umzurechnen, es auch gleich dabei belassen könnten, weil damit der Sinn der Übung komplett verfehlt wäre.“ Dabei wertet Eurogamer auch weiterhin. Zunächst einmal haben sie ihre vier Kategorien. Finger weg, keine Wertung (z.B. für Sportspiele, schließlich will kein Mensch jedes Jahr FIFA testen und vergleichen!), Empfehlung (Geheimtipps?) und „Herausragend“. Hinzu kommen Gold- (Herausragend) und Silbermedaillen (Empfehlung), die dermaßen hervorstechen, dass es gut die 10er und 9er Wertungen der Vergangenheit ersetzt.

Ach ja, und für Google, um besser gefunden zu werden, muss man Games im Idealfall auch raten. Das macht Eurogamer auch weiterhin. Siehe Bild.

eurogamer

Wertungen. Man kann nicht mit ihnen und auch nicht ohne. Dank Amazon, Metacritic, IMDb und allen anderen Sammelplattformen, die zunehmend boomen, weil scheinbar eine demokratische Wertung mehr Gewicht hat als die eines oder weniger FachmännerInnen, ist es eigentlich völlig egal, ob Eurogamer jetzt Sterne, Worte, Herzchen oder Goldsticker hat. Ich werde dort z.B. weiterhin die ProEvo-Tests (nein, ich sag nicht PES) lesen, weil sie mir dort einfach am besten gefallen. Klar, eine Zahl, die meine Meinung wiederspiegelt, ist eine gute und schnelle Merkhilfe für mich, dass ich den Leuten vertrauen und wiederkommen kann, aber wie die meisten, kenne auch ich das Internet mittlerweile ganz gut und weiß, wo ich gerne nachlese, auch weil mir die Texte gut gefallen und nicht eine vermeintlich objektive Zahl den Text beendet.

Mist, jetzt hab ich wieder mehr geschrieben als ich eigentlich wollte und in mir brodelt noch immer so viel, was sich über die Jahre zu dem Thema in meinem Magen angesammelt hat. Auch deshalb liebe ich diese Zahlenspiele so. Sie lösen fast so viele Emotionen bei mir aus, wie die damit gewerteten Videospiele selbst.

Written by: Alexander Amon

Motivator Ich bin seit ca. 12 Jahren redaktionell mit Videospielen verbunden und war zuletzt Chefredakteur des Fachmagazins für Computer- und Videospiele consol.AT und ihren deutsch-schweizerischen Ableger consolPLUS. Aktuell bin ich PR Manager beim Spieleentwickler Sproing, gebe auf dieser Website allerdings nur meinen privaten Senf zur allgemeinen Situation ab. CONTINUE betreue ich redaktionell und emotional, diene in vielen Punkten als Ansprechpartner und Koordinator. Bei Fragen und/oder Anmerkungen schreiben Sie mir doch einfach an amon@continue-magazin.at. Besten Dank und bis bald.

  • Michael Ferstl

    Ich brauch keine Wertungen