Ein Civilization VI Review und wie es dazu kam

5. Versteckte Agenden: Diplomatie, Gesandte, Spione

Diplomatie als Siegoption gehört der Vergangenheit an, und wurde durch Religion ersetzt. Das heißt aber nicht, dass es keine Diplomatie mehr in Civilization VI gibt. Das Stadtstaaten-System wurde übersichtlicher und leichter zu erreichen gestaltet. Wir können nun im Laufe des Spiels neue Gesandte dazugewinnen, die wir in die Städte schicken können. Je mehr Gesandte wir in einem Stadtstaat postiert haben, desto größer wird unser Einfluss und wir schalten neue Boni frei, die uns unsere Freundschaft einbringt. Sind wir die Zivilisation mit mehr Gesandten als jeder Gegner in einem Stadtstaat, so werden wir der Suzerän der Stadt, was uns weitere Vorteile einbringt. Als Suzerän haben wir Teil an den Ressourcen, haben im Krieg Unterstützung an unserer Seite und können den jeweiligen einzigartigen Stadtbonus genießen. Je nach Zielsetzung macht es also Sinn, sich mit Stadtstaaten mit ähnlichen Ausrichtungen wie man selbst zu verbünden.

Gute Beziehungen mit Stadtstaaten können uns den entscheidenden Vorteil bringen.

Gute Beziehungen mit Stadtstaaten können uns den entscheidenden Vorteil bringen.

Die Diplomatie mit anderen Zivilisationen wurde definitiv vertieft. KI-Gegner haben nun jeweils eine festgelegte und eine zufällige politische Agenda. Durch freundschaftliche Beziehungen, die Gerüchte, die unsere Händler auf ihren Routen aufschnappen und Spionage können wir herausfinden, wie jeder unserer Gegner tickt. Als ein Riesenproblem in der Anfangsphase einer Partie empfand ich allerdings die scheinbar komplett unprovozierten Angriffe der KI (die liebe Kleopatra oder die Skyther sind hier besonders lästige Beispiele). Warum wir angegriffen werden, ist kaum nachvollziehbar, und die Angriffe sind dann zwar meist äußerst lästig aber nicht existenziell gefährlich. In einer Partie hat Kleopatra gefühlt 50 Einheiten Speerträger ausgebildet und damit meine Küste in zwei Reihen belagert, auch nachdem wir längst wieder Frieden geschlossen hatten. Diese Einheiten blieben komplett unberührt und unaufgewertet, so dass ich später mit weit überlegenen Marineeinheiten einfach an der „Blockade“ vorbeiziehen und die Kavallerie-Abwehreinheiten mit einem Schuss versenken konnte (dazu sei erwähnt, dass ich zum Zeitpunkt der Invasion kaum eine Kavallerie-Einheit besessen hatte).

KI Kleopatra wendet bisunter nicht ganz nachvollziehbare Militärtaktiken an, wie hier, wo sie uns mit Kavallerieeinheiten auf dem Meer zuparkt (und diese nie upgradet).

Why, Kleo, why. Die Militärstrategie der KI bildet zum Teil seltsame Auswüchse wie diese „Marine-Kavallerieabwehr“.

Die Dialoge der KI-Gegner sind zwar anfangs nett und die Animation und das Minenspiel mit viel Liebe gestaltet. Jedoch sind die Gründe für die Schimpfe oder das Lob in den Dialogen zum Teil schwer bis gar nicht verständlich, bei nur wenigen leicht zu erraten. Alle wiederholen sich leider zu oft. Ägypten zum Beispiel erkennt militärische Stärke durch ein großes Heer an. Andere Zivilisationen möchten, dass wir unsere Staatskasse stets gefüllt haben, oder machen uns schlecht, wenn wir unsere Religion nicht in die Welt hinaus tragen.

Kleopatra lässt sich durch ein starkes Militär milde stimmen.

Kleopatra lässt sich durch ein starkes Militär milde stimmen.

Mehr Information im Zivilisationen-Handels-Screen würden helfen. Die tauschbaren Güter sind nun besser sichtbar angeordnet als in Civ V, jedoch hätte mir ein Mouseover über den Gegenstand „Venedig, lasst ab“ bei meiner Friedensverhandlung sehr geholfen (Notiz: Dies erscheint, wenn wir eine Stadt vom Gegner eingenommen haben und er anbietet, deswegen keinen Groll mehr gegen uns zu hegen und er offiziell auf sie verzichtet).

Die künstliche Intelligenz der Zivilisationen muss auch im Handel nachgebessert werden. Wir können zum Beispiel andere Nationen mit ein wenig Herumspielerei im Handelsmenü leicht überlisten.  So wollte Kleopatra im Austausch für einen gefangen genommenen Spion von mir erst 30 Gold auf die Hand plus 13 Gold pro Runde. Als ich ihr 15 Gold und 1 Gold pro Runde vorschlug, lehnte sie ab, aber stimmte dann gleich darauf dem Angebot von lediglich 1 Gold pro Runde zu.

Im Handelsscreen können wir anderen Zivilisationen Geschenke und Handelsangebote machen.

Im Handels-Screen können wir anderen Zivilisationen Geschenke und Handelsangebote machen.

Dass Händler nun auch Informationen über andere Völker liefern ist eine klasse Idee, und haucht dem Spiel mehr Leben ein. Natürlich schnappt der fahrende Krämer auf dem Markt in der fremden Stadt jede Menge Gerüchte und Informationen auf, die uns dann nützlich werden können. Reicht uns diese Quelle für zuverlässige Informationen über die anderen Spieler in unserer Welt nicht aus, müssen wir auf fortgeschrittenere Mittel zurückgreifen. Wir können Delegationen in andere Hauptstädte senden sowie dort Botschaften errichten, beides kann nur mit der Zustimmung des anderen Staatsoberhauptes geschehen und kostet uns eine geringe Menge Gold. Im späteren Spielverlauf können wir ein weites Netz an Spionen ausbauen. Spione werden in Civilization VI wie andere Einheiten produziert und können dann entweder das eigene Stadtzentrum oder den Wissenschaftscampus vor feindlichen Spionen schützen oder selbst ins Ausland gesandt werden, um uns mit Informationen zu versorgen. Wird einer unserer Spione erwischt, ist er nicht wie in Civ V gleich tot, sondern wir haben die Möglichkeit ihn via Handel wieder freizukaufen.

Unser Spion kann eine Reihe an verschiedenen Missionen ausführen, sowohl in unseren eigenen Städten und Machtzentren sowie im Geheimen beim Gegner.

Unser Spion kann eine Reihe an verschiedenen Missionen ausführen, sowohl in unseren eigenen Städten und Machtzentren sowie im Geheimen beim Gegner.

6. Krieg und Religion

Wenn alle Freundschaft, reger Handel und perfide Spionage nichts helfen, bleibt manchmal nur der Kampf als Option. Besonders, wenn wir einen Herrschaftssieg anstreben, ist der Weg zu einer großen Militärmacht der richtige. Neben einem Überraschungsangriff, der uns einen horrenden Kriegstreibermalus einbringt, können wir unseren Gegner auch mit Denunzierung und später Kriegsgründen (Casus Belli) „schonend“ auf den drohenden Krieg vorbereiten, um von den anderen Zivilisationen nicht sofort gehasst zu werden.

Mir hat im Test besonders die Marine viel Spaß gemacht. Je nach Karte, Terrain und natürlich ausgewählter Nation empfiehlt es sich hier den jeweils passendsten Weg einzuschlagen. Eine klasse Neuerung ist, dass man zwei bis drei Militäreinheiten des selben Typs im späteren Spielverlauf zu einem Korps bzw. einer Armada zusammenlegen kann. Somit belegen sie nur noch ein Geländefeld und können gemeinsam ziehen und angreifen. Dies trägt dazu bei, dass auch große Schlachten immer übersichtlich bleiben.

Nach Freischaltung können wir bis zu drei Militär- oder Marineeinheiten des selben Typs zu einem Korps bzw. einer Armada zusammenschließen.

Nach Freischaltung können wir bis zu drei Militär- oder Marineeinheiten des selben Typs zu einem Korps bzw. einer Armada zusammenschließen.

Eine der Änderungen am Kampfsystem ist wirklich nervig: Wenn das Spiel in einer Runde durch Einheiten, die agieren/angreifen können zirkelt, lässt es in Civ VI (im Kontrast zu Civ V) die Stadtzentren, die sich verteidigen können, aus. So kann es leicht geschehen, dass man komplett übersieht, dass sich eine feindliche Einheit in die Nähe unseres Stadtzentrums oder Militärlagers geschlichen hat. Ein Stadtzentrum zur aktiven Verteidigung auszuwählen kann zur Klick-Orgie ausarten, da der Angriffsbutton sich nur schwer aktivieren lässt. Hier bitte zurück zum Vorgänger Civ V, da hat das wunderbar funktioniert.

Eine neue Alternative zum Herrschaftssieg ist neben den bekannten Wissenschafts- und Kultursiegen der Sieg durch Religion. Durch Konvertieren unserer Nachbarstädte mit Missionaren und Aposteln und dem Austreiben feindlicher Religionseinflüsse durch die Inquisition verbreiten wir unsere Lehre über alle Kontinente. Hier können zwei der drei Religions-Einheiten regelrechte Kämpfe um Gläubige ausfechten, mit Blitz und Donner inklusive.

Mit der Glaubensansicht haben wir schnell den Überblick, wo wir unsere Missionare oder gar Inquisitoren für einen Religionssieg hinschicken müssen.

Mit der Glaubensansicht haben wir schnell den Überblick, wo wir unsere Missionare oder gar Inquisitoren hinschicken müssen.

Kosmetische Fehlerchen und Performance

Als kosmetische Änderung gehört auf jeden Fall noch an der deutschen Übersetzung gefeilt: Hier fehlen vor allem in den Dialog-Einblendungen unserer KI-Mitspieler zum Teil ganze Textblöcke auf Deutsch, während andere im selben Screen übersetzt sind. Andere Übersetzungen wirken holprig oder wie das erwähnte „Venedig, lasst ab“ schlicht unverständlich. Dies ist zwar ärgerlich aber nicht gamebreaking und kann durch einen Patch leicht nachgebessert werden.

Aktuelle Meldungen werden zu Beginn jeder Runde in der oberen Mitte des Bildschirms angezeigt, zum Beispiel, was unsere Händler auf ihren Routen in andere Zivilisationen aufgeschnappt haben, oder was unsere Spione herausgefunden haben. Mitunter kann das so viel Text sein, dass der gesamte Bildschirm vollgespammt wird und es schwer ist, alles zu lesen bevor die Boxen wieder verschwindet. Alle Informationen können aber wieder im jeweiligen Staatsoberhaupt-Screen nachgelesen werden, wo alles übersichtlich aufgelistet ist.

Meine Civ im Schilderwald.

Meine Civ im Schilderwald.

Ein Manko, das wohl mit dem Genre kommt aber nicht unerwähnt bleiben soll sind die im späteren Spielverlauf sehr lange dauernden Runden der KI Gegner. Jeder Zug jeder Einheit muss vom Computer nacheinander berechnet werden, das kann sich schon mal hinziehen, besonders wenn man auf größeren Karten ab 8 Spielern siedelt. Besonders nach sehr landen Spiele-Sessions habe ich auch beim Schließen des Spiels regelmäßig Abstürze erlebt (Meine 24GB RAM sollten eigentlich ausreichen). Allerdings geschah dies erst nach erfolgreichem Speichern, und innerhalb einer Partie habe ich nie einen Crash erlebt.

Fazit

TL;DR: (Nein, kleiner Scherz, ihr müsst alles oben lesen :P) Ja, was bleibt nach so einem langen Text noch zu sagen. Civilization VI ist die fantastische Fortsetzung des noch immer guten und durch Erweiterungen lebendige Civlization V. Die Änderungen machen im größten Teil einen wohl überlegten Eindruck und tragen zum Spielkomfort und -fluss bei. Der neue Grafikstil gefällt, und ist kein Indiz für eine spielerische Simplifizierung der Reihe. Im Gegenteil: Mit der Einführung des neuen Ausrichtungsbaums und den Bezirken gewinnt Civ VI an Tiefe hinzu. Das Spiel macht zum Release einen bereits sehr geschliffenen Eindruck, mit Stunden um Stunden an Spielspaß. Die KI hat in mehreren Bereichen noch deutlich Luft nach oben, hier gehört nachgebessert. Leider bin ich für diesen Test nicht dazu gekommen, den Multiplayer zu testen, dies steht jedoch ganz weit oben auf meiner To-Do Liste. Als Civ-Fan ist Civlization VI ein Must-Have, und ich bin lebender Beweis, dass man auch spät noch in die Reihe einsteigen und jede Menge Spaß haben kann.

WERTUNG: 9/10

Wir bedanken uns bei 2K für die Bereitstellung eines Testmusters.


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Written by: Ronja Antesberger

Social Bumblebee Seit ich mir einen eigenen PC leisten konnte, bin ich den Pixeln verfallen, und blicke auf eine lange Karriere als bürgermeisternde Schneiderin in Ultima Online, täglich raidende Assassine in EverQuest 2 und alles-und-jede-Quest-abschließender Geralt in allen Witcher Spielen zurück. Meine Liebe gilt den Strategiespielen der späten 90er, wie Age of Empires und Command & Conquer sowie jeglicher Variante an Rollenspiel. Mein Faible für Indies und Selbstdarstellung hat mich vor einigen Jahren zum Streaming und zu YouTube gebracht, und in Konsequenz auch endlich beruflich in den Bereich. Nach über einem Jahr bei der Wiener Video Game Livestreaming Plattform Hitbox konzentriere ich mich nun auf meinen selbstständigen Pfad als Social Media Marketing und PR Beraterin, Bloggerin und SchreiberlingIn for „All Things Video Games“. Ich freue mich, als Neuzugang beim Continue-Magazin dabei zu sein, wir hören uns im nächsten Podcast! Bei Fragen, Anregungen und Feedback: antesberger@continue-magazin.at oder einfach auf Twitter.