E3 2015: Frauen sind sexy – auch in Games?

Nicht nur durch den webstandard-Artikel des Kollegen Zsolt inspiriert, habe auch ich den hohen Frauenanteil auf der diesjährigen E3 bemerkt. Zumindest die Diskussion darüber. Deshalb habe ich mir gedacht, ich schaue nochmal genauer hin.

„Gleich mehrere namhafte Spielhersteller wie Electronic Arts, Ubisoft, Bethesda oder Guerilla Games erhörten die Rufe der vergangenen Jahre aus der Community und setzen in kommenden Spielen auf weibliche Hauptrollen, um auch Spielerinnen in traditionell männlich besetzten PC- und Konsolen-Games bessere Identifikationsmöglichkeiten zu bieten.“ (webstandard, 19.6.2015)

Ist das so? Weibliche Soldaten wie in Star Wars Battlefront gab es auch in Destiny. Nebenmissions-Quotenfrauen wie im kommenden Assassin’s Creed gab es auch in Max Payne 2 (erschienen 2003) und anderen Spielen, die mir gerade nicht einfallen. Frauenfußball? Sieht man sich die Feature-Liste von FIFA 16 an bemerkt man, dass es ansonsten leider an Ideen mangelt, ein fast perfektes Fußballspiel besser zu machen und die Frauenmannschaften bringen immerhin Publicity. Zumindest mehr als Features wie Zitat: „Defend as a Unit“ oder das „Clinical Finishing“. Ob man also bei all diesen Entscheidungen Frauen einzusetzen wirklich die weibliche Zielgruppe im Auge hatte? I don’t think so.

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Max Payne 2: die beiden Hauptdarsteller. // Quelle: Remedy

Ja, es gibt wieder Spiele mit dezidiert weiblichen Hauptdarstellern. Mirror’s Edge (eine Fortsetzung von einem mittelerfolgreichen Spiel aus dem Jahr 2008, welches offensichtlich auch über eine männlichen Fanbase verfügt – wie unserem Blex) oder auch Remember Me, welches laut Entwickler Dontnod Entertainment ewig keinen Publisher fand, eben weil sie eine weibliche Protagonistin wollten. Auch ein aktuelles Interview mit Shuhei Yoshida, Präsident Sony Computer Entertainment, zum Thema Horizon Zero Dawn klingt angesprochen auf die weibliche Hauptdarstellerin unsicher: „She’s a female lead character. That has always been the vision by the team, but we had a discussion. Is it risky to do a female character?“ Wir diskutieren also auch noch 2015 über das Risiko einer HeldIN. Warum ist das so?

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Horizon Zero Dawn // Quelle: Guerrilla Games

Ich liebe Statistiken, speziell wenn ich sie nicht selbst fälschen muss. Im webstandard taucht bei den Kommentaren eine immer wieder gern zititerte Zahl auf – 48%. Das ist laut BIU der Anteil weiblicher Spieler in Deutschland im Jahr 2014. Das ist eine ähnlich aussagekräftige Zahl wie der Anteil an 18+ Titeln am Gesamtmarkt Spiele, der angeblich sehr gering ist (unter 10%). Bei all diesen Zahlen werden allerdings erfolgreiche Spiele wie Clash of Clans, Hay Day und Angry Birds miteinbezogen, Spiele, die auf der E3, oder sagen wir gleich generell in den Medien, meist eher wenig Aufmerksamkeit bekommen – außer sie brechen gerade wieder Verkaufsrekorde. Ja, diese Spiele werden auch von vielen Frauen gespielt. Der Anteil weiblicher FarCry-, Doom- und Battlefield-Fans dürfte dafür etwas geringer sein. Genau diese Spiele dominieren aber die Vorbesteller- und auch Verkaufscharts. Monat für Monat.

Natürlich will die AAA-Branche auch Frauen erreichen. Gerade spielt meine Freundin Geralt in Witcher 3 auf Level 20 und ist kaum von der Konsole zu trennen. Angesprochen darauf, dass sie nur in Nebenmissionen einen weiblichen Charakter spielen darf, Ciri, kommt nicht mehr als ein Achselzucken. Für die Geschichte passt eben nur der männliche Geralt. Klar, in der ersten Wahrnehmung hätte sie das Spiel mit einer weiblichen Akteurin vielleicht mehr angesprochen, aber meine Freundin kauft keine Spiele, sondern schaut immer wieder durch meine Sammlung, ob sie etwas Interessantes findet. Ich, der 35+ jährige Mann, bleibe Zielgruppe für Werbung, E3-Berichterstattung und Polygon-/webstandard-Artikel über Games. Das bestätigt auch dieser etwas unreflektierte Artikel über unsere Branche. Zwar geht der Autor nicht auf das Geschlecht ein, spricht aber von dem ebenfalls gern zitierten Durchschnittsalter von 37(!) im Bereich Gaming. Kennt ihr eine 37-jährige Frau die spielt? Also mit Controller, Headset und Chips im Mund? Ich nicht.

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Die Feministin Anita Sarkeesian gilt als Reizfigur in der Branche, provoziert sie doch immer gerne und regelmäßig. Hier twittert sie „Found the ONLY women of color in The Witcher 3. Hypersexual animal hybrids with tails, horns and „tribal“ body paint.“ // Quelle: https://twitter.com/femfreq/status/606613710610653184/photo/1

Mir fällt zu diesem Thema immer wieder die Entstehungsgeschichte / der Mythos zu einem meiner Lieblingsfilme ein – „Alien“. Eher aus der Not heraus geboren und entgegen dem Drehbuch-Erstentwurf übernimmt die Hauptrolle eine Frau. Sigourney Weaver als Lt. Ellen Ripley, die sich nicht nur gegen alle Männer im Film durchsetzt, sondern auch gegen eine der tödlichsten Killermaschinen der Filmgeschichte. Das Meisterwerk entstand im Jahr 1979. Es ist jetzt nicht so, dass danach das Mainstream-Kino mehr starke Frauen als Männer hervorgebracht hätte – in „Jurassic World“ müssen etwa Hauptdarstellerinnen z.B. noch immer im kurzen Rock und in hochhackigen Schuhen vor Dinos davon laufen -, aber unsere Industrie ist da auch noch nicht viel weiter. Der Großteil der jungen Männer identifiziert sich nunmal lieber mit einer männlichen Hauptfigur, egal wie einfallslos und flach diese konstruiert ist. Daran werden sich die Entwickler und Marketingfachleute noch ein paar Jahre die Zähne ausbeißen und sich etwas mehr einfallen lassen müssen als weibliche Fußballmannschaften.

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Das nächste Spiel von CD Project: Cyberpunkt 2077 // Quelle: CD Project

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Im Gegensatz zu Witcher 3 dürfte es in Cyberpunkt 2077 eine weibliche Hauptdarstellerin geben. Interessant angezogen ist sie in jedem Fall. // Quelle: CD Project

An Ideen mangelt es nicht, so ist zumindest meine Einschätzung. Meist wirken die weiblichen Hauptdarsteller sogar vielschichtiger als ihre männlichen Kollegen. Vielleicht weil es besser argumentiert werden muss, warum man eine starke Frau anstatt eines starken Mannes spielt oder auch weil hinter starken Frauen oft Autorinnen stecken, die in anderen Branchen schon den schweren Stand ihrer Protagonistinnen mit guten Ideen verteidigen mussten. Nariko aus Heavenly Sword, Jade aus Beyond Good & Evil oder auch Lara Croft, die zur zweitbekanntesten Videospielfigur der Geschichte (hinter Mario) aufgestiegen ist. Ob man deshalb in ein Grand Theft Auto, aufgrund mehrerer spielbarer Figuren, eine Frau hineinreklamieren muss, sei dahingestellt. Ich will nicht weibliche Akteure in Spielen sehen, weil es diesen #Aufschrei zur Diskussion gab. Ich will sie sehen, weil ein Autor/Entwickler entschieden hat, dass es für die Narration wichtig ist. Wie wäre es zum Beispiel, in Red Dead Redemption eine weibliche Hauptfigur zu haben? Völlig verrückt? Falsches Setting (Wilder Westen)? Rockstar, bitte melde dich!

Der Grundstein ist also gelegt. Auch dank dieser E3 wissen wir, dass „Frauen in Games“ weiterhin aufgegriffen und nicht aufgegeben werden, meiner Meinung nach aber keinesfalls stärker oder geschickter als in der Vergangenheit. Viele neue Gesichter hat man noch nicht gesehen – das Aufgreifen von bekannten „Marken“ ist keine Revolution – nur ein mutiger Schritt. Nun liegt es wohl an uns, den Spielern, zu entscheiden, wie wir auf diese Geste reagieren. Das Ziel sollte nämlich sein, nicht mehr über dieses Thema diskutieren/schreiben zu müssen. Eine weibliche Hauptdarstellerin in einem Shooter? Passt. Mario springt noch immer ohne weibliche Begleitung durch 95 Level? Auch ok. Wir beginnen zu akzeptieren, weil es kein Thema mehr ist. Weder wegen Verkaufszahlen noch wegen einer unpassenden Inszenierung.

Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Aber sicher nicht nur deshalb, weil es keine Frauen in Games gibt, sondern weil die Diskussion praktisch immer pubertär geführt wird. Die Anonymität des Internetzes ist dahingehend leider ein Hund. Aber es liegt an uns allen weiterzukämpfen, speziell gegen Forums-, youtube- und Streaming-Trolle, die gern eben diese Anonymität nutzen, um zum Rundumschlag auszuholen bzw. um geistlose Kommentare wie: „Duhuhu, Schaaatzi, magst nicht noch eine Fraueningameshuldigungsartikel schreiben?“ ins webstandard-Forum zu posten, um zu provozieren. Aber sehen wir das als Herausforderung. Der Forums-Troll als Endgegner. Gegen diese zu kämpfen sollten wir nämlich können. Das haben wir in Spielen gelernt. Auch mit weiblichen Helden.

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Quelle (2 Bilder): http://imgur.com/a/rluFC

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Written by: Alexander Amon

Motivator Ich bin seit ca. 12 Jahren redaktionell mit Videospielen verbunden und war zuletzt Chefredakteur des Fachmagazins für Computer- und Videospiele consol.AT und ihren deutsch-schweizerischen Ableger consolPLUS. Aktuell bin ich PR Manager beim Spieleentwickler Sproing, gebe auf dieser Website allerdings nur meinen privaten Senf zur allgemeinen Situation ab. CONTINUE betreue ich redaktionell und emotional, diene in vielen Punkten als Ansprechpartner und Koordinator. Bei Fragen und/oder Anmerkungen schreiben Sie mir doch einfach an amon@continue-magazin.at. Besten Dank und bis bald.