Friss Staub, Arcadenoob!

Dirt Rally raubt mir als ehemaligem Need for Speed– und allgegenwärtigem Mario Kart-Fan den letzten Nerv. Ergo eine gute Ausgangslage für Codemasters, um an die alten Erfolge der Colin McRae Rally anzuknüpfen. Ob mich der Simulations-Wahnsinn und die Jagd nach der Bestzeit im Jahr 2015 noch packen, ist indes eine ganz andere Frage.

Als Ende April Dirt Rally im Early Access bei Steam aufschlug, stießen mir längst vergessene Erinnerungen an die Colin McRae Rally-Serie in den Kopf: die schneebedeckten Strecken Schwedens, der legendäre blaue Subaru Impreza und dieser verflixt hohe Schwierigkeitsgrad. Letzter vergraulte mich immer wieder nach ein paar Sessions. Daher tauschte ich die Rally-Boliden gegen kunterbunte Karts, schoss grüne Panzer und Bananen durch die Gegend oder fuhr der Polizei davon, wich Krähenfüßen aus und pimpte meine Karre auf. Kurzum: Ich bin der in der Überschrift angesprochene Dreckfresser, der Arcadeaction einer Simulation vorzieht.

Doch ich konnte nicht widerstehen – und genau dafür würde ich noch gehörig büßen müssen. Über die letzten Monate fügte Codemasters dem Titel immer mehr Strecken und Autos hinzu, überarbeitete das Fahrverhalten und ging auf das Feedback der Community ein. Bereits die ersten Videos und Meinungen im Netz bestätigten das von mir wahrgenommene runde Gesamtpaket. Der Steam-Herbst-Sale tat sein Übriges: Eine Woche vor der Veröffentlichung am 7. Dezember stieg ich wieder hinter das Steuer eines Rally-Autos.

Ein Sprung mit 200 Sachen ohne Crash? Bis dahin verging viel Zeit.

Ein Sprung mit 200 Sachen ohne Crash? Bis dahin verging viel Zeit.

Optimierst du noch oder fährst du schon?

Bevor ich auf der Piste meinen Gegnern hinterher fuhr, offenbarte Dirt Rally bereits nach dem ersten Start seinen Simulationscharakter, der erfahrene Piloten in den siebten Rallye-Himmel befördern dürfte. Fahrhilfen vom automatischen Schalten bis hin zum ABS können de- oder aktiviert werden, je mehr manuell übernommen wird, desto höher fällt das Preisgeld aus. Anschließend stelle ich eine Crew an Mechanikern zusammen, die Schäden während der Tour ausbessern, und vor dem eigentlichen Start kann ich mein Auto an die Straßen- und Witterungsbedingungen anpassen. Bremspunkt, Stoßdämpfer, Gänge und mehr Zeugs, von dem ich keinen Plan habe.

Aber keine Sorge, Codemasters denkt auch an uns Arcade-Liebhaber: Die Fahrhilfen sind standardmäßig aktiviert, bei der Teamerstellung werden wir an die Hand genommen und die Regler für die Autokonfiguration sind so kreuz und quer positioniert, dass sie den Eindruck erwecken, sie seien gut ausbalanciert.

Für Profis Feinschliff bis in's kleinste Detail, ich blieb bei den Standard-Settings.

Für Profis Feinschliff bis ins kleinste Detail, ich blieb bei den Standard-Settings.

Ausbrechen, Überschlagen, Fluchen

Mit dem vom Startbudget geleisteten Mini Cooper S begann ich den Meisterschaftsmodus, der wie die knapp 40 Autos in verschiedene Epochen und Klassen gegliedert ist, und mich durch abwechslungsreiche Orte wie Deutschland, Finnland oder Griechenland schickt. Sobald die 60er-Jahre in mehreren Etappen und Strecken überstanden sind, folgen die 70er mit neuen Boliden, die man durch gewonnene Credits erwirbt. Die Höhe des Preisgelds hängt einerseits mit der Endplatzierung zusammen, andererseits auch mit verübten Neustarts, Fahrhilfen und Reparaturen – Millionär wollte ich eh nicht werden.

Doch zurück ins Cockpit des kleinen Flitzers, der mich bereits nach wenigen Sekunden zur Weißglut trieb. Wo es nur ging, brach der Wagen aus, drehte sich, überschlug sich im schlimmsten Fall. All das raubte so viel Zeit, dass ich um sofortige Neustarts nicht drumherum kam, denn die KI ließ mich alt aussehen. Ausrutscher auf Kies, Gras oder Waldboden kann man schnell korrigieren oder sich mit einer Strafzeit zurücksetzen lassen. Mitunter kam es vor, dass ich ungewollt zurückgesetzt wurde und meine Bestzeit dahin war. In solchen Momenten liegt mehr als nur ein Hauch Resignation in der Luft.

Aller Anfang ist schwer, bei Dirt Rally eben noch schwerer.

Aller Anfang ist schwer, bei Dirt Rally eben noch schwerer. Ich präsentiere: leichtes Ausbrechen bei 142 km/h.

Abgas am Horizont

Ich biss mich durch, wollte wissen, wie gut ich werden kann und vor allem, warum dieses Spiel von Fans schon vor dem Release als kommendes Aushängeschild aller Rallye-Simulationen gehandelt wurde. Die Erfolge waren rar, dafür umso emotionaler. Endlich begriff ich das Fahrverhalten dieses starrköpfigen Mobils: Mit angezogener Handbremse und anschließendem Vollgas schmiss ich mich in die Kurven, sammelte dank Neustarts und Testfahrten Streckenkenntnisse und lauschte aufmerksam meinem Beifahrer, der auf Geschwindigkeiten, starke oder schwache Kurven, Hindernisse, Kuppen, Sprünge und die Zieleinfahrt aufmerksam macht.

Apropos Aufmerksamkeit: Eine unachtsame Sekunde reicht aus, um eine Unebenheit zu übersehen, einen Sprung falsch zu platzieren oder eine Kurve zu schnell zu nehmen. Kostbare Zeit geht verloren, der Wagen dellt ein, erleidet gar einen Totalschaden, ein Neustart ist unumgänglich. Entspannt auf der Couch liegen und spielen ist nicht – Dirt Rally bedeutet Arbeit!

Nach dem Abschluss der ersten Meisterschaft ging es ein Jahrzehnt voran. Mini Cooper S leb wohl, Opel Kadett GT/E 16V ich komme! Der Heckantrieb und die 240 PS brachten die Wut wieder zum Vorschein. Der Lernprozess beginnt mit jedem neuen Fahrzeug von vorn. Aber auch die Boden- und Witterungsverhältnisse sind mehr als nur optische Schmankerl. Leichter Schotter oder asphaltierte Strecke? Schlammschlacht oder gefrorene Pfützen? Strahlender Sonnenschein oder Schneegestöber? Alles Faktoren, die in meinem Fahrstil berücksichtigt werden müssen.

Tolles Schadensmodell, Frust für mich. Die Zieleinfahrt war wenige Meter entfernt...

Tolles Schadensmodell, Frust für mich. Die Zieleinfahrt war wenige Meter entfernt…

Hübsch verpackt, prall gefüllt

Neben den Meisterschaften, die weder an Strecken- noch Settingvielfalt geizen, können eigene Events erstellt oder an Online-Ligen teilgenommen werden. Die Fülle an Autos motiviert mit anziehenden Preisen und unterschiedlichem Fahrverhalten langfristig, Frustmomente hin oder her. Codemasters überarbeitete EGO-Engine kümmert sich um die detailgetreue Nachbildung der Boliden mit hochauflösenden Texturen, zaubert Wettereffekte und Tag-und-Nacht-Zyklen auf den Bildschirm und trumpft besonders beim Schadensmodell auf – ein Unfall wird euch nicht enttäuschen. Abseits der Strecke erblickt ihr Fans und Fotografen, manchmal steile Abhänge, Wälder und verschneite Berge. Die Weitsicht und ihr Detailreichtum wissen zu gefallen, kommen aufgrund des unbarmherzigen Schwierigkeitsgrads aber leider viel zu kurz, fürs Anhalten bleibt keine Zeit.

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Nachtfahrten mit Cockpitperspektive, so einfach kann man sich quälen.

Fazit

Dirt Rally hat mir einiges abverlangt und mich durch viele Frustrationsstadien gehetzt, darunter Enttäuschung, Wut und Resignation. Vermeintlich normale Zustände, wenn ein Arcadeliebhaber auf diese Rallye-Simulation trifft. Mit viel Übung kamen die ersten, wenn auch kleinen Erfolge, die mir dennoch eindrucksvoll das Potenzial dieses Spiels offenbarten. Die Jagd nach der Bestzeit. Das Beherrschen des Autos, der Strecke, der Natur. Seit Jahren hat dem Genre genau so ein Spiel gefehlt, Codemasters liefert es ab!

Erfahrene Piloten greifen blind zu und holen das verstaubte Lenkrad hervor, Mario Kartler hingegen müssen abwägen: Seid ihr bereit für dieses Spiel? Könnt ihr euch vorstellen, einige Stunden mit wenig Spaß, viel Frust und noch mehr Engagement ein Spiel zu erlernen? Falls ja, schnappt euch das Gamepad und erlebt das Dark Souls der Rennspiele!

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Es ist absurd, wie viel Jubel eine solche Führung herbeiführt!


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Written by: Christoph Liedtke

Luftpolsterzerdrücker Vor über 20 Jahren entstand die Liebe zu Videospielen – SNES sei Dank. Es dauerte einige Zeit, bis ich auch der Hardware verfallen war. Nach Jahren der nerdigen Bildung mit diversen Spiele- und Technikmagazinen, entschloss ich mich 2012 erstmals über meine Passion zu schreiben. Es folgte ein Blog, ein Volontariat bei consol.AT sowie Gamers.at und derzeit schreibe ich als freier Redakteur für E-MEDIA. Um die Zeit neben Artikeln, Studium, Freundin und Hündin noch weiter zu dezimieren, entstand parallel unser Projekt namens CONTINUE, denn Videospiele und Technik dürfen niemals zu kurz kommen! Fragen, Anregungen, Feedback oder harsche Kritik bitte an: liedtke@continue-magazin.at Danke für’s Lesen und auf bald.