Die Revolution kommt. Punkt für Punkt.

Mein erster Kontakt mit dem Konzept der Revolte passierte nicht bei einem bierseligen Abend in einem besetzten Haus – nein, es war in dem bis heute wohl besten Rundenstrategiespiel. Willkommen in der Welt von Jagged Alliance 2, wir retten jetzt Arulco!


Stellt euch folgendes vor: Es gab einmal eine Zeit, in der Strategiespiele wirklich der heißeste Shit waren. Mitte bis Ende der 90er-Jahre kam gefühlt jede zweite Woche ein neues Game raus, das man im heutigen Rückblick als absoluten Klassiker bezeichnen würde. Veteranen dieser Zeit bekommen immer noch feuchte Unterhosen, wenn man die Worte Dune 2000, Command & Conquer oder StarCraft nur in den Mund nimmt. Und zu recht, denn auch heute noch spielen sich diese Dinger so frisch, wie sie es damals waren – mit Abstrichen im Grafik-Department, versteht sich. Damals waren mir diese eben genannten Spiele zwar nicht unbekannt und noch weniger egal, aber richtig gefesselt hat mich nur eines: Jagged Alliance 2. Erschienen im Jahr 1999, drehte es alles auf den Kopf, was ich bis zu diesem Zeitpunkt über Spiele zu wissen geglaubt hatte. Und wie so ziemlich jedes nostalgische Spiel hat auch dieses seine eigene Geschichte für mich.

Hallo, Herr Nachbar.

Als Landkind gab es für mich immer schon nur beschränkten Zugang zu neuem Spiele-Kram. (Hey, wir reden hier von einer Zeit weit vor der Verbreitung von brauchbarem Internet im tiefsten Niederösterreich, also waren noch nicht mal Browser-Spiele eine Option!) Zusätzlich hatte sich mein Freundeskreis vom Dorf noch relativ wenig mit Spielkonsolen und PC-Spielen befasst, was die Auswahl an möglichen digitalen Spielen noch weiter einschränkte.

Erfreulicherweise hatte ich einen wenige Jahre älteren Nachbarn, der mit seinen Eltern jedes Wochenende aus dem (für meine damaligen geistigen Verhältnisse) weit entfernten Wien anreiste. Ich gehe nicht zu weit, wenn ich sage, dass dieser Junge mich auf den Pfad des gepflegten Zock- und Nerdtums gebracht hat, denn er war der Gesegnete, was Spielekram betraf.

Ein neues PC-Spiel kam raus? Er hatte es.

HeroQuest (bis heute meine Messlatte für Brettspiele)? Er hatte es, mit allen Erweiterungspacks.

Das Lord of the Rings-Sammelkartenspiel? Check, hatte er.

Der Mensch hatte einfach alles, was ein junger Spielerherz begehren konnte. Und er war netterweise bereit, immer wieder mal mit mir zu teilen (danke an dieser Stelle, Herr Murmel!) – was mir an einem Sommertag im Jahr 1999 den ersten Kontakt mit dem besagten Jagged Alliance 2 verschaffte.

Wie gut die 90er teilweise waren kann man nur erahnen, wenn man HeroQuest gespielt hat. Punkt. //Bildrechte bei spieletest.at

Wie gut die 90er teilweise waren kann man nur erahnen, wenn man HeroQuest gespielt hat. Punkt. //Bildrechte bei spieletest.at

First Contact

Und diese Erstbeschnüfflung sollte gar nicht mal so positiv ausfallen – war ich doch als heranwachsender Nerd bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich mit Echtzeitstrategiespielen konfrontiert worden. JA 2 geht hier einen anderen Weg. Oder auch nicht. Also … ach. Schwierig.

Fangen wir weiter vorne an.

Die Grundaufgabe ist einfach: Als Kommandeur einer Söldnertruppe wird man vom früheren Herrscher über das fiktive Land Arulco angeheuert, um sein Land aus den diktatorischen Klauen seiner Ex-Frau Deidranna zu reißen. Das war’s dann auch schon an dezidierten Aufträgen. Klar trifft man unterwegs immer wieder auf NPCs, die kleinere Aufgaben für meine Söldner parat haben, aber an und für sich ist jedem Spieler selbst überlassen, ob man diese annimmt oder ob man schnurstracks nach Meduna latscht – der Hauptstadt, in der die böse Dame sich eingenistet hat.

Latschen ist ein gutes Stichwort, denn gedanklich wandert man somit direkt auf eine Landkarte. Auf dieser verbringt man bei Jagged Alliance 2 nämlich einige Zeit des gesamten Spiels: Hier werden Marschrouten für die angeheuerten Söldnertrupps vorgegeben, einzelnen Söldnern Aufgaben (abgesehen vom normalen Truppendienst) zugewiesen – wie Ausrüstung reparieren, Wundversorgung, Training,… -, die Zeit vorgespult (um eben jene Aufgaben erledigen zu können), die gesamte Verwaltung der angeheuerten Söldner vorgenommen. Ach ja, und die Gegend könnt ihr euch natürlich auch noch anschauen, ist ja immerhin eine Landkarte. Außerdem gibt es in dieser Ansicht auch noch einen kleinen Knopf, der ein Gadget aufruft, von dem ich damals wie heute schwer begeistert bin: Der Laptop. JA 2 simuliert einen kleinen Ausschnitt eines virtuellen Internets für den Spieler, in dem Söldner angeworben, Waffen, Munition und Ausrüstung bestellt, Begräbnisse für gefallene Kameraden organisiert und noch vieles gemacht werden kann. Schon alleine dieser Inception-artige Kniff, einen funktionierenden Computer in einem Computerspiel unterzubringen, ist für mich Grund genug dieses Spiel zu lieben.

Die besprochene Übersichtskarte - mit einem schönen Beispiel dafür, wie eigenwillig die Söldner sein können. // Bildrechte bei gamespot.com

Die besprochene Übersichtskarte – mit einem schönen Beispiel dafür, wie eigenwillig die Söldner sein können. // Bildrechte bei gamespot.com

Boom! Shakalaka.

Klarerweise werdet ihr das Spiel aber nicht in dieser Übersicht verbringen. Neeeein, das wäre doch langweilig, nur ein Spiel in einem Spiel zu haben. Deswegen geht es, sobald die Söldner auf ihrem Weg durch Arulco Feindkontakt haben, runter auf die jeweilige Spielkarte, auf der sich die Mädels und Jungs gerade aufhalten – liebevoll gestaltete, aber vom Krieg gezeichnete Städte, wilde Natur, Küstenstriche, bei Tag und bei Nacht. Zum ersten Mal sehen wir die Darstellung der Söldner im Spiel, als voll ausgestaltete und ausgestattete Charaktere, klar voneinander unterscheidbar. Auch die jeweilige Ausrüstung ist in Ansätzen am Körper zu erkennen, was für 1999 nicht selbstverständlich war. Diese Schönlinge steuern wir also in Echtzeit über unseren aktuellen Kartenausschnitt – im Idealfall im Schleichmodus und geduckt, man will ja den Gegner überraschen. Sobald der erste Feind gesichtet ist, passiert der Wechsel vom Echtzeit- in den Rundenstrategiemodus: Alle SöldnerInnen haben Aktionspunkte (abhängig von ihren Fähigkeiten, Stats, ihrer Müdigkeit,…), die sie pro Runde verbraten können. Das wirft die Taktik-Mühle im Gehirn an: Soll ich Igor lieber noch drei Schritt weiter vorschicken und dann dafür weniger Punkte in den Schuss investieren? Nein, besser ist es, wenn er sich duckt und mehr Punkte in den Schuss verbrät – dann wird der noch genauer.

Überlegungen wie diese sind stark davon abhängig, welche Söldner ihr euch leisten konntet: Die weit über 40 unterschiedlichen Heroen sind mal schwache Schützen, mal stark. Mal erfahrener, mal grün hinter den Ohren. Mal agil wie eine Katze und somit bewegungsfreudig, mal grazil wie eine Antilope, an der zwei Löwen und vier Hyänen dranhängen. Noch dazu mögen die einen Nachteinsätze, die anderen kämpfen lieber am Tag – für welche Zeit entscheidet ihr euch also für den Angriff?

Rundenbasiertes Blut: Wenn ihr mal durchschaut habt, wie ihr eure Punkte einteilen müsst, werdet ihr Spielchen mit den Gegnern spielen. //Bildrechte bei wikipedia.com

Rundenbasiertes Blut: Wenn ihr mal durchschaut habt, wie ihr eure Punkte einteilen müsst, werdet ihr Spielchen mit den Gegnern spielen. //Bildrechte bei wikipedia.com

Und überhaupt: Wo wollt ihr denn angreifen? Soll der Marsch direkt auf Meduna gehen – wohlwissend, dass man dort hoffnungslos untertrainiert und mies ausgerüstet ankommt? Oder soll sich die Mission über alle Städte von Arulco ziehen, was schon mal ewig dauern kann (nettes Späßchen: Immer, wenn ihr zu lange nichts macht, schreibt euer Auftraggeber eine Mail, warum denn diese Revolution so lange dauert), aber dafür Geld in Form von eingenommenen Goldminen und Ausrüstung einbringt.

Eure Entscheidung.

16 Jahre später

Kollege Amon hat ja vor einiger Zeit darüber geschrieben, dass er Jagged Alliance: Deadly Games für sich und Freunde auf GOG.com gekauft hat. Mir ging es nun ähnlich mit Jagged Alliance 2 – mit dem feinen Unterschied, dass ich das Spiel die letzten Jahre über immer wieder hinter dem Kasten hervorgekramt und fast alle zwei Jahre gespielt habe. Dass es nun auf GOG.com DRM-frei und mit neuen Systemen kompatibel erschienen ist, hat mich absurd gefreut. Nicht nur, weil ich so (mal wieder) die Welt von der unangenehmen Deidranna befreien konnte, sondern auch, weil dadurch vielleicht eine ganz neue Generation von Gamern diese absolute Perle der Videospielgeschichte erleben kann – und versteht, warum Grafik nicht immer alles ist, was detailverliebtes Spieldesign ist und warum ich auch bei Call of Duty immer noch gerne Gegner mit „Yo, snapperhead!“ begrüße.

Manche Gewohnheiten wird man halt nie mehr los, im Fall von Jagged Alliance 2 bin ich äußerst dankbar dafür.

Written by: Alexander Schuh

Kaffeemaschinenbelagerer Und auf einmal bin ich wieder mittendrin. Eingestiegen in diese Branche ungefähr zwei Jahre vor dem Ende des großen C, hatte ich schnell einen Narren an den Irrungen, Wirrungen und Spaßungen gefressen, die das Erstellen von interessantem Content für Leser so bieten. Umso bitterer, als die Zeit dort endete und mich zurück ins Studium trieb. Nach dem ging´s dann den “klassischen” Weg mit seriösem Job entlang – was aber auf die Dauer auch nicht reicht, wenn man einen ganzen Affenzirkus im Kopf hat, den man gerne auch mal entlüften würde. Deswegen gibt´s diese Seite mit dieser Nase und denen links und rechts von hier. Feedback gerne unter schuh@continue-magazin.at oder über Twitter.