Der Tod der Genres

Früher war man als Genre-Fan gut bedient. Die Highlights hat man gespielt, die Lowlights hat man gekannt. Heute ist die Vielfalt so groß wie nie und trotzdem hat sich alles verändert. Ein Hilferuf.

Ich war in den 1990ern sowohl Beat’em-Up- als auch Fußballfan. Ich möchte nicht angeben, aber ich habe in rund 15 Jahren wohl alle Genrevertreter gespielt, die man spielen musste/konnte/wollte. Im Fußballgenre gab es Kick-Off, Sensible Soccer, Microprose Soccer, This is Football, Striker, Emlyn Hughes International Soccer, International Superstar Soccer usw. Bei den Beat’em-Ups gab es Street Fighter, Virtual Fighter, Tekken, Soul Calibur, King of Fighters, Samurai Shodown und dann im erweitereten Bereich meine geliebten Sidescroller wie Double Dragon, Final Fight, Vendetta, Turtles usw.

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Emlyn Hughes International Soccer war eines jener Fußballgames, die ich auch sehr lange gespielt habe.

Ich möchte nicht jetzt auch in den mir weniger bekannten Genres wie Rennspielen, Jump’n-Runs oder Flugsimulationen anfangen, aber es war schon eine gute Zeit als Fan einer bestimmten Richtung. Warum? Weil jede Inkarnation auch einen interessanten Aspekt hatte und es gar nicht so viele 90% Spiele gab. Man MUSSTE auch mal eine 70% Variante nehmen, die man dann aus irgendeinem Grund auch irgendwie ins Herz schließen konnte. Außer World Heroes vielleicht, das war immer schlecht.

Und heute? Heute ist man Fan vom Mainstream oder von Indie-Games. Widmen wir uns kurz dem Mainstream. Klar gibt es noch Shooter, Rennspiele, Jump’n’Runs und Fußballspiele, aber in einer minimalen Vielfalt, meist mit zwei Marken, die den Markt dominieren und maximal zwei abgeschlagenen Wannabes. Und dann gibt es noch Action-Adventures und Rollenspiele. Das ist eigentlich alles, was so zwischen den großen Shooter-Marken Halo, Call of Duty und FarCry auf den Markt kommt. Uncharted, Assassin’s Creed, Batman, God of War, Schatten von Mordor, The Witcher, Dragon Age, Zelda, The Elder Scrolls und hoffentlich bald wieder Fallout. Irgendwie ist keines der Spiele mehr richtig Rollenspiel, weil die Action meist über lange Dialogboxen siegt und bei den Action-Games kann man mittlerweile auch riesige Welten erkunden und seinen Charakter regelmäßig mit neuen Fähigkeiten bestücken.

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Wahrscheinlich ist Ocarina of Time daran schuld, dass eine ganze Generation von Entwicklern „Action-Adventures“ machen wollte.

Der Mainstream ist geprägt von epischen Geschichten und einer tollen Inszenierung. Genregrenzen verschwimmen. Prügeln, klettern, reiten, erkunden, aufleveln. Alles immer ein wenig anders verteilt, aber im Grunde doch sehr ähnlich.

Und die Indie-Games? Da gibt es noch alles. Die Genres sind etwas abgesteckter, weil man sich oft an alten Klassikern orientiert. Auch optisch. Pixel ole. Altert bekanntlich auch langsamer als Polygongebilde. Muss man also Indies spielen, um noch Fan eines Genres sein zu können? Schwierig, weil die Auswahl an Fußballspielen, Racern und anderen „Mainstream“-Genres auch eher gering ist. Springen, schießen und Rätsel lösen sind hier die Maximen. Inklusive wachsender Klonarmee.

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Einer der Indie-Hits der letzten Jahre: Spelunky.

 

Was das produziert sind Generalisten. Keiner will mehr besonders gut in einem Genre sein, jeder will die Tophits spielen und davon kommt laut Marketingabteilung alle zwei Wochen mindestens einer. Das ist keineswegs etwas Schlechtes. So spielen wir trotz großer Vielfalt zwar meist die selben Games, schließlich wird darüber in den Foren am meisten geplaudert, dafür sind diese qualitativ praktisch immer im oberen Fünftel angesiedelt, was uns dann maximal über uneingehaltene Versprechungen oder doofe Download-Politik diskutieren lässt, nicht aber etwa über richtig schlechtes Gameplay oder einfach ein wirklich mieses Spiel. Die gibt es nämlich kaum noch. Vielleicht weil es die einzelnen Mini-Genres gar nicht mehr erlauben. Wer weiß.

Written by: Alexander Amon

Motivator Ich bin seit ca. 12 Jahren redaktionell mit Videospielen verbunden und war zuletzt Chefredakteur des Fachmagazins für Computer- und Videospiele consol.AT und ihren deutsch-schweizerischen Ableger consolPLUS. Aktuell bin ich PR Manager beim Spieleentwickler Sproing, gebe auf dieser Website allerdings nur meinen privaten Senf zur allgemeinen Situation ab. CONTINUE betreue ich redaktionell und emotional, diene in vielen Punkten als Ansprechpartner und Koordinator. Bei Fragen und/oder Anmerkungen schreiben Sie mir doch einfach an amon@continue-magazin.at. Besten Dank und bis bald.