Deine Nacht über Glass City

Wie bringt man einen Freerunner kurz vor den freudigen Nervenzusammenbruch? Man gibt ihm endlich sein Freerunning-Spiel wieder. Danke, EA.

Ich denke zurück ans Jahr 2009. Ich war ein frisch gebackener Besitzer einer PlayStation 3, die ich von meinem ersten Gehalt als Zivildiener gekauft hatte – inklusive dem damals genial erscheinenden MotorStorm und natürlich Guitar Hero 3 (ey, ich bin eine alte Rocksau!). Dass sich der entsprechende Fernseher erst mit dem zweiten (und dritten, immerhin will man auch essen) Gehalt ausgehen würde, machte das Spielen auf einem schokoladentafelgroßen Röhrenfernseher zwar zu einem Augenkrebserlebnis, aber hey, endlich in der Zukunft angelangt! Vom Restbudget ging sich dann doch auch noch ein drittes Spiel aus. Irgendwas Komisches mit starken Farbkontrasten, einer Asiatin als Protagonistin und HOLY FUCK DARF ICH DA WIRKLICH PARKOUR BETREIBEN?!

Fliegen, ohne zu landen.

Hierzu sollte man anmerken: Ich betreibe seit ungefähr 2008 mal mehr, mal weniger aktiv Parkour und Freerunning, schimpfe mich also selbst einen Traceur. Wie bei ungefähr 95 % der Traceure bleibt es für mich aber ein Hobby, weswegen ich mir großartige Risiken mit eventuellen Verletzungen eher spare – man muss ja noch Geld verdienen. Sorry, Gehirn, kein auf Hochhausdächern herumturnen. Keine surrealen Flow-Linien quer durch Baustellen. Sad panda face. Doch mit Mirror’s Edge konnte ich diese Träume des Eins-seins mit der urbanen Umgebung ohne großes Risiko endlich wahr werden lassen – netterweise auch noch in der Ego-Perspektive, um voll eintauchen zu können. Die Entwickler von DICE verstanden es auch, Faith, der Protagonistin, ein entsprechendes Körpergefühl zu vermitteln. Ja klar tat man da Sachen, die in der Realität vielleicht nicht ganz genau so möglich wären – aber sie waren immer knapp dran.

Dass man dann auch noch kameratechnisch Innovationen verfolgte – shaky cam beim Laufen war damals noch relativ neu, und die korrekte Perspektive beim Abrollen nach harten Landungen feiere ich immer noch -, machte den Kuchen nur noch schmackhafter. Der Zuckerguss auf dem sportlichen Gebäck war dann noch eine ziemlich ansprechend geschriebene Story, die aus der Feder von Rhianna Pratchett geflossen war. Mit ein Grund, warum ich übrigens bisher jedem Spiel, an dem die Dame beteiligt war, zumindest eine Chance gegeben habe, mich noch einmal so zu verzaubern. Okay, das Kampfsystem war relativ wurstig und fühlte sich nicht richtig an, aber darum ging es auch nicht. Nur dieses Gefühl vom Fliegen.

Schlagkräftig. Interessant. Schnell. Eine Traceurin, wie man sie spielen will. //Bildrechte bei DICE / Eletronic Arts

Schlagkräftig. Interessant. Schnell. Eine Traceurin, wie man sie spielen will. //Bildrechte bei DICE / Eletronic Arts

Rennen, ohne zu stoppen.

Man kann sich also vorstellen, dass ich seit diesem quasi-religiösen Erlebnis eine in brennenden Neon-Lettern geschriebene Frage in meinem Kopf hatte: Wann, oh wann werde ich mit einem zweiten Teil beschenkt? Wann erlöst mich DICE aus der künstlich auferlegten scheinbaren Starre, die all die anderen Spielcharaktere ergriffen hat? Diese lahmen Ärsche – die können mich alle nicht zufrieden stellen. Und dann, ja dann wurden meine atheistischen Gebete erhört: Bei der letztjährigen E3 wurde erstmals bestätigt, dass Faith ein weiteres Abenteuer erleben darf. Dann wieder Stille.

Quälende Stille.

Lähmende Stille.

Bis jetzt – denn wieder hat mich die E3 beschenkt. Diesmal mit einem Gameplay-Trailer sowie einem Releasedatum zum jetzt Mirror’s Edge Catalyst benannten Spiel. Am 25. Februar 2016 werde ich also wieder mit der Liebe meines Spiele-Lebens vereint. Ich kann wieder laufen! Aber anders als beim letzten Mal.

Kämpfen, ohne zu schießen.

DICE ist nämlich schlau und nutzt die Power, welche die neuen Konsolen (und natürlich der PC) mit sich bringen, gekonnt aus. Das bringt mir als Spieler das, wovon ich geträumt habe, ohne es zu wissen: Eine offene Stadt. Glass City wird mir und Faith zu Füßen liegen, wenn wir von einem Ende zum anderen laufen, Hindernisse überwinden, Häuserschluchten lachend hinter uns lassen und Luftschächte mit einem Lazy Vault überspringen. Dass uns dabei auch wieder die böse Regierung am Erfüllen unserer Missionen hindern will – geschenkt. Denn obwohl mich eine jüngere Version von Faith begleitet, ist sie durchaus wehrhaft und teilt auch saftig aus. Die große Überraschung dabei: Die Waffen ihrer mit dem KO beschenkten Gegner hebt sie nicht mehr auf. Ein Glück, denn die Waffen waren mit das Nervigste an Teil 1. Stattdessen ist Faith eine professionelle Nahkämpferin, was sich gut mit ihrer Geschwindigkeit versteht. Ist sie schnell genug (durch meine Akrobatik am Pad), dann können nicht mal Kugeln ihr etwas anhaben. Ach DICE, ihr habt verstanden, worauf es in diesem Spiel ankommt.

Glass City liegt Faith zu Füßen. Und ich liege zu ihren Füßen. //Bildrechte bei DICE / Electronic Arts

Glass City liegt Faith zu Füßen. Ich ebenso. //Bildrechte bei DICE / Electronic Arts

 

Ich könnte hier noch einen halben Roman liefern. Wie Mirror’s Edge eine gekonnte, aktuelle Adaptierung von Orwell’schen Vorlagen ist, zum Beispiel. Oder warum es für Entwickler auch wichtig ist, vermeintliche Nischenprodukte durchzuziehen und vielleicht nicht zehn, sondern „nur“ zwei Millionen Stück zu verkaufen. Geschenkt. Die Essenz ist: Mirror’s Edge Catalyst ist für mich vielleicht das beste Spiel der E3. Es ist zumindest das Spiel, das zwei meiner größten Leidenschaften gekonnt miteinander verwebt, bis ich einfach blöd lächelnd in meiner Couch versinken will. Und wenn dann 2016 auch noch die Oculus Rift ihren großen Auftritt hat, wird das ein Day-One-Kombokauf vom feinsten. Wen ich dabei vor lauter Motion Sickness im Viereck kotze, so soll es diese Liebe wert gewesen sein.

Written by: Alexander Schuh

Kaffeemaschinenbelagerer Und auf einmal bin ich wieder mittendrin. Eingestiegen in diese Branche ungefähr zwei Jahre vor dem Ende des großen C, hatte ich schnell einen Narren an den Irrungen, Wirrungen und Spaßungen gefressen, die das Erstellen von interessantem Content für Leser so bieten. Umso bitterer, als die Zeit dort endete und mich zurück ins Studium trieb. Nach dem ging´s dann den “klassischen” Weg mit seriösem Job entlang – was aber auf die Dauer auch nicht reicht, wenn man einen ganzen Affenzirkus im Kopf hat, den man gerne auch mal entlüften würde. Deswegen gibt´s diese Seite mit dieser Nase und denen links und rechts von hier. Feedback gerne unter schuh@continue-magazin.at oder über Twitter.