Schnapsen für Fortgeschrittene

GWINT schafft den Sprung in die Realität: Das aus The Witcher 3 bekannte Kartenspiel ist nun auch physisch der breiten Masse zugänglich. Möglich macht’s die Verkaufsversion von Hearts of Stone – exklusiv für PC und PS4. 

Vorbei ist das Herunterladen und Ausdrucken der Karten oder der tiefe Griff in die Geldbörse, um an die Sets der vergriffenen Xbox One Collector’s Edition zu kommen. Ebenso gehört der Ausstattungs-Fehltritt der Geschichte an.

Damals war ich von CD Projekt RED und ihrer Entscheidung, Xbox One-Spielern ein Extra zu spendieren, schwer schockiert. Eine plattform-exklusive Dreingabe – ganz und gar nicht der Stil der Polen, dafür sind andere bekannt und zurecht verhasst. Ich hakte es als kleinen Schandfleck auf der sonst weißen Weste des Entwicklers ab und belächelte diese paar Kärtchen:„Wer braucht die schon?“ An diese Worte erinnerte ich mich nur zu gut, als mich das GWINT-Fieber packte…

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Ciri retten? Nee, erstmal Karten spielen!

Kaum startete das dritte Abenteuer rund um Hexer Geralt, schon hing ich in den Wirtshäusern des Landes herum und hatte nichts besseres zu tun als GWINT zu spielen. Ich ritt durch Städte und Dörfer, spielte unzählige Hände, erhöhte Einsätze und nahm Kaufleuten händeringend Nachschub ab. Die Anzahl der Spielkarten ist riesig und teilt sich auf vier Sets auf, jedes davon im Witcher-Universum angesiedelt.

Angespornt durch verknüpfte Quests, immer bessere Karten und legendäre Charaktere, Artworks und Beschreibungen, nahm das Schicksal seinen Lauf und ich verbrachte nicht selten meine Spielsession überwiegend mit diesem Ingame-Minispiel.

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Pack die Karten auf den Tisch

Nun aber zu den Kärtchen, die jetzt auch mein reales Leben erobern wollen. Der hochgeschobene Pappschuber offenbart eine mit Witcher-Emblem versehene Aufbewahrungsbox, darin befinden sich neben einer Anleitung, kleineren Spielelementen und einer Punktetabelle, natürlich auch die zwei Kartensets der Scoia’tael und der Monster. Die verbleibenden zwei, Nördliche Königreiche und Nilfgaard, lagen der Xbox One CE bei und werden nicht nur von mir schmerzlich vermisst. Als Dreingabe für die zweite Erweiterung bitte vormerken, CD Projekt RED!

Aus ihrem Plastikgewand befreit, verliere ich mich in den Artworks der 154 Karten. Die Charaktere sind gut in Szene gesetzt und mit einigen Details versehen. Darunter finde ich auch etliche, die zwar nicht in den Spielen, dafür aber in den Büchern vorkommen – Balsam für den Lore-Fan. Die Karten lassen sich angenehm halten und mischen, wirken wertig, sauber verarbeitet und die Druckqualität lässt keine Wünsche offen.

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Deck bauen und draufhauen

Doch einfach loslegen ist nicht, denn wie schon im Spiel selbst, muss ich mir nach vordefinierten Regeln ein Deck zusammenstellen. Mindestens 22 Einheitenkarten inklusive der Heldenkarten, maximal 10 Sonderkarten und eine Anführerkarte sind dafür notwendig. Je nach Fraktion und den damit einhergehenden Fähigkeiten sollten sie behutsam ausgewählt werden.

Einmal erledigt und idealerweise die Anleitung durchgelesen, kann es auch schon losgehen. Das Deck wird gemischt und 10 Karten werden gezogen, die für diese Partien eure Hand bilden. Aber was langweile ich euch GWINT-Experten überhaupt? Jeder, der im Spiel ein paar Partien bestritten hat, kennt den Ablauf.

Um Neulinge nicht zu vergraulen, liegt jedem Set eine Übersichtskarte bei, die sämtliche Aktionen der Sonderkarten und Fähigkeiten der Einheitenkarten auflistet. Während meiner Matches erwies sie sich als äußerst hilfreich, sie ist schnell einsehbar und schafft Unklarheiten aus dem Weg.

Es hat sich außerdem gezeigt, dass je mehr Sonderkarten ihr in eurem Deck verstaut habt, die Partien sich umso wendungsreicher und unterhaltsamer gestaltet haben. Da sie für den Deckbau nur optional sind, solltet ihr am besten die Regeln nach eigenen Ermessen verfeinern, denn die taktische Finesse des Spiels macht erst den ganzen Reiz aus!

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Nachteile der Umsetzung

Nach wie vor kann ich mich nicht mit dem fehlenden „Spielbrett“ anfreunden. Was im Spiel optisch hervorragend gestaltet ist und einem Holzspielfeld ähnelt, ist hier nur noch pure Gedankenkraft. So muss ich mir die drei Reihen für die Einheitenkarten zunächst vorstellen, ehe sie gefüllt werden. Und das Ganze braucht auch noch einiges an Platz, da mein menschliches Gegenüber ja wirklich mitspielt und auch noch eine weitere Reihe für die Wettereffekte gedacht ist. Diese Umstände kratzen am ursprünglichen Feeling des Spiels, gerieten aber nach einigen Runden in Vergessenheit.

Etwas, das ebenfalls schnell vergessen wird, ist das Punktezählen. Die dafür gedachten Spielelemente blieben während der Partien ungenutzt. Ich kommunizierte lieber direkt mit meinem Gegenüber, wog meine Hand ab, entschied für Angriff oder Passen.

Ein weniger zu verschmerzendes Detail ist die Fülle an Karten, die einem direkt vor Spielbeginn zu Verfügung steht. So sind etwa 40 oder gar mehr Karten aufgrund ihres schwachen Stärkewertes direkt uninteressant. Im Spiel selbst musste ich mir stärkere Karten erspielen und erkaufen, wobei hier Geralt und Ciri sofort einen Stammplatz in meinem Deck einnehmen.

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Fazit

Eine geglückte Kartenspiel-Adaption, die optisch einiges her macht, aber durch eingeschränkte Inszenierung spielerisch Einbußen verzeichnet. GWINT füllt keine Abende aus, ist aber für den kurzen Zeitvertreib durchaus spaßig und in einer Witcher-Sammlung ohnehin nicht wegzudenken.

Written by: Christoph Liedtke

Luftpolsterzerdrücker Vor über 20 Jahren entstand die Liebe zu Videospielen – SNES sei Dank. Es dauerte einige Zeit, bis ich auch der Hardware verfallen war. Nach Jahren der nerdigen Bildung mit diversen Spiele- und Technikmagazinen, entschloss ich mich 2012 erstmals über meine Passion zu schreiben. Es folgte ein Blog, ein Volontariat bei consol.AT sowie Gamers.at und derzeit schreibe ich als freier Redakteur für E-MEDIA. Um die Zeit neben Artikeln, Studium, Freundin und Hündin noch weiter zu dezimieren, entstand parallel unser Projekt namens CONTINUE, denn Videospiele und Technik dürfen niemals zu kurz kommen! Fragen, Anregungen, Feedback oder harsche Kritik bitte an: liedtke@continue-magazin.at Danke für’s Lesen und auf bald.