Darf ich mich noch freuen?

In einer Zeit von Vorbesteller-Irrsinn, Mogel-Games-Packungen und total verbuggten Releases ist es schwer, noch ehrlich Vorfreude zu empfinden. Und dennoch freue ich mich auf Assassin’s Creed Syndicate. Eine Verteidigung in fünf Akten.

Habt ihr auch das Gefühl, dass die Welt der Games immer mehr an den Rand des Wahnsinns schrammt? Wir sind mittlerweile so weit, dass man großen Unternehmen – die diese Art der Vorfinanzierung nicht notwendig haben, ganz anders als Kickstarter-Unternehmer – im Voraus viel Geld in den Rachen wirft, für ein Spiel, das auch so produziert werden würde. Das nennen wir dann Vorbestellung und wir freuen uns, dass wir auf Facebook sharen dürfen, dass wir am Release-Tag die theoretisch Ersten sind, die das neue Ding zocken. Also … theoretisch. Wenn es nicht aussieht wie das uneheliche Bastard-Kind von Satan und Saddam Hussein und sich spielt wie ein rostiger Nagel unter dem Daumennagel. Aber hey, wir machen das, weil wir noch ehrliche Vorfreude auf Spiele haben, bei denen wir uns sicher sind, dass sie gut werden. Und darum soll es auch gehen, nicht um die Vorbesteller-Idee (sorry, die lag mir nur gerade im Hirn herum; ich versteh’s einfach nicht).

So schön, so wunderschön ... auch das kann passieren, wenn man vorbestellt. //Bildrechte bei gamespot.com

So schön, so wunderschön … auch das kann passieren, wenn man vorbestellt. //Bildrechte bei gamespot.com

Denn egal, wie sehr manche seiner Vorgänger in genau die oben beschriebene Kategorie fielen – ich denke an 3 und Unity, die auch im Rückblick keinen Platz in meinem Herzen bekommen -, so freue ich paradoxerweise doch sehr auf Assassin’s Creed Syndicate. Nein, nicht genug, um es vorzubestellen, aber doch mindestens genau so sehr wie auf Call of Duty Black Ops 3 – und nachdem ich ein AAA-Opfer bin, weiß man auch, dass das eine große Vorfreude ist.

Da ich aber doch eine gewisse Art von Rest-Anstand besitze, werde ich diese irrationale Vorfreude nun in fünf Akten verteidigen. Akte deswegen, weil wir hier über AC reden und das immer in Akte eingeteilt war und weil „Listen“ eh schon jeder macht. Deswegen Akte. Cool? Cool. Geht los.

1. London

Ich gebe es zu: Ich bin ein Anglophiler. Filme und Serien werden auf Englisch geschaut, Games auf Englisch gezockt, hin und wieder wird mit der Freundin auch zum Spaß mal einen Abend lang Englisch geredet. Darüber hinaus bin ich ein Fan von allem, was britisch angehaucht ist – die Insel besitzt nun mal einen eigenen Charme (und viele lustige Akzente – guckt mal Filme von Guy Ritchie im Originalton!). Dass die Serie, die mich nun doch schon seit acht Jahren durch mein Leben begleitet, endlich ihren ordentlichen Platz im dreckigen Zentrum der Viktorianischen Welt einnimmt, stimmt mich schon mal äußerst positiv. Whitechapel, Westminster, Buckingham – sie alle will ich besuchen.

2. Hit me harder

Jeder, der jemals eines der vergangenen Assassin’s Creed-Spiele gezockt hat, weiß: Es ist die ultimative Zugänglichkeitswaffe. Alles wird mindestens fünf Mal erklärt, hunderte Marker zeigen jedes Detail im Voraus an, und Kämpfe sind ein Witz. Ich erinnere mich an einen Platz in Akkon (damals, in Teil 1), den ich buchstäblich mit den Leichen von Gegnern neu gepflastert habe. Ich alleine. Mit dem schlechtesten Dolch im Spiel. Das kann nicht im Sinne des Erfinders sein – und deswegen scheint Ubisoft (auch nach den Ersteindrücken von Testspielern) ordentlich an dieser Schraube gedreht zu haben. Gerade mit Evie scheint jede Menge über zwei Gegnern ein veritables Problem zu sein, was endlich auch zum Titel des Spiels passt. Assassin, nicht Massenmörder.

Wie, die schlagen jetzt hart zurück? Dann springe ich ihnen  doch lieber auf den Kopf. //Bildrechte bei Ubisoft

Wie, die schlagen jetzt hart zurück? Dann springe ich ihnen doch lieber auf den Kopf. //Bildrechte bei Ubisoft

3. Spielstile

Gerade schon angeteased: Syndicate scheint prinzipiell in zwei sehr unterschiedlichen Stilen bezwingbar zu sein. Nachdem es zwei Hauptcharaktere gibt – ein Geschwisterpaar namens Evie und Jacob Frye -, wurde hier die Gelegenheit ergriffen, um Abwechslung reinzubringen. Jacob wird als der Haudrauf beworben, der mehr einsteckt, stärker austeilt und für den offensiven Spieler interessanter ist. Evie hingegen ist leise, schleicht eher direkt zum Ziel und beseitigt dieses unauffällig. Der Clou: Man soll in fast jeder Situation zwischen den beiden Charakteren wechseln können, wie es auch in GTA V möglich war. Kompletter Stilwechsel mittendrin? Ja bitte.

4. My dear lady

Passend dazu: _Endlich_ gibt es einen interessanten weiblichen Charakter in diesen Spielen, und ich darf auch noch in ihre Rolle schlüpfen. Nicht falsch verstehen: Ich zieh‘ mir am Wochenende keine Damenunterwäsche an, aber es war höchste Zeit, dass auch mal bei der Charakterauswahl ein bisschen sexuelle Diversität an den Tag kommt. Außerdem scheint mir nach allen Trailern und Gameplay-Szenen bisher Evie einfach die interessantere Person aus dem Geschwisterpaar zu sein: Jacob ist das junge Großmaul, das ordentlich austeilen kann – schon zu oft gesehen, danke, brauch ich nicht mehr. Evie? Was kann sie, wer ist sie, wie tickt sie? Bitte mehr von solchen Charakteren!

Die schleichende Dame wird mich wohl den Großteil der Spielzeit fesseln. Nein, nicht so! // Bildrechte bei vg247.com

Die schleichende Dame wird mich wohl den Großteil der Spielzeit fesseln. Nein, nicht so! // Bildrechte bei vg247.com

5. Frischer Wind

Ich bin ein Verfechter von Parkour und Klettern. Ich betreibe diese Sportarten und finde es großartig, wenn ich sie in der kompletten Sicherheit und Gemütlichkeit meiner vier Wände auch drinnen ausüben kann. Doch im mittleweile neunten Teil der AC-Saga wäre mir die reine Herumkletterei wohl auch schon ein bisschen zu überholt vorgekommen. Glücklicherweise sind wir im Viktorianischen Zeitalter, und mit der Entwicklung diverser Dampfmaschinen kann man auch schon kleinere Gadgets unterbringen, die die Bewegungsweise unserer Charaktere stark durchwirbeln: Der Grappling Hook verhilft zu schnellen Aufstiegen auf Gebäude und Gebilde, außerdem kann er auch für schnelles Manövrieren von Dach zu Dach verwendet werden. Des weiteren werden auch Pferdekutschen kaper- und fahrbar sein, damit die Bewegung durch London nicht ganz so lange dauert. Hü hott!

Hoch den Arm und hoch auf's Dach; klettern war noch nie so schnell. //Bildrechte bei Ubisoft

Hoch den Arm und hoch auf’s Dach; Klettern war noch nie so schnell. //Bildrechte bei Ubisoft

Schmeißt diese Zutaten zusammen, mixt noch ein wenig verrückte Zeitreise-Irgendwas-Weltuntergangs-Geschwurbel mit hinein, und fertig ist ein gutes Assassin’s Creed. Und weil es so aussieht, als würden dieser Games-Kuchen dieses Jahr gut aufgehen, werde ich mich weiterhin drauf freuen. Sind ja auch nur mehr ein paar Wochen.

Written by: Alexander Schuh

Kaffeemaschinenbelagerer Und auf einmal bin ich wieder mittendrin. Eingestiegen in diese Branche ungefähr zwei Jahre vor dem Ende des großen C, hatte ich schnell einen Narren an den Irrungen, Wirrungen und Spaßungen gefressen, die das Erstellen von interessantem Content für Leser so bieten. Umso bitterer, als die Zeit dort endete und mich zurück ins Studium trieb. Nach dem ging´s dann den “klassischen” Weg mit seriösem Job entlang – was aber auf die Dauer auch nicht reicht, wenn man einen ganzen Affenzirkus im Kopf hat, den man gerne auch mal entlüften würde. Deswegen gibt´s diese Seite mit dieser Nase und denen links und rechts von hier. Feedback gerne unter schuh@continue-magazin.at oder über Twitter.