Conan Exiles: Das stotternde nackte Überleben

Ein neues Survival Game sagst du? Im Conan-Universum sagst du? Wo muss ich unterschreiben? So ungefähr war meine Reaktion, als ich relativ spät letzten Montag davon gelesen habe, dass Conan Exiles im Early Access live geht. Es folgt der Bericht von der Front.

Nachdem ich die letzten Wochen bzw. eigentlich die Zeit seit Weihnachten mit den Überbleibseln des 2013/14 Survival Game Early Access Hypes verbracht habe (Spielen wie 7 Days to Die, Don’t Starve Together, Stranded Deep, The Forest, H1Z1, Day Z und Konsorten), klang das richtig gut. Zumal ich zum Launch von FunComs Age of Conan damals vier Charaktere direkt auf Max-Level gespielt hatte, bis ich dann, enttäuscht vom fehlenden Endgame, diesem ansonsten sehr interessanten MMO den Rücken gekehrt hatte. Mein Vertrauen in FunCom ist nicht das beste, die Age of Conan Enttäuschung war wirklich groß, und auch mein später Abstecher in die Zombie-Welt von The Secret World vor einem Jahr war nur von kurzer Dauer. Es gibt im Zombie-Survival-Meets-MMO-Genre nur wenige Titel, die ich nicht angespielt habe. Also, Conan Exiles. Ich stehe Vertretern dieses Spiel-Genres von AAA Entwicklern relativ skeptisch gegenüber. Zu nahe liegend ist die Vermutung, dass Big Corporate auf den Indie-Hype aufspringen möchte. Nun ist SOE bzw. jetzt Daybreak Studios mit dem H1Z1-Ableger King of the Hill ein echter Erfolg gelungen, schauen wir mal, wie FunCom das handhabt.

Sex, Gore and Slavery

Die Welt von Conan dem Barbaren war noch nie etwas für Zartbesaitete, sorgte schon Age of Conan mit Blood, Gore und Nacktheit für einen Semi-Skandal in der Spielwelt. Mit einem System, um NPCs zu versklaven und dem Versprechen des Entwicklers, bald Foltermethoden ins Spiel zu implementieren, geht Conan Exiles hier noch einen Schritt weiter. Dieses Spiel ist klar ab 18 Jahren, die Welt von Conan sicher kein Paradebeispiel für Menschen- & Frauenrechte oder kultivierter Kaffeekränzchen. Ich habe mir vorgenommen, mich für eine Weile von soziokulturellen Normen abzuwenden und meine innere Barbarin zu finden. Her mit den Sklaven!

Die Vergehen, die zu meiner Verbannung führten.

Die Vergehen, die zu meiner Verbannung führten.

Never play on Launchday!

Pünktlich am Morgen des Launchtags loggen wir ein und starten ein Koop-Spiel zu zweit. Das Intro macht Lust auf mehr – ist das wirklich Arnies Gesicht? Ich glaube das ist es. Fängt ja gut an. Aus so einer – wie ich mir vorstelle – teuren Lizenz muss man natürlich alles rausholen. In der Charaktererstellung sticht eine Einstellungsmöglichkeit neben Geschlecht, Rasse, Religion und Aussehen meines Avatars sprichwörtlich ins Auge. Ich kann nicht nur bei meinem weiblichen Charakter die Brustgröße einstellen (relativ üblich in Rollenspielen), nein, ich kann bei meinem männlichen Avatar auch die ahem… Gehängelänge, if you know what I mean… einstellen. Für Neulinge in der Conan-Welt vielleicht ein wenig zu viel, für Spieler von Age of Conan nicht weiter überraschend: Nacktheit ist neben dem allgegenwärtig spritzenden Blut ein absoluter Selling-Point des Franchises. In den Einstellungen kann ich festlegen, ob ich volle, halbe oder gar keine Nacktheit haben möchte. Ja, warum nicht (Remember, embracing that inner Barbarian)?

Conan Exiles' Charaktererstellung: Größe ist (nicht) alles.

Conan Exiles‘ Charaktererstellung: Größe ist (nicht) alles.

In den ersten zehn Minuten wird klar, dass das Early-Access-Label nicht gelogen ist. Auch das MMO-Mantra „Never play on Launch-/Patchday“ kommt hier zupass. Das Spiel ist bei mir laggy, die Frames sind im Keller, mein Mitspieler flitzt wie am Gummiband mehrfach an mir vorbei und wird zurückgezogen. Nach drei Minuten im Einzelspieler-/Koop Modus stellen wir fest, dass er sich nicht mehr als ca. 100 Schritte von mir entfernen kann. Wir entscheiden uns, die öffentlichen Server zu probieren. Die nächste Stunde verbringen wir damit, einen Server zu finden, den wir beide in der Serverliste angezeigt bekommen. Wir können die Serverliste vorfiltern: wollen wir spielen, wie vom Entwickler vorgesehen, auf einem Rollenspielserver, PvP oder PvE oder einfach nur casual? Die Server-Suche an sich ist noch ziemlich unbrauchbar, zum Teil bleibt die Liste beim Aktualisieren stecken, was nur mit einem Neustart des Spiels zeitweise behoben werden kann. Irgendwann schaffen wir es dann.

Nun zum Gameplay, hooray!

Wir sind also verbannt. Nach Fertigstellung meines Charakters erfahre ich, warum ich verbannt wurde: unziemliches Verhalten, Wollust und illegales Glücksspiel – fängt ja gut an. Nach der Charaktererstellung werden wir in einer Zwischensequenz von Arnie vom Kreuz geschnitten, der uns anschließend uns selbst überlässt. Danach wachen wir in einer weiten Wüste auf, nur mit zerfallenen Ruinen von Bauten einer vergangenen Zivilisation am Horizont.

Arnie, bist du das?

Arnie, bist du das?

Wir sind nackt, haben nichts bei uns. In der Nähe finden wir einen Trinkschlauch und eine Notiz: ein anderer Verbannter hat hier wohl aufgegeben. Wir sollen der Straße folgen. OK. Und dann geht es relativ typisch los: Schnell finden wir heraus, dass wir Steine, Äste und Gräser aufheben, sowie Maden von den Büschen für eine eher unbefriedigende Mahlzeit klauben können. Aus Steinen und Ästen fertigen wir uns eine behelfsmäßige Axt und Spitzhacke. Auf der Straße finden wir schnell einen weiteren Toten, der gerade von einem gargoyleartigen Wesen ausgeweidet wird – Yogseidank haut es ab, als es uns entdeckt. Phew… (Ja, natürlich habe ich den Kannibalengott ausgewählt, wenn schon, denn schon).

Der hat mehr Angst vor uns als wir vor ihm. Trotzdem erschreckt :)

Der hat mehr Angst vor uns als wir vor ihm. Trotzdem erschreckt 🙂

Endlich, eine Oase! Die Wasservorräte sind schon zur Neige gegangen, und mit einem letzten Energieschub sprinten wir auf den Fluss zu. Um prompt von einem Imp – oder was auch immer dieses abgrundtief hässliche Viech mit Minischniepel darstellen soll – angegriffen werden. Wer jetzt stirbt, und zwischenzeitlich keine Schlafmatte gecraftet und platziert hat, startet beim Tod wieder in der Wüste. Schnell erfahren wir, dass am Fluss noch weitaus größere Gefahren lauern in Form von Krokodilen und ziemlich robusten Schildkröten-Wesen, die es gar nicht mögen, wenn wir ihre Eier aus dem Nest holen.

Mit rechtem Haken gegen Imps. It wasn't very effective.

Mit rechtem Haken gegen Imps. It wasn’t very effective.

Schaffe, schaffe, Häusle baue

So, Schlafmatte, nun ein Lagerfeuer, für das wir sagenhafte 50(!!) Äste benötigen. Ist dies etwa ein Indikator für unendlichen Grind? Schnell wird klar: Für den Bau unseres trauten Heims müssen wir Unmengen an Rohstoffen farmen. Jetzt wird klarer, was die verschiedenen Server“labels“ zu Beginn bedeuten: Sind die Bedingungen hart, sind die Lootraten erhöht, werden wir schneller hungrig und durstig? Abgesehen von den benötigten Rohstoffmengen macht das Bauen richtig Spaß. FunCom nennt es „Freeform-Building“, so ganz freeform ist es nicht, die einzelnen Teile klicken zusammen, manchmal ist das System noch ziemlich glitchy, Dachteile zu platzieren ist ein Albtraum. Wir beginnen mit Sandsteinfundamenten, die wir nicht nur auf den Boden, sondern auch ins Wasser oder an die Felsflanke platzieren können. Am Felsen hinaufbauen, das klingt super!

Unser erster verfügbarer Baustoff ist Sandstein.

Unser erster verfügbarer Baustoff ist Sandstein.

Trotz einiger Bugs und Glitches ist das Bausystem vielversprechend. Parallelen zum Genre-Primus ARK sind hier sowie im Craftingsystem, und überhaupt an allen Ecken und Enden des Spiels nicht abzustreiten. Können wir die Startgegenstände noch aus dem Inventar craften, benötigen wir für fortgeschrittenere Ausrüstungen und Strukturen die passenden Werkbänke, die in ihrer Herstellung wieder sehr viele Rohstoffe benötigen. Nervig: Haben wir ein Bauteil oder Einrichtungsstück falsch platziert, können wir es nicht aufheben und versetzen, sondern müssen es zerstören, wobei wir nur einen Bruchteil der verwendeten Rohstoffe zurückerhalten. Bei Bauteilen noch einigermaßen nachvollziehbar, sollte dies bei Gegenständen wie Tischen und Stühlen geändert werden.

Je höher im Level wir aufsteigen, desto mehr Rezepte können wir freischalten.

Je höher im Level wir aufsteigen, desto mehr Rezepte können wir freischalten.

Hausangestellte nach Conanart

Ein vielbeworbenes Feature in Conan Exiles ist das sogenannte „Thrall“ (=Leibeigenen) System. Spieler können NPCs (keine anderen Spieler) versklaven und zur Bewachung ihrer Festung sowie zur Arbeit an Craftingstationen einsetzen. Je höher das Level der NPCs, desto effektiver sind sie bei der Verrichtung der ihnen zugewiesenen Arbeiten.

Erst ausknocken, dann abschleppen.

Erst ausknocken, dann abschleppen.

Bei der Sklavenhaltung wird in Conan Exiles nicht lange gefackelt. Ein Camp ausfindig machen, Knüppel auf den Kopf und schon haben wir ein neues „Familienmitglied“. Nachdem wir einen NPC k.o. geschlagen und zu unserem Haus geschleift haben, müssen wir im „Rad des Schmerzens“ erst seinen Willen brechen, bevor wir ihn als loyalen Haussklaven halten können.

Im Rad des Schmerzens "brechen" wir eingefangene Sklaven.

Im Rad des Schmerzens „brechen“ wir eingefangene Sklaven.

Ist ein Sklave erst einmal gebrochen, so können wir ihn beliebig aus dem Inventar in unserem Haus und in der Welt platzieren, wo sie fortan ihrer Aufgabe nachgehen, ohne aufzumucken. Vorsicht: Sklaven greifen auch auf PvE Servern Spieler anderer Clans an.

Kampf im PvPvE

In Conan Exiles ist man nicht nur im Konflikt mit dem steten Hunger und Durst und den diversen Monstern und NPC Gegnern, sondern auf PvP Servern auch mit seinen Mitspielern. Der Entwickler verspricht epische Schlachten verschiedener Clans gegeneinander, mit Belagerungswaffen, Sprengstoffen und so weiter. Das schön gebaute Haus soll nie von Dauer sein, marodierende Spielergruppen stellen eine ernste Gefahr dar. Die Belagerungswaffen sind noch nicht im Spiel, aber für eines der nächsten Content-Updates angesagt. Das Kampfsystem macht bisher noch einen sehr unfertigen Eindruck. Mal von den allgegenwärtigen Lags abgesehen, treffen uns Gegner auch dann noch, wenn wir schon längst aus dem Weg gesprungen sind. Bogenschießen ist eine Herausforderung, da das Zielsystem schwerfällig und unausgegoren wirkt. Derzeit ist man mit Nahkampf weitaus besser dran.

Diese NPCs beten zwar den selben Kannibalengott wie ich an, aber Loot ist Loot.

Diese NPCs beten zwar den selben Kannibalengott wie ich an, aber Loot ist Loot.

Vorläufiges Fazit und Ausblick

Nach anderthalb Wochen Spielzeit seit Beginn der Early Access Phase bin ich als Fan des Genre zwar nicht endlos begeistert, aber durchaus neugierig darauf, was noch kommt. FunCom hat seit Early-Access-Release täglich mehr als einen Patch eingespielt, was zwar für die Admins der privaten Server ärgerlich ist, da bei jedem Patch der Server neu gestartet werden muss, allerdings werden Fehler so nach und nach schnell adressiert. Genreveteranen werden viele etablierte Mechaniken und Features in Conan Exiles wiederfinden, ARK Fans das eine oder andere Déjà-Vu erleben. Aber warum nicht gute Elemente abkupfern?

Wir sehen uns in der Welt von Conan!

Wir sehen uns in der Welt von Conan!

Es bleibt abzuwarten, ob Conan Exiles sich auf lange Sicht von der Konkurrenz absetzen kann. Ich hoffe, dass die Early-Access-Phase aufgrund der Developer-Power hinter dem Spiel kürzer bleiben wird als bei manch anderem Vertreter des Genres mit 3+ Jahren. Die Grafik sieht bis jetzt nett aus, kann aber noch jede Menge Polishing vertragen, so wirkt alles sehr ausgewaschen, was nicht nur dem visuellen Stil des Spiels geschuldet ist. An der Performance der Server und der Grafik muss noch ordentlich geschraubt werden, aber dafür ist Early Access auch da. Nach dem riesigen Ansturm zu Release hat FunCom schon den Provider der offiziellen Server gewechselt, seit dem 10. Februar 2017 werden die Server des neuen Providers nach und nach ausgerollt. Es wird schnell auf Feedback reagiert und die Interaktion mit der Community ist bisher offen und positiv. Features wie Farben, Belagerungswaffen, etc. sind bereits angekündigt. Ihr könnt euch auf dem offiziellen Blog am Laufenden halten.

Mit knapp 30 Euro auf Steam ist Conan Exiles für den Early Access Start definitiv am oberen Ende der Preisskala angesiedelt, die meisten Early-Access-Spiele sind zu Beginn günstiger und werden erst im Laufe der Zeit teurer, je mehr Features und Inhalte ihren Weg ins Spiel finden.  Für Fans des Franchises und des Genres, die keine Angst vor Bugs und bisweiligen Downtimes haben, lohnt sich schon jetzt ein Blick ins Conan Universum. Spielern, die mit Sammeln, Craften, Sammeln, Sammeln, Sammeln, Nicht Verhungern und Bauen nichts anfangen können und die schon beim ersten Verbindungsproblem die Tastatur zerbeissen, sei zum derzeitigen Zeitpunkt dringend abgeraten bzw. der Blick zu einem anderen Genre nahegelegt. Ich werde jedenfalls dran bleiben. Wer gelegentlich einen Blick ins Spiel und meine Abenteuer werfen möchte, kann mir gern auf Twitch folgen.

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Written by: Ronja Antesberger

Social Bumblebee Seit ich mir einen eigenen PC leisten konnte, bin ich den Pixeln verfallen, und blicke auf eine lange Karriere als bürgermeisternde Schneiderin in Ultima Online, täglich raidende Assassine in EverQuest 2 und alles-und-jede-Quest-abschließender Geralt in allen Witcher Spielen zurück. Meine Liebe gilt den Strategiespielen der späten 90er, wie Age of Empires und Command & Conquer sowie jeglicher Variante an Rollenspiel. Mein Faible für Indies und Selbstdarstellung hat mich vor einigen Jahren zum Streaming und zu YouTube gebracht, und in Konsequenz auch endlich beruflich in den Bereich. Nach über einem Jahr bei der Wiener Video Game Livestreaming Plattform Hitbox konzentriere ich mich nun auf meinen selbstständigen Pfad als Social Media Marketing und PR Beraterin, Bloggerin und SchreiberlingIn for „All Things Video Games“. Ich freue mich, als Neuzugang beim Continue-Magazin dabei zu sein, wir hören uns im nächsten Podcast! Bei Fragen, Anregungen und Feedback: antesberger@continue-magazin.at oder einfach auf Twitter.