Cold Turkey

Wir sind süchtig. Alle. Und ich war auf einer Art Entzug.

Wir sind süchtig.

Jetzt atmen wir alle mal tief durch und lassen diesen Satz sacken. Und dann stellen wir uns vor den Spiegel. Sehen uns selbst tief in die Augen. Und realisieren, dass der Satz stimmt. Dabei kommt es gar nicht mal so drauf an, von welcher Sucht wir denn genau sprechen. Games? News-Feeds? Boulevardjournalismus, der uns das Schlechteste im Menschen vorkotzt? Internet-Porn? Junkfood und dazugehörige Zuckergetränke?

Pick your poison – irgendwas macht ein jeder von uns. Und ich musste – als Nebeneffekt einer Situation – davon Abstand nehmen. Ich analysiere.

Wir amüsieren uns zu Tode

Gut, die Zwischenüberschrift habe ich mir jetzt von einem intelligenteren Autoren ausgebort. Neil Postman, seines Zeichens Kultur- und Kommunikationswissenschaftler, hat schon vor 30 Jahren im gleichnamigen Buch analysiert, dass es immer schwerer wird, die von den Medien auf uns hereinprasselnden Inhalte noch ordentlich zu verarbeiten. Stattdessen lassen wir uns berieseln, überfluten, davontragen. Wir schalten auf Durchzug und nehmen noch mehr davon auf, da es einfacher erscheint, als über das Gesehene oder Gehörte nachzudenken. Zugegeben, in seinem späteren Lebenswerk hat der Herr Postman auch schon ordentlich daneben gelegen – er hat zum Beispiel dem Internet an sich wenig Nutzen zugeschrieben.

Aber bezogen auf das oben Beschriebene hatte er durchaus recht. Das beste Beispiel dafür: Ich.

Memento mori - wofür nehmt ihr euch Zeit, solange sie da ist? //Bildrechte bei WikiCommons

Memento mori – wofür nehmt ihr euch Zeit, solange sie da ist? //Bildrechte bei WikiCommons

Anfang Juni war ich in meinem Hirn ziemlich ausgebrannt. Seit einem Jahr beinahe durchgehend gearbeitet – hier ein Projekt, da ein zweiter Job, dort eine Hobby-Idee, die Zeit verlangt. Zusätzlich Games, Games, Games (immerhin sind sie Teil von zwei der drei genannten Beschäftigungen) und Filme, Serien, Youtube. Daneben lief selbstverständlich der Twitter-Feed, und Facebook verbreitete in einem Hintergrund-Tab unter Garantie ebenso seinen bläulichen Schein. Und das Interessante daran: Ich nahm das als gegeben hin. Eh alles auf Schiene, oder?

Nicht ganz. Mit Rückblick merke ich, dass meine Aufmerksamkeitsspanne und Geduld im Vergleich zu früher ziemlich verkürzt waren. Noch nicht auf dem Level von Jumpcut-Jumpcut-Tittenbild-Youtubern, aber doch schon sehr in die Richtung gehend. Deswegen traf es sich gut, dass ich für über drei Wochen auf all diese Dinge verzichtete und mich mit meiner Freundin in ihren alten VW-Bus setzte. Ziel: Schottland. Alles dazwischen? Ungewiss.

What doesn’t kill you …

Dabei wurden die Vorbereitungen wie Packen und Einräumen – charakteristisch für meine tolle Aufmerksamkeitsspanne – im letzten Moment erledigt, denn das Internet war wichtiger. Könnte ja sein, dass dort irgendwas passiert, das mein Leben total verändert. [Anekdote: Diese Packdisziplin führte auch zu einer Kombination folgender Begriffe: Großbritannien; Fähre; Reisedokument; Kontrolle; Verfallsdatum; Hornochse; Aufzahlung. Ihr könnt euch die Geschichte selbst zusammenreimen, hoffe ich.] Sogar am ersten Reisetag, der noch in Österreich stattfand, wurde das Handy dauerbelagert: Twitter, Facebook, Instagram. Ja was denn, man muss doch auf dem neuesten Stand bleiben!

Unser Zuhause für drei Wochen: Vier Quadratmeter namens Hank. //Bildrechte beim Autor

Unser Zuhause für drei Wochen: Vier Quadratmeter namens Hank. //Bildrechte beim Autor

Ab dem zweiten Tag? Mobile Daten deaktiviert. Die Kosten, die mich durch das Roaming überfallen würden, haben sogar meine hartnäckige News-Abhängigkeit in die Flucht geschlagen. Nur das Allernotwendigste (Kommunikation mit Freunden, deren Auslands-Nummer man nicht hat) wurde über das Internet erledigt. Ansonsten Funkstille.

Nein, es gab keine Entzugserscheinungen. Ganz undramatisch. Aber auf einmal war da mehr Zeit für Anderes. Mit der Freundin reden und Karten spielen. Bücher lesen, die ich schon Wochen vor mir hertrug, obwohl sie mich brennend interessierten. Gerade fremde Umgebungen sind für solche (wenn auch zufällige) Experimente wie geschaffen: Durch den Entdeckertrieb geht man noch eher nach draußen, erkundet, entdeckt. Städte, Berge, Wälder, alles wird untersucht – ganz ohne Tweet, ganz ohne #nofilter und #instagramadventures.

Ich war die letzten Jahre schon ein halbwegs sportlicher Mensch gewesen, aber auch hier war die Aufmerksamkeitsspanne ein Problem: Jeder Sport musste Instant-Ergebnisse und Action bieten, ansonsten wird er müde belächelt und nicht betrieben. Auf Entzug? Wandern. Gemütliches Radfahren. Beides mit plaudern nebenher, ganz entspannt. Keine Ahnung, ob das mit dieser ganzen Offline-Kiste zu tun hatte, aber es war wunderbar.

Ein System Shock gefällig?

Jetzt klingen diese Zeilen schon sehr überdramatisch. Noch sind wir alle nicht an unseren diversen Süchten gestorben, und auch „Augenkrebs durch Twitterfeed“ ist mir noch nicht über den Weg gelaufen. Und trotzdem will ich nun als „Wiedergekehrter“, Internet-Zombie quasi, an euch appellieren: Schaltet mal ab. Auch uns. Geht offline und kocht. Geht raus. Geht tanzen. Und wenn ihr dann wiederkommt – denn das tun wir alle -, dann plaudern wir drüber.

Macht etwas. Irgendwas. Nur zur Abwechslung mal nicht digital.

Auf zu neuen Ufern, Leute. Egal wohin - geht schon mal los. //Bildrechte beim Autor

Auf zu neuen Ufern, Leute. Egal wohin – geht schon mal los. //Bildrechte beim Autor

Epilog: Comeback

Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Die Tür öffnet sich, und ich betrete unsere Garderobe. Es riecht eigenartig – nicht schlecht, sondern neutral. Ich mache ein paar vorsichtige Schritte in eine Wohnung, die mir riesenhaft und ungewohnt erscheint. Nachdem die gröbsten Gepäckstücke aus dem Auto nach oben verfrachtet sind, sinke ich erschöpft in meinen Zock-Sessel. Der Controller scheint mir zuzuwinken. Ich nehme ihn in die Hand und drücke den PS-Button; der Fernseher erwacht aus der langen Ruhe, sein Glühen erfüllt den Raum. Und für eine Stunde, bevor ich meiner Freundin ein Essen koche, bin ich John Marston.

Niemand verlangt Abstinenz – nur Balance.

Written by: Alexander Schuh

Kaffeemaschinenbelagerer Und auf einmal bin ich wieder mittendrin. Eingestiegen in diese Branche ungefähr zwei Jahre vor dem Ende des großen C, hatte ich schnell einen Narren an den Irrungen, Wirrungen und Spaßungen gefressen, die das Erstellen von interessantem Content für Leser so bieten. Umso bitterer, als die Zeit dort endete und mich zurück ins Studium trieb. Nach dem ging´s dann den “klassischen” Weg mit seriösem Job entlang – was aber auf die Dauer auch nicht reicht, wenn man einen ganzen Affenzirkus im Kopf hat, den man gerne auch mal entlüften würde. Deswegen gibt´s diese Seite mit dieser Nase und denen links und rechts von hier. Feedback gerne unter schuh@continue-magazin.at oder über Twitter.