Auf dem Müll liegt ein … Amiga!

Der Kampf gegen Atari, die 3 1/2 Zoll Diskette, Games-Meilensteine wie Lemmings oder Turrican – der Amiga war wohl mein prägendster Computer, obwohl ich ihn nicht einmal selbst besessen habe. Trotzdem habe ich zum 30-jährigen Jubiläum eine Geschichte zu erzählen – Happy Birthday Amiga!

Als Soundtrack für diesen Artikel empfehle ich diesen Link.

Vor fast genau 30 Jahren, am 23. Juli 1985, erblickte der Amiga 1000 von Commodore das Licht der Welt. Ich war zu dieser Zeit 7 Jahre alt und wusste noch wenig über die Technik von morgen. Zwei Jahre später kaufte mein Papa den Spectrum ZX und begeisterte mich so erstmals für die Materie. Während ich versuchte Hangman zu programmieren und mich für Spiele bestehend aus fünf Farben zu begeistern, erschien im selben Jahr der Amiga 500, die erfolgreichste Version des Heimcomputers. Wieder zwei Jahre später ging es im Haushalt Amon darum, das „next big thing“ zu kaufen und das Eigenheim mit einem neuen, stärkeren Computer auszustatten. Mein bester Freund hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen Amiga 500. Ich wollte es ihm nachtun, doch mein Papa entschied sich nach reiflicher Überlegung für den Atari ST. Da kann man auch drauf arbeiten, meinte er. Gut, grundsätzlich erschienen die gleichen Spiele – auf dem ST nur leider mit weniger Farben und mit schlechterem Sound. Ich habe diesen Freund damals sehr oft besucht, auch wenn meine Funktionstasten aufgrund ihrer schrägen Bauweise wesentlich cooler waren.

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Es waren die frühen 1990er Jahre. Deutschland wurde gerade wiedervereint, während Jugoslawien und die Sowjetunion aus unterschiedlichen Gründen auseinander brachen. Bill Clinton wurde US-Präsident und Electronic Arts bastelte gerade an seinem ersten FIFA. In virtuellen Welten war alles in bester Ordnung. Zumindest für mich. Jedes Spiel schien ein neuer Meilenstein zu sein, ein neues Genre zu gründen oder einfach nur richtig viel Spaß zu machen – man war mit Sicherheit damals auch genügsamer und die Mistgames habe ich mit Sicherheit gut verdrängt, aber es war wirklich alles sehr aufregend. Das Intro von Blood Money schaute ich mir dutzende Male an, mit Lemmings 1 + 2 verbrachte ich wahrscheinlich mehr Zeit als später mit World of Warcraft und dank IK+ fing ich gemeinsam mit zwei Freunden an Karate zu trainieren.

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Ich wusste lange Zeit nicht bzw. hatte es wohl gekonnt ignoriert, dass es Orignalspiele gibt. Von Turrican 2 oder Bubble Bobble erfuhr ich aus Zeitschriften wie der ASM oder der Powerplay. Meist reichte ein cooler Screenshot und schon notierte man den Titel auf einen Schmierzettel, um ihn nicht zu vergessen. Man hatte seine Quellen. Der Schulhof oder auch diverse Händler, die man empfohlen bekam, sorgen auch ohne Internet dafür, dass man zur damaligen Zeit eigentlich alles spielte, was einen selbst auch nur annähernd interessierte. Zeit ist als Teenager reichlich vorhanden und wenn ein Spiel nicht gefiel, wird es eben wieder überspielt. Die 3 1/2 Zoll Diskette wurde zum Datenträger von Spaß und Freude. Außer, wenn ein Spiel mehrere Disketten besaß. Bei jedem Ladescreen Disk 2/5, Disk 3/5 und dann Disk 5/5 einlegen zu müssen wurde oft zum Geduldsspiel. Festplatten hatten wir damals nicht, aber mein Freund kaufte sich Gott sei’s gedankt ein zweites Diskettenlaufwerk dazu. Das ausschlaggebende Spiel war Sword of Sodan.

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Aufgrund der beschränkten Hardwarefähigkeiten sah damals noch nicht jedes Spiel wie ein CG-Intro aus. Auch die fehlende Unreal-Engine machte sich bemerkbar – die Games sahen alle anders aus. Mit Interesse für die Materie erkannte man damals Spiele schon alleine am Grafikstil, welcher Hersteller dahinter stand. Die Bitmap Brothers mit Games wie z.B. Speedball II oder The Chaos Engine sind hier ein gutes Beispiel. Firmen wie Psygnosis standen für Topsound und Topgrafik. Und natürlich gab es Fortsetzungen (Kick Off 2, Turrican 2, usw.), aber sie bildeten die Ausnahme und die meisten Games fühlten sich frisch und völlig neu an. Klar, es gab auch noch keine großartige Games-History, schon gar keine selbst erlebte – doch diese Geschichte entstand in diesen Jahren. Der Hintergrund, warum man die Spiele konsumierte waren unterschiedlich. Die jugendliche Neugier an Gewalt, die heute gern in Verbindung mit GTA oder Call of Duty genannt wird, erlebten wir mit Ballergames wie Dogs of War, Operation Thunderbolt oder Narco Police, wo Gegner in Blutfontänen auseinanderbrachen bzw. in Battle Chess, wo teils humorig, teils brutal die gegnerischen Figuren auseinandergenommen wurden („Pferd“ gegen „Pferd“!). Spiele wie Prince of Persia oder Panza Kickboxing fesseln uns aufgrund ihrer Animationen und der spielerischen Möglichkeiten. Irgendetwas Einzigartiges hatte jedes Spiel, speziell wenn man sich für das Genre interessierte.

Die Illegalität der Games-Beschaffung wurde ja bereits erwähnt. Nun kamen diese Disketten natürlich ohne Spielanleitung. Für die Jüngeren unter uns: diese lagen in Papierform den Spielepackungen bei und erklärten, was man denn im Spiel eigentlich machen musste. Stundenlange Tutorials gab es noch keine und Gamedesign mit einem langsam ansteigenden Schwierigkeitsgrad war gelegentlich überbewertet. Ich sag mal so: Pirates ohne Karte war etwas kompliziert zu spielen. Dafür hatten die „gecrackten“ Versionen aktivierbare Cheats – unendlich Leben etwa, manchmal sogar einen God-Mode. Nur so konnten wir Spiele wie Rick Dangerous, Rainbow Island oder Altered Beast durchspielen.

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Werbewirkung anno 1988: Originalverpackung von Barbarian II.

Es war eine gute Zeit und ich versuche jetzt gar nicht meine Top-Games hier aufzuzählen, wie ich es ursprünglich geplant hatte. Bei der Recherche zu diesem Artikel habe ich mir gefühlt 100 Videos zu den „Top 1.000“ Games der Plattform angesehen und bei jedem dritten dachte ich mir: „Geil, das muss in meine Top 3/5/10!“ Zur Amiga-Zeit hatte ich das richtige Alter und ausreichend Zeit, um mich in viele Games verlieben zu können. Super Cars etwa, Wings of Fury oder natürlich Barbarian 1 + 2. Die Liebe nahm erst ab, als ich die Screenshots zu den Wing Commander Teilen für PC sah und in meinem Umfeld alle ihre Amigas und STs einmotteten. Vergessen haben wir die Zeit nie. Noch immer langweile ich mein Umfeld gerne mit Geschichten von damals. Wie wir bei Kick Off noch um den Ball laufen mussten, um ihn kontrollieren zu können. Wie wir bei Lemmings den Soundtrack nicht aus den Ohren bekamen („Von den blauen Bergen kommen wir!“) oder stundenlang mit Freunden telefonierten, weil wir bei Gobliiins wieder mal ein Rätsel nicht lösen konnten.

So, jetzt kommen wir aber zum Schluss und ich gebe euch noch drei Weisheiten aus meinem persönlichen Erinnerungsfundus weiter und dann entlasse ich euch wieder ins Jahr 2015. Oh, die Überschrift sollte ich vielleicht noch erklären. Das war nicht dazu gedacht zu provozieren, sondern um Insidern ein Lied in Erinnerung zu rufen, das als alter Atari-Besitzer immer in meinem Kopf sein wird (startet bei 00:48). Gute Unterhaltung. #HappyBirthdayAmiga

3 Random-Dinge, die ihr wissen solltet:

– DICE, heute bekannt für z.B. Battlefield, entwickelte für den Amiga die großartigen Flippergames Pinball Dreams, Pinball Fantasies und Pinball Illusions. 

– Für das Spiel New Zealand Story, bei dem man ein kleines Kücken durch ein Jump’n’Run steuerte, gab es einen Cheat-Code, zumindest in der von uns gespielten Version: Motherfuckingkiwibastard.

– Die Zeitschrift ASM veröffentlichte zur Red Baron Portierung für Amiga (das Original war für PC), einen für mich prägenden Artikel. Es ging natürlich auch um den Inhalt des Spiels, aber mit Bildtexten wie „Zwischen den Animationen des Spiels könnt ihr ein Buch lesen. Ein dickes Buch lesen. Die Bibel lesen!“ zeigten die damaligen Redakteure, dass man auch als Games-Redakteur durchaus witzig sein durfte.

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Written by: Alexander Amon

Motivator Ich bin seit ca. 12 Jahren redaktionell mit Videospielen verbunden und war zuletzt Chefredakteur des Fachmagazins für Computer- und Videospiele consol.AT und ihren deutsch-schweizerischen Ableger consolPLUS. Aktuell bin ich PR Manager beim Spieleentwickler Sproing, gebe auf dieser Website allerdings nur meinen privaten Senf zur allgemeinen Situation ab. CONTINUE betreue ich redaktionell und emotional, diene in vielen Punkten als Ansprechpartner und Koordinator. Bei Fragen und/oder Anmerkungen schreiben Sie mir doch einfach an amon@continue-magazin.at. Besten Dank und bis bald.