Auf Biegen und Brechen: iPhone 6 im Langzeitfazit

Knapp sechs Monate sind seit dem Verkaufsstart des iPhone 6 (Plus) vergangen, Zeit für ein ausführliches Fazit der neuen Smartphone-Generation von Apple.

Was kostet die Welt?

700 Euro für ein Smartphone? Nie wieder… dachte ich zumindest. Jetzt halte ich seit fast einem halben Jahr das iPhone 6 in der Hand. Und doch war es ein längerer Überzeugungskampf, so viel Geld für ein Smartphone zu zahlen. Nach vier Jahren mit einem iPhone 4 war ein Wechsel zu Android so gut wie in trockenen Tüchern, da ich nach dem exzessiven Zocken in den ersten Monaten das Smartphone nur noch für Nachrichten, Chats und Schnappschüsse benutzte.

Ein Moto G 2 sollte es werden, doch die Kamera und die Verarbeitung schreckten mich ab. Ein Xperia Z3 Compact sollte es werden, doch das Sony Interface und die späten Android-Updates machten mir Sorgen. Ein Moto X 2 sollte es werden, doch bei dem Preis könnte man doch glatt zum iPhone greifen. Überall fand ich, bewusst oder unbewusst, kleine aber für mich entscheidende Punkte wieder zu einem iPhone zu greifen. Zumal ich eh schon mit MacBook, iPad und ’nem alten iPod shuffle in der gut behüteten Welt von Apple ein Zuhause fand. Ihr wisst es eh schon, es ist ein iPhone geworden..

Probleme schlag auf schlag

Bentgate, Updategate, Crescentgate. Ihr erinnert euch sicherlich noch. Der Start der neuen iPhones war holprig, aber bei weitem nicht so tragisch, wie es uns einige User mit diversen Zerstör-Videos und die Medien weiß machen wollten. Doch auch ich war von einem Gate, naja nennen wir es Problem, betroffen: Ein Halbmond an der Frontkamera. Schon früh fiel mir die Dichtung auf, die sich mit der Zeit immer weiter vor die Linse schob, aber die Funktion (noch) nicht beeinträchtigte.

#Crescentgate: Die Dichtung der Frontkamera schiebt sich kontinuierlich vor die Linse. // Quelle: Autor

#Crescentgate: Die Dichtung der Frontkamera schiebt sich kontinuierlich vor die Linse. // Quelle: Autor

Aber auch von einem weiteren Problem war ich nicht verschont: Akkudrops bei Kälte, die mitunter das Gerät ausschalteten. Es half alles nicht, im Februar tauschte ich das Gerät aus, seitdem bin ich von diesen und weiteren (nächster Absatz) Problemen befreit und wieder rundum zufrieden.

Ein Handschmeichler erster Güte

Noch wie am ersten Tag bin ich in das Gehäusedesign verliebt: Rund statt kantig, Wohlfühlwischen statt abrupten und scharfem Ende. Jeder Wisch zum Rand ein Segen, sofern die Glasfront nahtlos mit der Alufassung abschließt. Ein einigen Stellen konnte ich bei meinem Modell unsaubere Übergänge feststellen, die das Erlebnis schmälerten. Und auch der Muteswitch bereitete Probleme: Zu viel Spiel und ein ungesundes Klick-Geräusch machten erste Bedenken, dass die Verarbeitungsqualität bei Apple weiterhin abnimmt, dennoch auf einem hohem Niveau verharrt.

Größenvergleich: iPad mini, iPhone 6 Plus, iPhone 6 und iPhone 4 (v.l.n.r.) // Quelle: Autor

Größenvergleich: iPad mini, iPhone 6 Plus, iPhone 6 und iPhone 4 (v.l.n.r.) // Quelle: Autor

Alles richtig gemacht hat Apple jedoch beim Display: Die leuchtenden Farben und nahezu perfekten Blickwinkel bereiten jeden Tag aufs Neue wieder Spaß. Häufig ertappe ich mich sogar dabei, wie ich aus einem spitzen Winkel auf den Homescreen starre und dieses hübsche Stück Technik doch glatt mein Herz erwärmt. In solchen Momenten rechtfertigt sich der Kauf für mich, denn wenn ein Produkt nach mehreren Monaten immer noch einen solchen Effekt ausüben kann, scheinen die Ingenieure und Produktdesigner alles richtig gemacht zu haben.

Anti-Grip par excellence

Alles richtig gemacht? Nein, auch wieder nicht. Denn ein Szenario zeichnet sich nun schon seit Jahren bei Apple ab: Die Alu-Rückseite von iDevices ist zwar schön aber auch verdammt rutschig. Wie von iPads bekannt, trifft es nun auch die runden iPhones. Um es sicher zu halten, bedarf es mehr als nur ein paar auflegende Finger auf der Rückseite.

Entweder wird zusätzlich der Rahmen oder das Display umfasst oder direkt in eine klammerartige Greifposition übergegangen. Häufig lief es mir eiskalt den Rücken hinunter, wenn die Ubahn abermals wackelt und das iPhone mir spontan aus der Hand springen will.

Die Kamera schießt aus dem Gehäuse heraus, stört aber nicht im Alltag. // Quelle: Autor

Die Kamera schießt aus dem Gehäuse heraus, stört aber nicht im Alltag. // Quelle: Autor

Ein Größenproblem hingegen gibt es nicht. An die Ausmaße ist man schnell gewöhnt und selbst ich könnte mir auch ein 5-Zöller mit schmalerem Rahmen gut vorstellen. Auch die anfangs häßliche Rückseite hat sich bereits relativiert. An die Antennenverbindungen gewöhnt man sich, selbst die herausragende Kamera ist einem schnell egal.

Features! Features?

Wann nutzt man einen Großteil der Smartphone-Features? Genau, in den ersten zwei Wochen nach dem Kauf. Danach schalten die meisten Nutzer drei Gänge zurück und gehen dem normalen Alltag nach. So war es auch bei mir: Die anfängliche Verliebtheit in die Kamera, die wirklich tolle Bilder schießt und mein Weltbild „Die Kamera des iPhone 4 ist klasse“ zerstörte, ist leider auf ein Minimum runtergefahren. Trotz vieler und wirklich gut funktionierenden Features, wie etwa der Panorama-Funktion, Videos mit 60 und Zeitlupenvideos mit 240 Bildern pro Sekunde, nutze ich die Kamera zu selten, vielleicht liegt’s ja nur an der kalten Jahreszeit…

Panoramaaufnahmen oder Zeitlupenvideos. Beides ein Traum mit dem iPhone 6. // Quelle: Autor

Panoramaaufnahmen oder Zeitlupenvideos. Beides ein Traum mit dem iPhone 6. // Quelle: Autor

Am meisten profitiere ich aber vom Hardware-Boost: Zügige App-Starts mit schnellem Wechsel, flüssige Bedienung ohne Ruckler. Bei täglich mehreren Stunden Benutzung sind Wartezeiten für mich ein Graus, das iPhone 6 punktet hier auf ganzer Linie, ein anderes Szenario habe ich auch nicht erwartet oder geduldet.

Die Gewohnheit siegt (erneut)

Wieder einmal hieß es Apple statt Android. Wieder einmal siegte die Gewohnheit über die Lust auf etwas Neues. Und wieder einmal bin ich wirklich zufrieden: Dem iPhone 6 fehlt zwar der Wow-Effekt des iPhone 4 (erste „richtige“ Smartphone-Erfahrung und so), dafür entpuppt es sich aber als wahrer Handschmeichler mit starker Kamera und idealem Nutzungserlebnis. Doch auch Schatten macht sich breit: Hardware- und Software-Probleme mehren sich, die Verarbeitungsqualität eines Backstein ähnelnden iPhone 4 wird bei weitem nicht erreicht. Neben der Bitte nach mehr Arbeitsspeicher zwecks Zukunftssicherheit, sind das allerdings meine einzigen Sorgen, die angesichts der Rekordverkäufe der neuen Generation wohl ungehört bleiben werden…

IMG_3533

Wieder Apple, wieder zufrieden, wieder langweilig: Die Gewohnheit siegt, die Neuheiten bleiben überschaubar, der Alltag kehrt schnell ein. // Quelle: Autor

 

Written by: Christoph Liedtke

Luftpolsterzerdrücker Vor über 20 Jahren entstand die Liebe zu Videospielen – SNES sei Dank. Es dauerte einige Zeit, bis ich auch der Hardware verfallen war. Nach Jahren der nerdigen Bildung mit diversen Spiele- und Technikmagazinen, entschloss ich mich 2012 erstmals über meine Passion zu schreiben. Es folgte ein Blog, ein Volontariat bei consol.AT sowie Gamers.at und derzeit schreibe ich als freier Redakteur für E-MEDIA. Um die Zeit neben Artikeln, Studium, Freundin und Hündin noch weiter zu dezimieren, entstand parallel unser Projekt namens CONTINUE, denn Videospiele und Technik dürfen niemals zu kurz kommen! Fragen, Anregungen, Feedback oder harsche Kritik bitte an: liedtke@continue-magazin.at Danke für’s Lesen und auf bald.