Apps erobern das Wohnzimmer

Den eigenen Fernseher smart machen. Lange habe ich mich geweigert – ein HDMI-Kabel bot mir doch alles was ich brauchte. Dann siegte die Neugierde: Produkte ansehen, abwägen, Pläne schmieden. Am Ende ist’s – wie so häufig – die langweiligste Lösung geworden: Das Apple TV 4.

Bis vor kurzem konnte ich mich sämtlicher Streaming-Boxen und -Sticks entsagen. Klar, einen Chromecast spontan kaufen und einrichten reizte mich. Ebenso hatte ich etwa fünf Mal einen Raspberry Pi im Warenkorb, aber jedes Mal scheiterte ein Kauf. Was bringt mir das genau? Lohnt sich die Bastelei? Ist es das Geld wert? Fragen, die mich immer wieder zu meiner günstigen, wenn auch verkabelten Ausgangslage zurückholten.

Mein Kabel und ich

Seit etlichen Jahren sind PC und MacBook per HDMI-Kabel (und Adapter) mit dem Fernseher verbunden. Alles, was ich sehen will, werfe ich mit wenigen Mausklicks an den großen Bildschirm. Keine große Zauberei, es erfüllt seinen Dienst zuverlässig und schnell. Doch manchmal muss ich dafür aufstehen, etwas umstecken, den Input wechseln und je nach Geräte-Chaos mich verrenken oder den Mauszeiger blind bedienen. Wenn es einmal losgeht, kann das Breitbilderlebnis vom Sofa aus beginnen und ich vergesse schnell diese kleinen Unterbrechungen. Sobald ich mich kurzweiligen Dingen wie meinem YouTube-Feed widme, tauchen sie wieder auf: Entweder das MacBook mit auf den Schoss nehmen und sich selbst rösten lassen oder immer wieder die bequeme Horizontale verlassen und das Gerät vom Tisch aus bedienen.

Am Ende siegte meine Neugierde, das Kabel muss weg! Ich hab mich mit den Produkten von Google und Amazon auseinander gesetzt, wollte aber wenig Bastelei und maximale Kompatibilität. Und insgeheim stand es eh schon länger fest: Am Apple TV führt kein Weg vorbei. Die mittlerweile über drei Jahre alte Generation sollte es aber auch nicht werden. Die Gerüchte um einen Nachfolger hielten sich konstant und die tolle Enthüllung auf der September-Keynote tat ihr Übriges: I’m sold, so viel war sicher. Nur der Preis ist wie so häufig der Knackpunkt bei Apple. 179 Euro. Für die kleinere 32 GB-Version. Teurer als die Konkurrenz und mit weniger Features, Stichwort: 4K. Allerdings könnten Touch-Bedienung, Ökosystem und der erstmals vorhandene AppStore diese Don’ts sogleich wettmachen. Ganz zu schweigen von der geliebten Langeweile. Dem Plug-and-play, das ohne Basteln auskommende und direkt funktionierende Produkt aus Cupertino.

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Aufgemacht, ausgepackt, angegafft: Dieses Duo soll das einstige „Hobby“ Apples neuem Schwung verleihen.

Auspacken hui…

Keine Überraschung beim Auspacken: Nach dem Lüften des Pappdeckels offenbart sich das Apple TV und die neue Siri-Remote. Das Apple TV 4 ist wie die vorigen Generationen in schlichtem Schwarz gehalten, die Oberseite ist matt, ringsum wird auf Klavierlackoptik gesetzt, die Kratzer, Staub und Fingerabdrücke magisch anzieht. Der Klotz kann diesmal getrost versteckt werden, da die Siri-Remote auf Bluetooth statt Infrarot setzt und Sichtkontakt fortan nicht mehr nötig ist. Sie ist auch der eigentliche Star der neuen Generation. Ihr Äußeres erinnert an ein iPhone: Die Unterseite ist in Aluminium gehüllt, auf der Oberseite setzt Apple auf Glas. Ebenso sind hier sechs Knöpfe und ein klickbares Touchpad platziert.

Sobald die enganliegende Plastikfolie abgezogen und der Nerdgasmus vollendet ist, wird der Apple TV per HDMI-Kabel an den Fernseher angeschlossen und mit Strom versorgt. That’s it. Auf einen optischen Soundausgang wurde im Gegensatz zu der alten Generation verzichtet, hier muss je nach Setup umgesteckt oder ein Adapter besorgt werden.

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Trockenübungen: Der Klick ist anfangs gewöhnungsbedürftig, der Rest der Siri-Remote ist wie aus einem Guss.

… Einrichten pfui

Das erstmalige Einrichten ist komfortabel, sofern ihr ein iPhone oder iPad mit iOS 9.1 zur Hand habt. Per Bluetooth sendet das iDevice Infos zur Apple ID und WLAN an die Streaming-Box und erspart mühsame Eingaben per Siri-Remote. Vorerst. Denn tvOS mag derzeitig weder mit Bluetooth-Tastaturen noch iDevices kommunizieren, um etwa Accountinformationen oder Suchanfragen einfach und schnell zu tätigen. Hier bleibt nur der Griff zur Fernbedienung – vollkommen unverständlich und nervenaufreibend!

Sobald ihr komplexe Passwörter verwendet, wischt ihr hektisch von links nach rechts über das Touchpad der Siri-Remote, um den entsprechenden Buchstaben auf der einzeiligen Alphabetsauswahl (kein Witz) anzuwählen. Vertippt euch bloß nicht, sonst beginnt der Horror von vorn. Wo bleibt das Softwareupdate, das entweder die Buchstaben besser anordnet oder eine Bedienung per iDevice ermöglicht?

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Eine für alle? Die Fernbedienung des TVs ist ersetzt, die der Anlage muss ich wegen Softwareproblemen noch nutzen.

Couch-Komfort

Ist alles Notwendige eingerichtet, spielt das neue Apple TV seine Karten aus. Nach der Arbeit lasse ich mich einfach in die Couch fallen, schalte per Siri-Remote gleichzeitig Apple TV und Fernseher (aber leider noch nicht meine Anlage) ein und manövriere per Wischgesten durch Apps und Menüs. Mit wenigen Klicks ist der YouTube-Feed erreicht und die neueste Neo-Magazin-Folge abspielbar, alles ohne lästiges Bewegen oder Aufstehen meinerseits. Der Faulheit gefällt das!

Die Fernbedienung trumpft hierbei besonders auf. Sie liegt jederzeit gut in der Hand und fühlt sich wertig an. Auf meine Eingaben reagiert sie präzise, ein Klick auf das Touchpad bestätigt sie umgehend. Die Knöpfe sind sinnvoll angeordnet und die Sprachsteuerung funktioniert schon jetzt äußerst zuverlässig. Sie durchsucht nicht nur die iTunes Library, sondern greift u.a. auch auf die Netflix-Bibliothek zurück, wenn nach Filmen, Serien oder Schauspielern gesucht wird. Aus der Anzeige heraus springe ich zum gewählten Streamingclient und innerhalb weniger Sekunden genieße ich ein hoch aufgelöstes Bild ohne Artefakte. Siri kann mir obendrein noch Kleinigkeiten wie das Wetter anzeigen, aber noch keine Musikwünsche erfüllen oder mir im AppStore unter die Arme greifen. Das Buchstabengesuche nimmt häufig kein Ende…

Weiterhin auf dem Sofa klebend, zücke ich das iPhone und kann ohne weitere Einrichtung den Bildschirminhalt per Airplay an den Fernseher werfen. Mal eben neue Schnappschüsse präsentieren oder Videos abspielen. Probleme tauchen erst auf, wenn es sich um Filme auf dem Mac dreht, die nicht im „richtigen“ Format vorliegen. Glücklicherweise muss schon länger nicht mehr umgerippt oder auf einen Jailbreak gehofft werden, dafür gab es und gibt es Apps. Direkt vom MacBook konvertiert beispielsweise „Beamer“ den gewünschten Film während ihr schaut, NAS-Besitzer greifen zu „Plex“.

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„We believe the future of TV is apps“. Vielleicht nicht die Zukunft, aber je zahlreicher und ideenreicher gemacht, desto größer der Mehrwert!

Grünschnabel tvOS

Das tolle und individuelle Handling ist weitestgehend dem neuen Betriebssystem tvOS zuzuschreiben. Es ist übersichtlich, flach designed und größtenteils selbsterklärend. Der Homescreen wird von Apps dominiert, die nun erstmals auch aus einem AppStore herunterladen werden können. Dank Ähnlichkeiten zu iOS und des simplen Aufbaus wird jeder mit grundlegender Smartphone-Erfahrung in wenigen Minuten zum tvOS-Experten heranwachsen.

Die stärkere Hardware des Apple TV mit dem A8-Chip aus dem iPhone 6 und zwei Gigabyte Arbeitsspeicher runden das Erlebnis ab. Die Menüführung ist flüssig und mit optischen Spielereien garniert, die Wartezeiten auf ein Minimum reduziert. Selbst fürs gelegentliches Spielen eignet sich das Gerät, ein Kaufargument sollte es jedoch (noch) nicht darstellen.

Bereits zum Start ist das Angebot des AppStores gut, aber in zweierlei Hinsicht ausbaufähig. Einerseits schöpfen bestehende Apps noch nicht das volle Potenzial von Siri und Co. aus (Bewerten von YouTube-Videos, Kommentareinsicht, Sprachsuche), andererseits fehlen noch große Namen und vor allem Ideen für das Breitbilderlebnis: Ich will eine gigantische iMDB-App mit Infos, Trailern und meiner Watchlist. Ich will per Siri-Remote bei Amazon einkaufen, meinen Twitter- und Facebook-Feed checken, wütende Vögel verschießen und mein geliebtes Tiny Wings im Wohnzimmer ohne Airplay spielen. Liebe Entwickler, hier schlummern ungeahnte Möglichkeiten, realistische Umsetzungen und vor allem Kaufbereitschaft!

So weit, so gut, denn das junge Betriebssystem ist noch nicht ganz ausgereift. Der AppStore listet zwar schon eine Hitliste gekaufter und kostenfreier Apps auf, doch nach Genres lassen sie sich nicht unterteilen; hier sind amerikanische Kunden schon einen Schritt weiter. Ebenfalls vermisst, dafür schon in einer Beta gesichtet: Ordner auf dem Homescreen. Je mehr Apps ihr installiert, desto unübersichtlicher wird es, und bereits im Auslieferungszustand würde ich ein paar Apps verstecken. Etwas, das meine Bequemlichkeit direkt angreift, ist das Steuern weiterer Geräte mithilfe der Siri-Remote. In der Theorie erlernt sie die Lautstärke-Tasten meiner Anlage, nur die praktische Umsetzung streikt. Endlich nur noch eine Fernbedienung statt derer drei zu nutzen – Apple, erfüll‘ mir diesen Wunsch!

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Anschluss besetzt: Strom, HDMI, LAN. Der optische Audio-Ausgang ging, ein USB-C-Port für Servicezwecke kam.

Fazit

Das Apple TV 4 kommt spät, die Konkurrenz ist günstiger und bietet teilweise mehr. In einem von iPhones und Macs dominierten Haushalt führt dennoch kein Weg dran vorbei, die Ökosystem-Symbiose funktioniert einmal mehr. Die starke Hardware sichert ein flüssiges Erlebnis, die Siri-Remote samt Touchpad erlaubt eine leichtfüßige und spaßige Bedienung und die Apps werden sehr wahrscheinlich zum größten Verkaufsargument heranwachsen.

Der Weg dorthin ist noch lang, erstmal müssen kommende Updates die Sprachsteuerung ausbauen und systemweit integrieren, erste Einschränkungen von tvOS beheben und weitere Funktionen liefern. Das größte Augenmerk gilt den Apps. Sie sind es, die den Spaß bringen, Infos liefern und den Alltag ein ganzes Stück bequemer machen (als es mein HDMI-Kabel überhaupt vermochte). Sehen und Nutzen die Entwickler die Chance, kann ein Mehrwert entstehen, der selbst Android- und Windows-Nutzer anlocken darf. Über den Preis und das Fehlen von 4K kann aber auch noch danach gestritten werden.

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Der Anfang ist geglückt. Nun muss tvOS reifen, die Sprachsteuerung ausgebaut werden und weitere Apps in den Store gelangen.

Written by: Christoph Liedtke

Luftpolsterzerdrücker Vor über 20 Jahren entstand die Liebe zu Videospielen – SNES sei Dank. Es dauerte einige Zeit, bis ich auch der Hardware verfallen war. Nach Jahren der nerdigen Bildung mit diversen Spiele- und Technikmagazinen, entschloss ich mich 2012 erstmals über meine Passion zu schreiben. Es folgte ein Blog, ein Volontariat bei consol.AT sowie Gamers.at und derzeit schreibe ich als freier Redakteur für E-MEDIA. Um die Zeit neben Artikeln, Studium, Freundin und Hündin noch weiter zu dezimieren, entstand parallel unser Projekt namens CONTINUE, denn Videospiele und Technik dürfen niemals zu kurz kommen! Fragen, Anregungen, Feedback oder harsche Kritik bitte an: liedtke@continue-magazin.at Danke für’s Lesen und auf bald.