Als es noch Funsportspiele gab

Tony Hawk macht sich seit langen Jahren nur noch zum Affen, Activision hat längst sämtliche sinnvolle Funsport-Versuche aufgegeben … wo sind die Sportspiele für Leute, die keinen Massensport mögen?

Wir schreiben das Jahr 2001. Ich bin ein schwer pubertierender, komischer Junge mit Oberlippenflaum, viel zu viel Freizeit und keiner Ahnung von irgendwas. Kürzlich habe ich erstmals ein Skateboard in der Hand gehabt, und nachdem das jetzt anscheinend cool ist, muss ich wohl irgendwas damit machen. Ist aber echt sackschwer. Glück für mich, dass sich die Games-Welt da einen Shortcut für mich zur Coolness überlegt hat – denn in den Läden am Land (in Wien gab’s das schon ein halbes Jahr früher) setzt Tony Hawk’s Pro Skater 2 zur Landung an. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass dieses Spiel mein Leben verändert hat. Der Soundtrack hat bis heute meinen Musikgeschmack nachhaltig geprägt, Spielspaß und endlose Skate-Nächte bei Freunden haben mir ihren Stempel aufgedrückt.

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In Mat Hoffman’s kannte man jeden Pixel noch mit Vornamen. Die entsprechenden Tricks natürlich auch. //Bildrechte bei Activision

Irgendwann war man dann aber doch ein wenig gesättigt und hat nach dem nächsten großen Shit gesucht. Was kickt, was kann mir nochmal dieses Gefühl vermitteln? Und was ist das nächste große Ding nach Skateboards?! Der pubertäre Hunger nach mehr ist manchmal furchtbar.

Glücklicherweise gab’s damals ja kiloweise Funsport-Games, denn das Thema war ein ähnlicher Trend wie es heute Shitstorms und nervige Youtuber sind. Und so lag der Schritt vom Skateboard hin zum BMX sehr nahe – sind ja auch coole Kerle, ne? Doch aufgrund des vorhin erwähnten Trends gab es hier nicht nur einen großen Player, sondern zwei: Mat Hoffman’s Pro BMX und Dave Mirra’s Freestyle BMX.

War der eine unter derselben Flagge wie Tony Hawk unterwegs (und fuhr auch auf dessen Grafik-Engine herum), war Dave Mirra bei Acclaim untergekommen, die damals a) noch existierten und b) ebenso im Funsport mitmischen wollten. Glück für uns, mehr zu zocken!

Im Nachhinein könnte ich nicht mehr sagen, ob sich die Spiele tatsächlich so traumhaft easy gesteuert haben, wie sie das in meiner Erinnerung tun. Fix ist, dass sie der gleichen Formel wie Tony Hawk’s gefolgt sind – easy to learn, hard to master. Der Reihe nach schaltete man weitere Fahrer, BMX und Levels frei, während der eigene Fahrer immer mehr stärker wurde. Irrwitzige Trick-Kombos waren in beiden Spielen ohne Probleme möglich; ein Rückwärtssalto mit zwei Schrauben gefolgt von einem Grind gehörte zum guten Ton. Mein jugendliches Gehirn war begeistert, wollte das auch können und packte sich bei den ersten zaghaften Versuchen im Skatepark mehrfach auf die Fresse. Reality, you suck.

Aufgaben wie "100 Meter auf der Telefonleitung grinden" haben mein Realitätsbild nachhaltig gestört. //Bildrechte bei Acclaim

Aufgaben wie „100 Meter auf der Telefonleitung grinden“ haben mein Realitätsbild nachhaltig gestört. //Bildrechte bei Acclaim

Lamento

Sprung ins Jahr 2015: Ich habe nicht mehr ganz so viele Pickel und auch einen halbwegs ansehnlichen Bartwuchs. Acclaim existiert in der Form schon seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr. Activision hat sich von einem normalen Spielepublisher zu einem Uber-Konzern entwickelt, der Seelen frisst, das letzte Blut aus vorhandenen Serien auspresst (ja, ich mag Call of Duty eh auch) und Innovation auf die Schwarze Liste gesetzt hat. Der letzte Versuch in die Richtung der Funsport-Games war Tony Hawk’s Pro Skater 5 – das aber eigentlich der zehnte Eintrag in der Serie war -, das gelinde gesagt ein großer Rotzbrocken ins Gesicht der langjährigen Fans war.

Das passiert, wenn man seelenlose Bürokraten eine Spielentwicklung leiten lässt. Tony Hawk's Pro Skater 5 ist der Anus des Teufels. //Bildrechte bei Activision

Das passiert, wenn man seelenlose Bürokraten eine Spielentwicklung leiten lässt. Tony Hawk’s Pro Skater 5 ist der Anus des Teufels. //Bildrechte bei Activision

Warum ist es anscheinend so verflucht schwer geworden, eine Alternative für all jene zu bieten, die die Flucht vor FIFA und PES, vor Madden und NHL antreten? Ich will ja nicht mal viel. Gebt mir das Gefühl von 2000. Gebt mir gute, ehrliche Musik – Skatepunk und guter Hip Hop sind immer noch zu finden, wenn man sie nur sucht! Und verdammt noch mal, gebt mir nichts, das sich anfühlt, als würde es mit einem Joystick aus Marmelade gesteuert werden. Dann bin ich ja auch schon wieder glücklich und muss nicht solche nostalgischen Blogposts schreiben, sondern kann mich endlich wieder am Jahr 2015 freuen.

Written by: Alexander Schuh

Kaffeemaschinenbelagerer Und auf einmal bin ich wieder mittendrin. Eingestiegen in diese Branche ungefähr zwei Jahre vor dem Ende des großen C, hatte ich schnell einen Narren an den Irrungen, Wirrungen und Spaßungen gefressen, die das Erstellen von interessantem Content für Leser so bieten. Umso bitterer, als die Zeit dort endete und mich zurück ins Studium trieb. Nach dem ging´s dann den “klassischen” Weg mit seriösem Job entlang – was aber auf die Dauer auch nicht reicht, wenn man einen ganzen Affenzirkus im Kopf hat, den man gerne auch mal entlüften würde. Deswegen gibt´s diese Seite mit dieser Nase und denen links und rechts von hier. Feedback gerne unter schuh@continue-magazin.at oder über Twitter.