Tell Me Why

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Tell Me Why Review

Ein Familiendrama in Alaska.

Mit Tell Me Why veröffentlicht Xbox Game Studios ihr erstes in Episoden unterteiltes Werk zum Nachdenken für den Xbox Game Pass. Das Adventure, welches den Fokus auf eine Geschichte rund um das Thema Transgender legt, wurde von Dontnod Entertainment entwickelt, welche bereits zuvor mit Spielen wie Life is Strange für Aufsehen gesorgt hatten. Diesmal dreht sich alles um die Zwillinge Alyson und Tyler Ronan, welche eine recht tragische Kindheit hatten. Neben dem Verlust ihrer Mutter spielt auch die Transition von Tyler, einem der Zwillinge, eine große Rolle – nicht nur im Zusammenhang rund um ihren Verlust, sondern auch im Umgang mit den Mitmenschen in einem kleinen Städtchen in Alaska.

Wie bereits erwähnt, erscheint das Spiel in drei Episoden, die thematisch unterteilt sind und im Wochenrhythmus veröffentlicht werden. Wir konnten bereits vorab alle drei Episoden spielen, wodurch sich unser Review, natürlich spoilerfrei, auf das gesamte Erlebnis bezieht. Die kurzen Pausen zwischen den Episoden haben aber eigentlich den Grund, dass ihr nicht nur selbst das Erlebte verdauen könnt, sondern auch mit euren Freunden darüber diskutiert. Immerhin ist es ein Thema, das nicht alltäglich behandelt wird und so werden sich sicherlich einige Fragen auftun, deren Antworten ihr dann in Erfahrung bringen könnt, bevor ihr euch ins nächste Kapitel stürzt.

In den rund sieben Stunden, in denen ihr quasi einen interaktiven Film bedienen dürft, werden ihr auf eine gut geschriebene Geschichte mit einzelnen Rätselpassagen stoßen, die ihr nicht nur mit logischem Denken, sondern auch mit eurem Buch der Kobolde lösen müsst. Dieses Relikt aus eurer Kindheit enthält jede Menge Kurzgeschichten, welche eben über zwei Kobolde, als auch einige andere Fabeltiere erzählt werden und jede Menge Hinweise auf besagte Rätsel verborgen halten. Zudem gibt es auch das übernatürliche Talent der gemeinsamen Erinnerung und der geteilten inneren Stimme, mit denen Alyson und Tyler nicht nur kommunizieren, sondern auch Erinnerungsstücke ihrer Kindheit vor Augen sehen. Was vielleicht etwas deplatziert wirken mag, macht aber wohl durchaus Sinn. Man sagt Zwillingen ja nach, dass diese den Schmerz des anderen fühlen können und außerordentlich stark miteinander verbunden sind, selbst wenn sie tausende Kilometer von einander entfernt sind.

Im Verlauf des Spiels wir auch sehr klar, dass Erinnerungen stark schwanken können und die Perspektive vieler Erlebnisse diese meist in ein ganz anderes Licht rücken. Wie auch im echten Leben knallen dann zwei Meinungen aufeinander, die voller Überzeugung vertreten werden. Im Spiel muss man sich dann zwischen solchen Erinnerungen entscheiden, welcher man dann Glauben schenken möchte und welcher eben nicht. Auswirkungen hat das aber nur wenig spürbare, da habe ich die Gewalt meiner Entscheidung schon vermisst. Im Vergleich zu Telltale-Spielen, die dann recht einschneidende Erlebnisse bieten, enttäuscht das Spiel hier ein wenig.

Dafür lebt das Spiel von der Geschichte, die zwar vorhersehbar ist und manchmal ein wenig mit übernatürlichen Erklärungen schummelt, aber insgesamt doch recht unterhaltsam war. Allerdings kann ich mich nicht ganz mit dem Umgang der Mitmenschen anfreunden, nachdem, was alles passiert ist. Daher bin ich etwas geteilter Meinung, was die Glaubwürdigkeit des Ganzen betrifft. Was aber außer Frage steht, ist die Porträtierung von Tyler, welcher im Zuge der Zusammenarbeit mit GLAAD ausgearbeitet wurde, um eine authentische Darstellung eines Trans-Charakters darzustellen. In diesem Bereich legt Tell Me Why die Messlatte für weitere Spiele mit diesem Bezug wohl sehr hoch.

Grafisch kann das Spiel auf dem PC in 4K anfangs nicht ganz überzeugen, bietet im weiteren Spielverlauf aber die ein oder andere bildgewaltige Szene. Technisch ist es leider nicht ganz ausgereift, aber allemal zweckdienlich. Nur die Anwahl der Hotspots per Controller, mit denen man interagieren kann, ist wirklich schlecht umgesetzt. Hierzu muss man die Kamera in die Richtung des Hotspots bewegen, aber auch richtig positioniert sein. Sind mehrere Hotspots nebeneinander, kann das schon mal zur Akrobatiknummer mit der Kameraführung werden. Da ist die Bedienung per Maus hilfreicher.

Zusammenfassend hatte ich ein doch recht gutes Erlebnis, welches die ein oder andere Frage in Bezug auf Transgender aufgeworfen hat, wodurch ich mich näher mit dem Thema beschäftigt habe. Ich denke, dass das Spiel hier sein Ziel erreicht hat – zumindest bei mir. Leider bin ich von der Geschichte und dessen Erklärung nicht ganz überzeugt und die technischen Hickups hatten mich auch das ein oder andere Mal verärgert. Aber prinzipiell ist Tell Me Why ein Erlebnis, welches Game Pass Kunden ohnehin “im Preis inbegriffen” ausprobieren können, ohne dafür tief in die Tasche greifen zu müssen. Also warum nicht einfach mal selbst die Geschichte erkunden?


Wir bedanken uns beim Publisher für die Bereitstellung eines Testmusters. Bitte beachtet auch unsere Wertungs-Richtlinien, an denen wir uns orientieren.

The Good

  • Gute ausgearbeitetes Transgender-Thema
  • Ordentlich geschriebene Geschichte
  • Toller Spannungsbogen über drei Kapitel

The Bad

  • Nicht jedermanns Geschmack in Bezug auf die Art der Geschichtserzählung
  • Sehr viel englischer Text zu lesen und Sprachausgabe ebenfalls nur in Englisch (zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung)
  • Teschnisch unsauber
7

Written by: Michael Pölzl

Geschichten-aus-dem-Leben-Erzähler Wenn mein Handy läutet, lese ich zumeist Namen am Display, die mir schlaflose Nächte bereiten werden. Dieses Mal war es aber gar nicht mal so schlimm, denn es ging um ein Projekt, an dem viel Nostalgie hängt und zugleich ein Thema behandelt, welches genau meinen Nerv trifft: Videospiele! Meine Laufbahn in der Branche hat nun doch schon einige Jahre am Rücken und auch diesmal konnte ich nicht "Nein" sagen. Das Extraleben musste abermals eingeworfen werden und Continue wurde endlich Realität. Aber was mache ich hier eigentlich? Nunja, ich werde mein Auge auf alle technischen Dinge hier werfen und wohl auch das ein oder andere Mal über meine Geschichten aus dem Videospielleben erzählen. Und davon habe ich viele auf Lager, stay tuned! Ach und Leserpost ist natürlich immer willkommen: poelzl@continue-magazin.at