Need for Speed Payback

By on on Reviews, 2 More

Need for Speed Payback Review

Need for Pay2Win.

Electronic Arts hatte rückblickend keine leichten Wochen gehabt, wurde doch alles vom Star Wars: Battlefront II Fiasko überschattet. So auch der neueste Ableger Payback der Need for Speed Franchise, welcher einen ähnlich dunklen Pfad beschreitet, als Disney’s Milliarden-Franchise. Letztes Jahr gönnte man der rasanten Reihe eine wohl verdiente Pause, da sich – wie bei nahezu allen Endlos-Fortsetzungen – etwas Reizlosigkeit breit machte. Immerhin läuft die Need for Speed Reihe bereits seit 1994. Doch so wirklich gut getan hat dies dem Spiel nicht. Im Laufe des Jahres hielten nämlich verstärkt Lootboxen Einzug in unser geliebtes digitales Hobby auf Heimkonsolen und verpesteten so ein Spiel nach dem anderen. Potentielle Anwärter auf das Spiel des Jahres wurden binnen weniger Augenblicke zu einem Opfer für die Wühlkiste degradiert und werden wohl schneller in Vergessenheit geraten, als sie das ursprünglich verdient hätten. Need for Speed Payback wäre vielleicht kein bahnbrechendes Spiel mit der Story des Jahrzehnts geworden, aber möglicherweise durchaus solide. Nun bleibt dem Spiel aber nicht mal mehr das, nachdem Electronic Arts ihrer Gier nach mehr Mikrotransaktionen (und folglich mehr Geld aus eurer Tasche) frönen musste und das Spiel so selbst zerstörte.

In der Geschichte, auf welcher der gesamte Fokus des Spiels liegt, übernehmt ihr abwechselnd die Rolle dreier pubertierender Charaktere mit unterschiedlichen Fähigkeiten. In der mit einem Fast & Furious Film zu verwechselnden Inszenierung weiß die Präsentation eigentlich vom ersten Moment an zu beeindrucken: die lebendigen Charaktere, die abwechslungsreiche und detaillierte Kulisse, als auch die dynamische Erzählweise des Geschehens. Die Story an sich ist aber flach wie ein Turnschuh und „halt da“. Aber prinzipiell wäre in einem Rennspiel diese auch eher nur ein Alibi für den Zusammenhang einzelner Rennen, Herausforderungen und sonstigem Reifenqualm. Auch wenn man mit den Hauptcharakteren diesmal aufgrund von sinnlosem und nervigen Geplapper nicht wirklich sympathisieren kann, so bleibt einem doch der Ausblick auf das, was man mit dem eigenen Boliden hervorbringt. Doch das ist anfangs schwieriger, als gedacht, da euer Super-Coup mächtig in die Hose gegangen ist und ihr einen Autodiebstahl völlig versemmelt habt. Um nicht komplett unter die Räder zu gelangen, gibt euch euer Widersacher, den ihr bestohlen habt, eine zweite Chance – immerhin will er sein Auto zurück haben und ihr eure süße Rache genießen. Also beschließt ihr euch wohl oder übel zusammenzuarbeiten und zurück zum Start zu gehen.

Doch lassen wir die Story mal Story sein und beschäftigen wir uns mit dem Wesentlichen eines Need for Speed Spiels: Rennen, Modifikationen und Upgrades. Nun, hier beginnt das Übel seinen Lauf zu nehmen. Ihr habt zwar jede Menge im Spiel zu tun und das unfreiwilligerweise auch mehr, als euch lieb ist, aber das was Ghost Games im Auftrag von Electronic Arts hier verbrochen hat, ist wohl unerklärlich und unentschuldbar. Die Essenz eines Fahrzeug-Fans ist es, neue Teile für sein Gefährt zu erwerben und es aufzumotzen. Obendrein wären auch einige optische Modifikationen noch ein Hit. Doch was, wenn ich euch sage, dass das alles nur Schein ist? Electronic Arts hat es geschafft, nicht nur Lootboxen und Mikrotransaktionen in dieses Vollpreisspiel zu stopfen, sondern sie haben aus Need for Speed auch noch ein Kartenspiel gemacht. Sämtliche Upgrades und Mods kommen aus den unbeliebten Sonderboxen oder vereinzelt auch nach einem Rennsieg. Dort könnt ihr dann aus mehreren so genannten „Speed Cards“ eine einzelne ziehen, um euer Glück herauszufordern. Diese Speed Cards sind in mehrere Kategorien eingeteilt und haben eine Zahl abgedruckt. Je höher die Zahl, desto besser der Effekt, der erzielt werden kann, solltet ihr diese Karte an eines eurer Gefährte anlegen. Habt ihr keine Verwendung mehr für eine Karte, könnt ihr diese gegen einen Token eintauschen, mit denen ihr immer im Dreierpack eine Karte neu auswürfeln lassen könnt – Erfolg nicht garantiert. Die Krönung des Ganzen ist jedoch, dass diese Speed Card immer rein zufällig sind, auch jene, die es in den Ingame-Shops für Ingame-Geld zu kaufen gibt. Somit ist es völlig unmöglich, ein gezieltes Upgrade an den Autos vorzunehmen.

Addiert man sämtliche ausgerüstete Speed Cards zusammen, erhält man des Gesamtscore eines Autos. Neue Herausforderungen sind dann meist weit höher in der empfohlenen Autowertung, sodass man ein unliebsames Grinding vornehmen muss, um überhaupt eine Chance bei solchen Rennen zu haben, in denen der Gummiband-Effekt schlimmer ist, als in irgendeinem Rennspiel zuvor. Grinding, welches mit dem Kauf von Premium-Lootboxen umgangen werden könnte. „Könnte“, da selbst aus Lootboxen nicht immer garantiert eine bessere Karte erhalten werden kann. Demnach ist dieses System Gambling par excellence und sollte von den Glücksspiel Aufsichtsbehörden umgehend begutachtet werden (wie es im Fall von Star Wars: Battlefront II bereits wird). Das hat absolut nichts, aber auch gar nichts in einem Vollpreisspiel bzw. überhaupt einem Spiel zu suchen, welches von einem so genannten „Triple A“ Studio stammt und von Haus aus eine unverbindliche Preisempfehlung von rund 70 Euro aufweist.

Das einzig Nennenswerte ist, dass es wirklich viel in der offenen Welt (welche jedoch durch gähnende Leere brilliert) zu entdecken gibt. Beispielsweise auch versteckte Autoteile, deren Hinweise man erst knacken muss, um diese mit waghalsigen Sprüngen und Manövern zu erreichen, um dann einen neuen Boliden in der Garage zusammenzubasteln. Das erinnert ein wenig an Burnout Paradise, welches bis heute für mich das beste Rennspiel aller Zeiten ist. Doch davon werden wir wohl keinen weiteren Ablegen sehen, da Electronic Arts die Entwickler davon auf das Abstellgleis gesetzt hat und die Marke Need for Speed wohl mehr potentielle Käufer anspricht. Aber irgendwie auch wieder gut so, denn damit bleibt der Burnout Reihe die Verstümmelung erspart, die derzeit die meisten Games von Electronic Arts, Take 2, Ubisoft und Warner erfahren. Ich persönlich hoffe, dass dieser Schwachsinn bald ein Ende nimmt und Spiele wieder Spiele sein werden.

Wertung

Summiert man all das oben geschriebene zusammen, so erhält man am Ende eine Wertung, die niemanden begeistern wird. In den letzten Tagen habe ich mir viele Reviews durchgelesen oder auf diversen Videokanälen angeschaut, da ich wissen wollte, ob Leute diese Lootbox-Orgie abstrafen, wie sie es überall angekündigt haben. Dabei fällt jedoch auf, dass der Text niemals zur Wertung passt. Klar, Texte liest heute kein Mensch mehr – jeder schaut nur auf die Zahl am Ende. Da kann das Spiel dann im Geschriebenen völlig abgestraft werden – solange am Ende eine 7/10 steht, fällt man zumindest nicht vom Presseverteiler oder verliert seine Anzeigen. Nun, das ist kein seriöser Journalismus. Ein mittelmäßiges Spiel hat in einer voll ausgeschöpften Wertungsskala eine 5/10 verdient. Schlechte Spiele fallen darunter. Need for Speed bietet euch spielspaßmindernde Elemente, wie eben undurchsichtige Lootboxen mit dazugehörigen Mikrotransaktionen und weist dadurch ein schlechtes Pacing des Spielfortschrittes mit verbundenem Zwangs-Grinding auf. Ergo ist die Wertung hierfür begründet und untermauert. Need for Speed Payback war obendrein noch enorm schwer zu beurteilen, da die Entwickler während den ersten Release-Wochen das Belohnungssystem angepasst haben, sodass sich das Spiel am Tag eins anders als jetzt verhalten hat. In meinen Augen nur ein schwacher Trost für den Shitstorm, der davor losgetreten wurde. Need for Speed Payback ist demnach zwar spielbar, aber nicht so, wie es ein Vollpreisspiel zu sein hat und definitiv keine Empfehlung. Schade.

Wir bedanken uns bei Electronic Arts für die Bereitstellung eines Testmusters. Bitte beachtet auch unsere Wertungs-Richtlinien, an denen wir uns orientieren.


Wer uns unterstützen möchte, kann über unseren Amazon-Partnerlink oder direkt über folgende Auswahl einkaufen. Der Preis bleibt unverändert; uns kommt jedoch ein kleiner Betrag zugute, über den wir uns natürlich freuen würden 🙂

The Good

  • Grafische Repräsentation recht ansprechend
  • Riesige offene Spielewelt

The Bad

  • Lootbox-Galore
  • Bitterer Pay2Win-Beigeschmack
  • Karten als Verbesserungen statt echter Autoteile
  • Ohne zusätzlicher Geldinvestition ein Grind-Fest
  • Gummiband-Effekt bei Rennen nur zum eigenen Nachteil
  • Polizei übelst gescriptet und wie immer unrealistisch im Verhalten
  • Leere Spielwelt ohne Menschen und mit wenigen Autos
3

Written by: Michael Pölzl

Geschichten-aus-dem-Leben-Erzähler Wenn mein Handy läutet, lese ich zumeist Namen am Display, die mir schlaflose Nächte bereiten werden. Dieses Mal war es aber gar nicht mal so schlimm, denn es ging um ein Projekt, an dem viel Nostalgie hängt und zugleich ein Thema behandelt, welches genau meinen Nerv trifft: Videospiele! Meine Laufbahn in der Branche hat nun doch schon einige Jahre am Rücken und auch diesmal konnte ich nicht "Nein" sagen. Das Extraleben musste abermals eingeworfen werden und Continue wurde endlich Realität. Aber was mache ich hier eigentlich? Nunja, ich werde mein Auge auf alle technischen Dinge hier werfen und wohl auch das ein oder andere Mal über meine Geschichten aus dem Videospielleben erzählen. Und davon habe ich viele auf Lager, stay tuned! Ach und Leserpost ist natürlich immer willkommen: poelzl@continue-magazin.at