Detroit: Become Human

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Detroit: Become Human Review

Quantic Dream sorgt für das nächste Spektakel.

Wenn man sich das Portfolio des französischen Videospieleentwicklers Quantic Dream so ansieht, dann zieht sich das Prinzip, welches das Studio verfolgt, seit spätestens 2005 wie ein roter Faden durch ihre Spiele. Fahrenheit war damals ein Vorreiter in Sachen immersiver und spannender Videospiele, welche Kinofilmen bereits sehr ähnlich waren. Es gab multiple Perspektiven auf das Geschehen, große Spannungsbögen, hektische Entscheidungsfindungen und eine cineastische Präsentation. Das hat sich all die Jahre danach bei Projekten wie Heavy Rain oder auch Beyond: Two Souls nicht geändert und findet sich auch im neusten Machwerk Detroit: Become Human wieder. Durch die immer weiter fortschreitende Technologie und den immer stärker werdenden Konsolen bietet das futuristisch angehauchte Spiel rund um Androiden und dem damit verbundenen Aufstand eine beeindruckende Präsentation, die einen in seinen Bann zieht. Doch kann Detroit: Become Human auch spielerisch überzeugen? Finden wir es heraus!

Prinzipiell erlebt ihr eine interaktive Geschichte, die sich auf drei Hauptcharaktere aufteilt. Da wären zum einen Connor, ein Android, welcher Abweichlern nachjagt, die sich von ihrem Programmcode und dem damit verbundenen Verhalten distanzieren. Seine Aufgabe ist es, die Sicherheit der Menschheit zu gewährleisten. Kara, ein weiterer Android, hat seine Aufgabe in einem Haushalt in Detroit. Sie soll nicht nur Kindermädchen für Alice, der Tochter eines gewalttätigen Vaters, spielen, sondern entwickelt mit der Zeit ein künstliches Bewusstsein und bricht aus ihrem Dasein als folgsamer Android aus. Und zu guter Letzt lernt ihr auch noch die Geschichte von Markus kennen, der für einen alten und im Rollstuhl sitzenden Künstler nicht nur eine Pflegehilfe, sondern auch einen Begleiter für das Leben darstellt. Alle drei haben ihre eigene Geschichte zu erzählen und verlangen euch Entscheidungen ab, die ihre eigene Zukunft und den Fortlauf des Spiels beeinflussen. Wie auch schon in vorangegangenen Spielen von Quantic Dream hat jede Entscheidung auch gravierende Auswirkungen auf unterschiedliche Aspekte von zwischenmenschlichen Beziehungen oder auf ganze Geschichtsabschnitte. So kann es vorkommen, dass ihr Teile des Spiels gar nicht zu spielen bekommt, da einer eurer Charaktere frühzeitig verstorben ist oder ihr einfach einen völlig anderen Weg eingeschlagen habt. Dies ist zwar etwas entschärft worden, aber immer noch teilweise präsent.

Ganz speziell spreche ich hier die Geschichte von Connor an, der mehrmals sterben kann, was jedoch keine gravierenden Auswirkungen auf seine Geschichte hat. Er ist nunmal ein Android und sein Modell kein einzigartiges. Daher können nach seinem Tod auch seine bislang gesammelten Daten auf das nächste Modell übertragen werden und ihr spielt so weiter, als wäre nie etwas geschehen. Meiner Meinung nach verabsäumt es Quantic Dream hier einen mutigen Schritt zu gehen. Ließe man den Charakter gänzlich sterben und öffnet damit eine riesige Story-Lücke, würde das wohl den Wiederspielwert um ein Vielfaches steigern, denn dann würde das Rätselraten um das, was inzwischen passiert wäre, wohl keine Grenzen mehr kennen. Leider überschneiden sich aber die einzelnen Geschichten kaum, wodurch das dann ohnehin keinen Sinn gemacht hätte. Bei stärker verknüpften Geschichtsabschnitten wäre dies aber definitiv interessant geworden. Vielleicht ein Punkt, über den Quantic Dream in ihrem nächsten Spiel nachdenken sollten. Ansonsten bleibt es beim üblicherweise recht langweiligen Drücken diverser Buttons am Controller oder dem Schütteln bzw. Neigen dessen. Letzteres funktioniert auch relativ bescheiden, wodurch sich immer wieder Ärger breitmacht und die Frage aufwirft, ob diese Quicktime-Events wirklich die Immersion steigern oder einen eigentlich rausreißen. Vor allem in hektischen Situationen, in denen man nicht mehr nur Geschirr abwäscht oder den Müll hinausbringt, ist es manchmal frustrierend, wenn man nicht innerhalb kürzester Zeit den richtigen Button erwischt und man wieder mal R1 mit R2 verwechselt. Wer hält seine Controller mit beiden Fingern auf den Schultertasten? Abgesehen davon fände ich es persönlich fairer und nachvollziehbarer, wenn eine meiner Entscheidungen Auswirkungen auf den Verlauf der Geschichte hat und nicht eine verpatzte Action-Szene. Doch Quantic Dream will offenbar auch diesmal nicht von seinem mittlerweile 13 Jahre alten Rezept abweichen.

Sieht man aber von all dem mal ab, dann sind Neuerungen, wie beispielsweise die Konstruktion einzelner Action-Passagen, ein sehr willkommenes Feature. So könnt ihr an einem Tatort, welchen ihr untersucht, einen Übergriff nachstellen, indem ihr Szenen immer wieder vor- und zurückspult und Schlüsselpunkte mit der Umgebung verknüpft. So lässt sich herausfinden, ob jemand gestürzt ist, angegriffen wurde oder auch äußerliche Einflüsse im Spiel waren. Connor kann sich auch mit anderen Androiden verknüpfen und ihre aufgezeichneten Begegnungen auslesen. So wird das Verfolgungsspiel zu einem nicht ganz leichten, aber definitiv einfacheren. Die Geschichte ist aber eigentlich das Hauptaugenmerk des Spiels und sehr cineastisch in Szene gesetzt worden. David Cage ist für das Script verantwortlich und man merkt an diversen Kameraeinstellungen oder wie Situationen in Szene gesetzt wurden, dass der gute Mann lieber Regisseur geworden wäre, als Videospieleentwickler. Dem Spiel tut das jedenfalls sehr gut und auch die Tiefe einiger Charaktere kann überzeugen – auch wenn es ab und an mal Szenen gibt, in denen die Glaubwürdigkeit unter der rapiden Wendung einiger Prinzipien leidet, obwohl man keinen Entscheidungseinfluss auf diese hat. Doch diese sind glücklicherweise an einer Hand abzuzählen.

Schön ist auch, dass sich das gründliche Untersuchen von Umgebungen und das Investieren von Arbeit in zwischenmenschlichen Beziehungen auszahlt. So schaltet man neue Wege frei, die einem sonst verwehrt geblieben wären. Findet man beim Hausputz beispielsweise eine Waffe in einer Schublade, kann man diese nehmen und mehrere Kapitel später auch verwenden. Beziehungen beeinflussen hingegen Dialoge, die mehr über Charaktere verraten und die Bindung weiter stärken. Abgerundet wird das alles von einem sehr stimmigen und monumentalen Soundtrack, der die einzelnen Szenen perfekt unterstreicht. Am Ende eines jeden Kapitels bekommt ihr dann auch noch ein Flussdiagramm präsentiert, das euch zeigt, wie die Geschichte verlaufen hätte können. Selbstverständlich sind nur die von euch gewählten Wege offenbart und den Rest gilt es in einem neuen Abenteuer freizuspielen. Den Wiederspielwert schätze ich für jemanden persönlich eher gering ein. Viel spannender wird es, wenn beispielsweise der Partner oder Freunde ihren Versuch wagen und dann darüber gesprochen wird. In meinem Fall wurde sehr viel währenddessen diskutiert, warum und wieso ich mich so entschieden hatte. Meine Antwort darauf war immer nur, dass man es selbst spielen und eigene Entscheidungen treffen sollte. Ich bin gerne dabei, wenn das passiert, denn ich würde gerne erleben, welchen Verlauf die Geschichte dann nehmen würde. Man selbst tendiert wohl auch bei mehrmaligem Durchspielen eher zu den selben Entscheidungen, da man doch immer wieder mit den Charakteren sympathisiert oder auch nicht.

Fazit

Detroit: Become Human ist ein durchwegs interessanter Titel, der auf eine starke Geschichte und tiefgründige Charaktere baut. Dies ist auch weitgehend gelungen und zusammen mit der Präsentation und dem fantastischen Soundtrack bekommt man ein absolut packendes Erlebnis serviert. Leider ist nach wie vor die Steuerung der große Spaßverderber und Quantic Dream sollte sich für den nächsten Titel etwas anderes, als die zwanghaften Quicktime-Events überlegen. Einer Geschichte einen ungewünschten Verlauf zu verpassen, indem man die falsche Taste drückt, ist keinesfalls das, was man möchte. Vielmehr möchte ich mit schwierigen Entscheidungen das erreichen, was mir im Kopf vorschwebt. Ich persönlich kann Detroit: Become Human durchaus empfehlen, da es ein Erlebnis ist, das man sonst in dieser Form nicht geboten bekommt. Auch wenn es wieder nur “more of the same” der üblichen Quantic Dream Spiele ist, ist es auf jeden Fall einen Blick wert.


Wir bedanken uns beim Publisher für die Bereitstellung eines Testmusters. Bitte beachtet auch unsere Wertungs-Richtlinien, an denen wir uns orientieren.

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Detroit: Become Human für PlayStation 4

The Good

  • Präsentation ist erstklassig
  • Spannende Geschichte mit unzähligen Ausgängen
  • Monumentaler Soundtrack

The Bad

  • Steuerung nicht so schlimm, wie in anderen Quantic Dream Spielen, dennoch katastrophal
  • Lineare Kapitel werfen einen ein wenig aus der Immersion und lassen das gewisse Etwas vermissen
  • Manche Story-Wendungen sind zu abrupt und nagen an der Glaubwürdigkeit
8

Written by: Michael Pölzl

Geschichten-aus-dem-Leben-Erzähler Wenn mein Handy läutet, lese ich zumeist Namen am Display, die mir schlaflose Nächte bereiten werden. Dieses Mal war es aber gar nicht mal so schlimm, denn es ging um ein Projekt, an dem viel Nostalgie hängt und zugleich ein Thema behandelt, welches genau meinen Nerv trifft: Videospiele! Meine Laufbahn in der Branche hat nun doch schon einige Jahre am Rücken und auch diesmal konnte ich nicht "Nein" sagen. Das Extraleben musste abermals eingeworfen werden und Continue wurde endlich Realität. Aber was mache ich hier eigentlich? Nunja, ich werde mein Auge auf alle technischen Dinge hier werfen und wohl auch das ein oder andere Mal über meine Geschichten aus dem Videospielleben erzählen. Und davon habe ich viele auf Lager, stay tuned! Ach und Leserpost ist natürlich immer willkommen: poelzl@continue-magazin.at