Assassin’s Creed Odyssey

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Assassin’s Creed Odyssey Review

Die Antike ruft.

Nach der letztjährigen Rückkehr der Assassin’s Creed Franchise nach einer kurzen Nachdenkphase, um sich wieder auf die Qualität und nicht Quantität des Gebotenen zu konzentrieren, pendelt sich die Cashcow von Ubisoft auch wieder in den jährlichen Veröffentlichungs-Rhythmus ein, um sich keinerlei Profit entgehen zu lassen. Assassin’s Creed Origins konnte man gewissermaßen als lange überfälligen Reboot der Serie ansehen, machte dieser doch vielen anders und vieles auch komplett neu. Die Pause tat der Franchise sichtlich gut, welche danach in vielen Aspekten wieder beeindrucken konnte. Nun, ein Jahr später, verlegt man das Setting von der ägyptischen Mythologie auf die griechische Antike mit dem Fokus auf dem Krieg der Athener und Spartiaten. Doch reicht ein neues Setting dieses Jahr aus, um euch erneut zur Kasse zu bitten? Wir haben uns für euch in die Schlacht geworfen und viel Gutes zu berichten!

Ehrlich gesagt, kann mich persönlich kein Assassin’s Creed mehr so richtig vom Hocker hauen. Wobei sich die Frage stellt, ob mich überhaupt jemals wieder etwas nachhaltig beeindrucken kann. Ich habe in meiner Laufbahn einfach schon alles gesehen und das meiste davon auch gespielt. Wirkliche Überraschungsmomente gibt es nur mehr wenige. So auch in der Assassin’s Creed Franchise, die prinzipiell die gleiche bewährte Formel jedes Jahr einfach nur in ein neues Gewand packt. Doch das, was man Ubisoft zugute halten muss, ist, dass sie dennoch an der Formel schrauben und viele neue Feinheiten in Assassin’s Creed Odyssey gepackt haben. Hatte man in Origins erstmals ein neues Kampfsystem handhaben dürfen, so wurde dieses in Odyssey mit ein paar mehr Kniffen verfeinert. Es erinnert immer noch stark an Dark Souls, wenn auch weniger bestrafend, und fordert durchaus Geduld von euch. Diesmal könnt ihr aber auch den neuen Adrenalinbalken nutzen, um eine von bis zu acht ausrüstbaren Fähigkeiten zu nutzen, welche auf euren Adrenalinvorrat zurückgreifen. Beispielsweise könnt ihr so schwungvolle Sturmangriffe vollführen, präzise und starke Pfeile durch die Lüfte jagen oder euch auch in brenzligen Situationen heilen. Es bringt ein wenig Abwechslung in die nach wie vor sehr gelungenen Kampfhandlungen.

Euer Talentbaum lässt euch wieder in verschiedene Zweige investieren, die diesmal völlig unabhängig von einander sind. So könnt ihr lieber auf Stealth spielen und euch aus allen möglichen Lagen an eure Opfer heranschleichen; den Krieger in euch erwachen lassen und mit dem Kopf durch die Wand preschen oder auch mit unfairen Tricks arbeiten, wie beispielsweise Giftangriffe. Der Schwierigkeitsgrad ist aber wie auch schon in Origins enorm hoch, wodurch ihr keine Quests annehmen solltet, die mindestens eurem Level oder höher entsprechen. Leider kommt hier der Grind wieder mal nicht zu kurz. Ubisoft bietet immerhin einen permanenten Erfahrungs-Boost für schlappe 1.000 Credits (rund zehn Euro) an, um so voranzukommen, wie es wohl wünschenswert gewesen wäre. Aber die Problematik gab es ja auch schon in Origins und es wäre naiv gewesen, hätte man eine Änderung dessen erwartet. Schade, denn wenn man sich lediglich auf die Hauptgeschichte konzentrieren möchte, ist dies de facto nicht möglich. Nebenmissionen sind damit essenziell für den Fortschritt in der Geschichte, wodurch sich auch die Spielzeit auf rund 40-60 Stunden ausweitet – je nachdem, wie geschickt ihr euch anstellt und wie viel Grind bzw. unterstützende Zusatzkäufe ihr in Kauf nehmt. Die Missionen selbst sind aber größtenteils recht gelungen, von einigen generischen Gurken mal abgesehen.

Auch die Schiffe sind wieder zurück und laden euch zu hitzigen Seeschlachten ein. Die Steuerung dieser ist nach wie vor dieselbe, wenn auch recht unrealistisch – aber wen interessiert das schon, wenn es dem Zweck und Spaß dient? So könnt ihr frei navigieren und im perfekten Moment eine Salve an Pfeilen auf eure Kontrahenten herabregnen lassen. Einem Gegenangriff könnt ihr mit perfektem Timing natürlich auch ausweichen, es sei denn, dieser greift ebenfalls mit Geschossen an und rammt euch nicht von der Seite. Selbiges könnt ihr natürlich aber auch retournieren. Um eure Flotte zu stärken, könnt ihr über das Land verteilt immer wieder neue Leute und Befehlshaber für euch gewinnen. Das macht ihr einerseits durch das mehr oder weniger freiwillige Überreden von Kriegern oder dem geschickten Spiel eures Charmes. Hin und wieder könnt ihr mit wichtigeren NPCs interagieren und Quests für diese erfüllen. So kommt ihr ins Gespräch und könnt die Konversation auch gezielt dahin lenken, dass man euch am Ende die Unterstützung zusagt.

Apropos Gespräche: die Interaktion mit den Charakteren um euch rum hat eine neue Ebene an Tiefgang gewonnen. Wie eben schon erläutert, ist es möglich, dass ihr mit Menschen tatsächlich kommuniziert und nicht mehr nur den vorgegebenen Dialogen lauscht. Ihr könnt zwischen mehreren Antworten wählen, die wiederum gewisse Auswirkungen auf die Geschichte oder die einzelnen Charaktere haben. Lasst ihr die Diebe am Leben oder verpasst ihr diesen den Gnadenstoß? Flirtet ihr mit eurem Gegenüber ein wenig, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen oder geht ihr aufs Ganze und fangt eine Liebesbeziehung an? Die Auswirkungen eurer Entscheidungen sind unterschiedlich gewichtig, dennoch ist es ein netter Bonus für eure Reise durch Griechenland. Außerdem könnt Assassin’s Creed Odyssey erstmals sowohl als männlicher als auch weiblicher Hauptcharakter spielen. Die Geschichte ändert sich deshalb zwar nicht, aber ihr könnt euch nun auch als Kriegerin auf die Reise begeben. Die Hauptcharaktere sind im Übrigen Geschwister, wodurch auch der Plot von Odyssey erhalten bleibt.

Wenn man sich bei Assassin’s Creed Odyssey einen Punkt herauspicken müsste, der vollends überzeugen kann, dann ist das definitiv die Präsentation. Dort wo Origins bereits letztes Jahr in allen Belangen überzeugen konnte, legt man nun nochmals einen drauf. Die griechische Landschaft, deren Monumente und Habitate sind beeindruckend realistisch und glaubwürdig gestaltet worden. Die Welt ist zudem die größte bislang in Szene gesetzte und wirkt auch nicht mehr ganz so leer, wie einem Ägypten hin und wieder vorkam. So kann es durchaus mal vorkommen, dass man sich in der Welt beim Erkunden verliert und über die ein oder andere Mission stolpert, die man zuvor noch nicht entdeckt hatte. Mir passierte es beispielsweise, dass ich einen Krieger tötete, weil ich die bewachte Schatztruhe plündern wollte. Es stellte sich heraus, dass dieser der Anführer seinen Trupps war und es eine Quest dafür gab, die ich jedoch noch nicht aktiviert hatte. Dementsprechend überrascht war ich, als es plötzlich Erfahrungspunkte für den Abschluss dieser regnete und freute mich gleichzeitig auch, dass nicht alles erst “atkiviert” werden muss, um es abschließen zu können. Hier nimmt Odyssey einen großen Schritt nach vorne, wenn es um Gamedesign geht. Und auch sonst gibt es relativ viele Quality-of-Life-Verbesserungen, die einem das Leben einfacher machen.

Ein neuer Modus, welcher aufgrund der Geschichte perfekt dazu passt, ist die Gebietseroberung. Hier bleibt es euch überlassen, ob ihr daran teilhaben möchtet und vor allem: wem ihr eure Unterstützung zusagt. Greift ihr ein Gebiet an, werdet ihr in einen Kampf mit unzähligen Widersachern geworfen, was oft frustrierend chaotisch ablaufen kann – vor allem, wenn euer Level dafür nicht stimmt. Ihr müsst dann nach und nach Gegner beseitigen, welche alle eine Herausforderung für sich darstellen. Habt ihr die Stärke der gegnerischen Armee dann auf zirka die Hälfte reduziert, schenkt euch der Truppenführer und damit stärkste Kämpfer in den gegnerischen Kreisen seine Aufmerksamkeit. Zusätzlich gesellen sich immer bis zu zwei weitere lästige Unterstützer hinzu, wodurch ein Kampf gegen drei auf einmal durchaus ein jähes Ende nehmen kann, solltet ihr unachtsam sein. Die Belohnung für den Sieg fällt dann aber großzügig aus und gewährt euch zumeist auch spezielle Rüstungssets, welche ihr euch umschnallen und damit eure Statuswerte verbessern könnt.

Auch das Kopfgeld-System wurde neu hinzugefügt und zeigt euch jederzeit euren Prominenten-Status auf einer Skala von eins bis fünf in der Gegend an. Plündert ihr unerlaubt Schätze oder tötet Unschuldige, so gibt es Söldner, die ein Kopfgeld auf euch aussprechen. Ihr könnt dann entweder mit ein paar Drachmen Schweigegeld zahlen und euren Bekanntheitsgrad zurücksetzen oder auch den dafür verantwortlichen Söldner schlichtweg töten. Und wo wir schon bei Söldnern sind: da hat sich Ubisoft mit dem Söldner-System doch glatt was bei Mittelerde: Mordors Schatten abgeschaut. Es gibt anfangs bis zu 50 verschiedene davon, deren ihr euch nach und nach annehmen könnt und die je nach Rang eine eventuell hart zu knackende Nuss sind. So kreuzten wir beispielsweise mit einigen Söldnern die Wege, welche uns mit einem Schlag erlegten und einen Totenkopf als Symbol über dem Haupt trugen. Dementsprechend solltet ihr euch von diesen fernhalten und euch Gegner in eurer Größenordnung suchen, bis ihr das dementsprechende Level erreicht habt. Söldner sind aber eben praktisch für eurer Schiffsbesatzung, wodurch ihr diesen Aspekt des Spiels nicht unbedingt außer Acht lassen solltet.

Grafisch, als auch technisch zeigt sich das Spiel von seiner besten Seite, auch wenn ihr immer wieder mal auftretende Bugs belächeln dürft. So kann es schon mal sein, dass die Physik-Engine einen Aussetzer hat und Leichen quer durch die Lüfte fliegen; ihr an Objekten stecken bleibt und in Tiefe Abgründe fallt oder auch sonst recht ulkigen Situationen gegenübersteht. Ein absolut nerviges Vorkommnis, welches nicht wegzubekommen ist, wäre der “Sekunden-Freeze”, welcher offenbar auftritt, wenn man auf dem Pferd reitet und das Spiel irgendetwas im Hintergrund nachladen muss. Man merkt das recht schnell, wenn nicht nur das Pferd, sondern auch der Rest der Umgebung plötzlich für wenige Sekunden erstarrt, ehe alles wieder seinen gewohnten Lauf nimmt. Getestet wurde das Spiel auf der PlayStation 4 Pro und auch ein mehrmaliger Neustart der Konsole brachte keine Verbesserung. Ich denke nicht, dass Ubisoft hier einen Patch nachreicht, da man sicherlich schon gedanklich beim nächsten Ableger der Serie ist. Ich hoffe nur, dass man sich bis 2019 auch ein wenig Zeit nimmt, welche Probleme in den Griff zu bekommen und nicht gänzlich in alte Muster zurückfällt. Wohin das geführt hat, wissen wir ja alle.

Fazit

Assassin’s Creed Odyssey ist ein recht gelungener Ableger der Franchise und mit seiner monumentalen Größe und beeindruckenden Präsentation sicherlich ein richtiger Hingucker. Leider ruiniert sich Ubisoft seine Spieler immer wieder mit dem unnötigen und exzessiven Grind. Dass man dem Spieler dann auch noch vermeintlich tolle Boni à la Erfahrungs-Boosts verkaufen möchte ist schlichtweg widerlich und ein Hohn sondergleichen. Abgesehen davon bietet Assassin’s Creed Odyssey aber eine Menge Unterhaltung, wenn man die nötige Zeit und Geduld mitbringt. Leider verliert das Spiel mit Fortlauf an Momentum, da man in der riesigen Welt hauptsächlich mit Nebenmissionen beschäftigt ist, um überhaupt in der Geschichte weiterkommen zu können. Größer heißt eben nicht immer besser und das sollten sich Publisher mal wieder genauer überlegen. Man nehme ein The Legend of Zelda: Breath of the Wild: man kann gut und gerne mehr als 100 Stunden in das Spiel stecken. Man kann aber auch sofort zum Endboss laufen und das Spiel in rund 30 Minuten beenden. Alles dazwischen bleibt dem Spieler überlassen und wird einem in keiner Weise aufgezwungen. Wer will schon gerne langweilige Missionen spielen, um ein wenig Erfahrung zu sammeln, damit er das weiterspielen kann, das einen auch interessiert? Naja, jedenfalls werden Assassin’s Creed Fans, die selten über den Tellerrand blicken, definitiv ihre Freude damit haben. Ein schlechtes Spiel ist es deshalb ja nicht. Aber ich hab eben schon beinahe alles in meiner Laufbahn gesehen und da war halt auch schon Besseres dabei.


Wir bedanken uns beim Publisher für die Bereitstellung eines Testmusters. Bitte beachtet auch unsere Wertungs-Richtlinien, an denen wir uns orientieren.

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Assassin’s Creed Odyssey für PlayStation 4
Assassin’s Creed Odyssey für Xbox One
Assassin’s Creed Odyssey für PC

The Good

  • Riesige, liebevoll und detailgetreu gestaltetes Griechenland
  • Dialogoptionen mit unterschiedlichen Auswirkungen
  • Söldner- und Kopfgeld-System
  • Viele Missionen gut durchdacht, interessant und mit Folgemissionen
  • Gebietseroberungen

The Bad

  • Schwierigkeitsgrad künstlich durch wenig gewährte Erfahrung erhöht ...
  • ... wodurch ein unnötiger Grind aufgezwungen wird, den man per Zusatzkauf von einem Erfahrungs-Boost weitgehend eliminieren kann
  • Viele kleine Bugs und der nervige "Sekunden-Freeze"
  • Durch die Größe der Welt und den aufgezwungenen Nebenmissionen verliert die Geschichte an Momentum und Relevanz
8

Written by: Michael Pölzl

Geschichten-aus-dem-Leben-Erzähler Wenn mein Handy läutet, lese ich zumeist Namen am Display, die mir schlaflose Nächte bereiten werden. Dieses Mal war es aber gar nicht mal so schlimm, denn es ging um ein Projekt, an dem viel Nostalgie hängt und zugleich ein Thema behandelt, welches genau meinen Nerv trifft: Videospiele! Meine Laufbahn in der Branche hat nun doch schon einige Jahre am Rücken und auch diesmal konnte ich nicht "Nein" sagen. Das Extraleben musste abermals eingeworfen werden und Continue wurde endlich Realität. Aber was mache ich hier eigentlich? Nunja, ich werde mein Auge auf alle technischen Dinge hier werfen und wohl auch das ein oder andere Mal über meine Geschichten aus dem Videospielleben erzählen. Und davon habe ich viele auf Lager, stay tuned! Ach und Leserpost ist natürlich immer willkommen: poelzl@continue-magazin.at