10 Jahre Guild Wars: Release zur perfekten (Schul-)Zeit

Mein erstes MMORPG und eine meiner großen Videospiellieben ist eine Dekade alt geworden. Guild Wars erschien als ich noch Schüler war und genau deshalb konnte ich dem Erstwerk von ArenaNet unzählige Stunden meiner Frei- und Schulzeit schenken. Ein verträumer Rückblick auf die Welt Tyrias.

MMORPG. Der Genre-Hype der frühen 2000er zog Millionen nach Azeroth, einige Abtrünnige, darunter auch meine Freunde und ich, waren aber nicht bereit (mitunter gleichzustellen mit „hatten einfach nicht die Kohle übrig“) monatlich über 10 Euro für ein Spiel zu berappen. Genau diese Einstellung (oder die leere Geldbörse eines Schülers) beförderte uns direkt nach Tyria, der Welt von Guild Wars, wo wir tausende (3296 um genau zu sein) Stunden verbrachten und den Videospielspaß unseres Lebens erlebten.

Am 28. April 2005 begann die Saga mit Guild Wars: Prophecies. Dumm nur, dass ich damals noch immer Counter-Strike verfallen war und somit nichts vom Spiel oder dem Release mitbekam. World Of Warcraft war mir indes ein Begriff – wie hätte man diesem Trubel überhaupt entgehen können? Die Idee, in einer riesigen Welt mit anderen Menschen Quests zu bewältigen, weitentfernte Orte zu bereisen und ingame-Geschichte zu schreiben, gefiel mir jedoch sehr.

Um euch auf die kommende Reise einzustimmen oder falls ihr gar nicht wisst, wie Guild Wars aussieht, was es ist oder wie es sich spielt, ein guter Videobeitrag hierzu:

Auf nach Tyria

Kurz vor dem Jahresende kam Guild Wars erstmals bei uns zur Sprache. Einer meiner Freunde hatte es schon still und heimlich seit einigen Monaten gespielt, zwei weitere wollten es in der nächsten Woche kaufen. „ Wie WoW eben, bloß ohne Geld.“, ich war angefixt, die Kaufentscheidung schon längst abgeschlossen. Dennoch: Reviews lesen, Communites (Grüße an Wartower.de!)  abklappern, Bestellung abschicken, warten. Wartezeit, die äußerst gut genutzt wurde, um in mir brennende Fragen zu klären: Welche Klasse soll es werden? Welche Zweitklasse? Wie ist Hintergrundgeschichte?

Am 6. Januar 2006, ein Samstagmorgen, endete die Wartezeit und die Reise konnte endlich losgehen. Während des Frühstücks klingelte der Postbote, Dank Tracking-ID wusste ich es schon: Heute kommt es an, Guild Wars ist gleich da! Aufgeregt nahm ich das Paket entgegen, machte es vorsichtig auf und schmiss den PC an. Direkt auf den TS-Server meiner Freunde eingeloggt und die frohe Botschaft verkündet, jetzt waren wir schon zu viert! Installation abgeschlossen, erster Spielstart und gleich die ersten Zeitfresser: Charaktererstellung und Namensvergabe. Die Klasse (Waldläufer weil Bogen!) stand schon lange fest, alles andere hingegen nicht. Ein paar Momente später war Varo Deluxe bereit Tyria seine Dienste zu erweisen.

Die darauf folgenden Minuten (und Stunden) sind bis heute unvergesslich: Nach dem Introvideo stand ich in einer belebten und detailverliebten Welt, um mich herum dutzende anderer Spieler. Einige boten Waren an, andere verschwanden hinter den Toren Ascalons. Ein Freund erstellte einen Twink (erster Eintrag ins MMO-Fachwortlexikon) und wir begannen mit dem ersten Quest. Was soll ich sagen? Ich war gefangen, schwer begeistert von dem, was ich sah, hörte und erlebte. Die strahlende Sonne, das frische Grün und der malerische Wasserfall des Tutorials machen das Startgebiet von Guild Wars zu einem meiner absoluten Videospielhighlights.

gw

Da war die Welt noch in Ordnung: Die unknown Playaz bitten zum Gruppenfoto in Löwenstein. // Screenshot des Autors.

Guild Wars und ich werden eins

Es vergingen Quest um Quest, Stunde um Stunde, Monat um Monat. Als damaliger Schüler in der zwölften Klasse konnte ich das MMO nicht besser auskosten: Während des Unterrichts mit Freunden über neue Builds philosophiert, daheim fleißig gezockt und – wirklich wahr – in der Nacht nahezu täglich von Guild Wars geträumt. Klingt ein bisschen krank und verrückt, ich weiß. Doch ohne jegliche Verpflichtungen, abseits vom Müll rausbringen und Hausaufgaben (guter Witz!), konnte ich so intensiv wie irgendwie möglich meinem Hobby nachgehen.

Auch auf Parties, Pokerabenden und bei kleinen Treffen gab es fortan nur ein Thema, unser Dreh- und Angelpunkt war Guild Wars. Und wir konnten wirklich viele Leute „infizieren“, denn schon bald waren wir acht Freunde, die (fast) immer zusammen spielten. Alle anderen nervte es nur noch, Streit mit Nichtspielern und Tabus waren die Folge. Das Spiel schweißte uns allerdings nicht nur binär zusammen, täglich trafen wir uns im Kreise der „GWler“ am abgelegenden Schulhof auf ein Bier und Zigaretten, das Thema muss ich euch gar nicht erst verraten.

varo

Mein Alter-Ego in GW1. // Screenshot des Autors.

Story abgeschlossen, Endgame wir kommen!

In den ersten Monaten spielten wir ausschließlich PvE. Missionen absolvieren, im Riss des Kummers und dem Hochofen der Betrübnis farmen, Eliteskills in fernen Gebieten erbeuten, neue Chars erstellen, weitere Klassen ausprobieren, die Map erkunden, Plunder zum Kaufmann bringen, edle Waffen mit anderen Spielern handeln. Es gab so viel zu sehen, zu erforschen, zu bekämpfen, obwohl wir nicht einmal die anderen (kompetitiven) Modi erprobt hatten.

Denn die trugen maßgeblich zum Langzeitspaß bei und hievten das Spiel erst auf meinen persönlichen Gaming-Olymp. Als die unknown Playaz [uP] waren wir einige Jahre aktiv, fokussierten uns neben dem Aufstieg der Helden (AdH) vermehrt auf Gildenkämpfe (GVG) und fanden im Euro-Spike auch ein ideales Build, um einigen Top-Gilden das Fürchten zu lehren. Eine Teamgröße von acht Mitspielern stellte uns zwar vor Herausforderungen mit einhergehenden Wutausbrüchen, doch der Triumph ließ den steinigen Weg schnell vergessen.

Ich hätte niemals gedacht, dass ein Rollenspiel Counter-Strike die kompetitive Krone ablaufen kann, doch ich wurde eines besseren belehrt: Der Build-Bau, die nahezu unendlichen Möglichkeiten von Skills, Klassen und Waffen, garniert mit bis zu acht Mitspielern auf verschiedenen Maps bot Freiheiten, sich ganz nach Belieben zu entfalten und nach unserem Gusto Ideen umzusetzen. Und natürlich spielte der Freundesverbund Guild Wars ungemein in die Karten. Gibt es etwas cooleres, als mit den besten Freunden ein Online-Rollenspiel zu daddeln?

Im Aufstieg der Helden die "Halle holen". #gänsehaut // Screenshot des Autors.

Im Aufstieg der Helden die „Halle holen“. #gänsehaut // Screenshot des Autors.

Contentnachschub und warten auf Teil 2

ArenaNet wollte uns nicht mehr gehen lassen, anders kann ich die Contentflut nicht deuten: Nachdem Release von Prophecies im April 2005, erschienen bereits 2006 mit Factions und Nightfall gleich zwei Kampagnen mit je eigener Spielwelt, neuen Klassen und Skills. Die Geschichte ging von vorn los: Neue Welten erkunden, Missionen meistern, […] und es gelang wieder. Das gleiche Feuer fachte auf, weil alle Freunde noch dabei waren. Das Endgame hieß abermals PVP, wo die neuen Klassen und Skills neue Builds erschufen und das Metagame veränderten. Die erste Guild Wars-Reihe wurde 2007 von Eye of the North mit einem Abstecher in das kalte Reich der Norn und Zwerge abgerundet.

Die darauffolgenden Monate und Jahre ohne Content war ein ständiges On und Off. Wir wendeten uns anderen Spielen zu, um dann kurzerhand für einige Wochen wieder das alte Gefühl im GVG auferleben zu lassen. Es gelang nur mittelmäßig, denn die Spielerzahlen sanken, überfüllte Städte und dutzende Distrikte gehörten der Vergangenheit an. Der Lichtblick am Horizont hieß Guild Wars 2, den Previews nach zu Urteilen, sollte es das künstlerische Meisterwerk ArenaNets werden.

Doch die Magie des Vorgängers konnte es nicht einfangen. Zu viel hat sich vor allem bei mir und im Freundeskreis geändert und dies erschwerte Guild Wars 2 überhaupt erst das Durchstarten. Nicht alle waren vom Nachfolger begeistert, wir hatten auch nicht mehr so viel Zeit, da einige nun einer Arbeit nachgingen und im Studium mehr als noch in der Schulzeit mit Aufgaben eingespannt waren. Neben diesen Faktoren gingen ein paar Enttäuschungen auf die Kappe der Entwickler: Die Story-Missionen haben kaum Wiederspielwert und können nur bedingt zusammen gemeistert werden, da der Spielverlauf von vielen gewählten Entscheidungen abhängt und individuell verläuft. Das größte Problem bleibt allerdings das Endgame: Guild Wars ohne Gildenkämpfe, mein Herz schmerzt. Ebenso überzeugten die anderen PVP-Modi nicht, was einerseits dem Wegfall des klassischen Tank-Mage-Healer-Konzeptes und andererseits dem neuen Waffen-Fertigkeiten-System geschuldet ist. Nach etwas mehr als 500 Stunden bereue ich es dennoch nicht, mich intensiv mit dem Spiel beschäftigt zu haben. Die Geschichte rund um Tyria, die ich ebenso in den erschienenen drei Büchern verschlungen habe, reizt wie eh und je und auch die musikalische Untermalung, die teilweise aus dem Vorgänger übernommen wurde, begleitet mich fernab des Spiels und lässt mich nostalgisch zurückblicken.

generationenvergleich

Gestatten, Varo Deluxe. Einmal im Ur-Guild Wars und einmal in Guild Wars 2. // Screenshot des Autors.

Die Hoffnung bleibt

Das kommende Addon Heart of Thorns ist trotz der Schwächen des Hauptspiels ein Pflichtkauf für mich, weil es nicht nur die Story um die Alt-Drachen vorantreibt, sondern mit dem neuen PVP-Modus Festung das alte Feeling vom grandiosesten Multiplayerpart der Geschichte zurückbringen könnte. Da kneif ich auch gern beide Augen zu und sehe über die bislang zweieinhalb Jahre ohne traditionelles Addon hinweg. Eines aber kann ArenaNet trotz aller Programmierkünste nicht verändern, die Zeit. Und genau die bräuchten meine Freunde und ich, um ein Spiel wie Guild Wars gerecht zu werden.

Written by: Christoph Liedtke

Luftpolsterzerdrücker Vor über 20 Jahren entstand die Liebe zu Videospielen – SNES sei Dank. Es dauerte einige Zeit, bis ich auch der Hardware verfallen war. Nach Jahren der nerdigen Bildung mit diversen Spiele- und Technikmagazinen, entschloss ich mich 2012 erstmals über meine Passion zu schreiben. Es folgte ein Blog, ein Volontariat bei consol.AT sowie Gamers.at und derzeit schreibe ich als freier Redakteur für E-MEDIA. Um die Zeit neben Artikeln, Studium, Freundin und Hündin noch weiter zu dezimieren, entstand parallel unser Projekt namens CONTINUE, denn Videospiele und Technik dürfen niemals zu kurz kommen! Fragen, Anregungen, Feedback oder harsche Kritik bitte an: liedtke@continue-magazin.at Danke für’s Lesen und auf bald.

  • Martin Ma

    Das waren noch Zeiten <3

    Happy birthday Guild Wars!

    • Die besten Zeiten!

  • nelsonert

    Toller Bericht. So hat es bei uns damals auch angefangen und obwohl meine Reallife-Freunde schon recht bald aufgehört haben, hat mich das Spiel gefesselt wie kein Zweites. Nachdem ich wirklich alles durch hatte, 2010 meinen AdH Rang 12 geschafft hatte, habe ich das Spiel an den Nagel gehangen. Mit GW2 konnte ich mich nie wirklich anfreunden und auch sonst hat GW1 mich spieltechnisch ziemlich verseucht. Seitdem habe ich kein anderes Spiel mehr so geliebt und gelebt. Juli 2015 habe ich es also mal wieder installiert und jetzt spiele ich 2-3x die Woche abends eine Runde Monsterschnetzeln oder PvP! Ich war damals ein Teil von Ascalon This Way und später von Pathetic Heroes, falls dir die Gilden noch was sagen sollten 😉
    Gruß aus der Blubberecke.